Schwerpunkte

Plexus mit Tiger Task Force

»Nur eine Global-Sourcing-Strategie hilft langfristig«

28. Juni 2021, 12:00 Uhr   |  Karin Zühlke

»Nur eine Global-Sourcing-Strategie hilft langfristig«
© Plexus/WEKA Fachmedien

„Eine Handvoll unserer Lieferanten stand unmittelbar vor der Insolvenz. Hier haben wir direkt eingegriffen, indem wir in letzter Minute große Einkäufe tätigten und Flexibilität bei den Verbindlichkeiten geschaffen haben.“

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie sorgt die Tiger Task Force von Plexus dafür, die Lieferketten am Laufen zu halten. Nicht zuletzt durch die Einkaufsmacht gelang es der EMS-Grande, Auswirkungen abzufedern. Dazu Oliver Mihm, Executive Vice President – Global Supply Chain & Operational Solutions.

Markt&Technik: Wie steht es momentan um die Supply-Chain-Kontinuität?

Oliver Mihm: Solange die Pandemie anhält, solange werden wir auch mit Unterbrechungen in der Lieferkette zu kämpfen haben – wenn auch nur sporadisch oder lokal. Betroffen sind nicht nur unsere Lieferanten, sondern auch die Lieferanten unserer Lieferanten. Das Problem erstreckt sich über die gesamte Supply Chain und resultiert in hohen Ausfallzeiten, mangelnden Liefer- und Fertigungskapazitäten sowie logistischen und transporttechnischen Herausforderungen. Viele Hersteller mussten ihre Betriebsabläufe anpassen, um mit dem „New Normal“ zurecht zu kommen. Unser Vorteil war es, dass wir in Sachen Risikominderung von jeher sehr gut aufgestellt sind.

Plexus hat schon im Februar 2020 die Tiger Task Force ins Leben gerufen, ein hehrer Name – was genau ist die Aufgabe dieser Task Force?

Zu diesem Team gehören Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen – vom Einkauf über Supply Chain Management, Logistik und Entwicklung. Ihre Aufgabe bestand darin, kurz- wie mittelfristige Wege zu finden, um Arbeitsabläufe und Prozesse am Laufen zu halten. Die globale Zusammenarbeit war entscheidend, denn das Team musste über den Tellerrand hinausschauen, um die massive Anzahl von Engpässen im weltweiten Kontext zu bewältigen. Gleichzeitig brauchte es regionale Fachleute, die schnell und unkompliziert mit der Zuliefererbasis vor Ort kommunizierten. Zunächst lag unser Fokus auf den Partnern in der Region Wuhan und in China. Doch das änderte sich schnell.

Worin genau bestehen die Herausforderungen?

Es gibt zwei grundsätzliche Probleme: Zum einen müssen wir Klarheit über den Status unserer Lieferanten schaffen. Zum anderen ist es wichtig zu verstehen, wie es um den Materialvorrat selbst steht. Die Bestandsaufnahme von betroffenen Zulieferern hilft uns die jeweiligen regionalen Herausforderung wie Lockdowns zu verstehen, die Lage einzuschätzen und – wo immer es möglich ist – unsere Partner zu unterstützen. So helfen wir zum Beispiel bei der Kommunikation mit Behörden, um entsprechende Genehmigungen zu erhalten und den Betrieb fortsetzen zu können. Nicht alle Unternehmen können so ohne weiteres bürokratischen Hürden nehmen, Dokumente einreichen und Anträge stellen. An unserem Fertigungsstandort in Malaysia, wo die Regierung schon früh eine sogenannte Movement Control Order verhängte, konnten wir auf diese Weise vielen Zulieferern unter die Arme greifen. Gleichzeitig unterstützen wir Unternehmen, wenn es darum geht, gesetzliche Vorschriften einzuhalten oder von staatlichen Corona-Hilfsprogrammen zu profitieren.

Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 treffen vor allem kleinere und mittelgroße Lieferanten empfindlich. Wie geht Plexus damit um?

Die Frage, wem wir wie helfen sollen bzw. ob wir überhaupt helfen können, war und ist extrem schwierig. Im Rahmen des internen Risk Assessments überprüfte das Team mehr als 7000 Plexus-Partner und identifizierte über 1000 Zulieferer, die unserer Meinung nach unverhältnismäßig stark von der Pandemie betroffen waren. Diese Bewertung erfolgte auf unterschiedlichen Faktoren, wie aktuelle Auftragslage, betriebliche Einschränkungen, Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter, aber auch Betriebskapital, freier Cashflow und Burn-Rate. Hinzu kamen Kriterien wie Tier-2-Management-, Material- und Logistikherausforderungen.

Eine Handvoll unserer Lieferanten stand unmittelbar vor der Insolvenz. Hier haben wir direkt eingegriffen, indem wir in letzter Minute große Einkäufe tätigten und Flexibilität bei den Verbindlichkeiten geschaffen haben. Damit halfen wir den Zulieferer-Unternehmen, genügend Betriebskapital und freien Cashflow zu generieren, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Und wie können Sie gegenüber Kunden die Lieferkontinuität sicherstellen?

Die Teams priorisieren die Komponenten basierend auf kritischen Engpässen. Die Informationen dazu erhalten wir fortlaufend von unseren weltweiten Standorten. Plexus verfügt über mehrere Toolsets, mit denen wir feststellen können, welche Bestände auf dem freien Markt verfügbar sind. So können wir Versorgungslücken schließen, lieferantenspezifische Informationen austauschen und die Auswirkungen von Unterbrechungen sowie empfohlene Maßnahmen bewerten. Durch unser internes Marktwarnsystem werden Kerninformationen wie die Liefervorlaufzeit in unserem ERP-System automatisch aktualisiert.

Welche Rolle spielt dabei die Predictive-Analytics-Anwendung Drive?

Sie ermöglicht es uns, Teile zu identifizieren, die von Lieferunterbrechungen betroffen sind, und nach Alternativen zu fahnden. „Drop-in-Ersatzteile“ zum Beispiel besitzen ganz ähnliche Parameter in Bezug auf Elektrik und Abmessungen und gewährleisten eine Form-, Passform-, Funktionskompatibilität innerhalb der etablierten und alternativen Komponenten. Auf diese Weise können wir Designänderungen auf PCBA-Ebene vermeiden, was vielen unsere Kunden hilft. Wenn das nicht möglich ist, stellen wir eine Spezifikationsvergleichstabelle zur Verfügung, mit der Kunden die ursprünglichen Komponenten sowie die vorgeschlagenen Alternativen vergleichen und eine bessere Entscheidung treffen können.

(Wie) wird die Pandemie die Beschaffungsstrategie von Unternehmen und EMS-Anbietern nachhaltig verändern?

Auf dem Höhepunkt der Pandemie erlebten die Vertriebspartner einen Ansturm von Unternehmen, die unter normalen Umständen direkt beim Hersteller kaufen. Wenn sich der Markt wieder normalisiert, wird sich dieser Trend legen. Im Fall von Plexus hat unsere lange und beständige Beziehung zu unserem Lieferkettennetzwerk dazu beigetragen, einen Teil der Lieferunterbrechungen abzufangen. Als Top-5-Kunde von großen Distributoren – und in einigen Fällen sogar höher – konnten wir zum Beispiel von Pufferbeständen profitieren, die unsere Partner mit unseren Produktionsstandorten eingerichtet hatten. Diese Möglichkeit hatte längst nicht jeder.

Mit Blick auf die Zukunft sehen wir zwei wichtige Trends: Zum einen hat die Pandemie das Risikobewusstsein von Unternehmen wie nie zuvor verändert. Die Reduzierung des Gesamtrisikoprofils hat für viele unserer Kunden jetzt oberste Priorität. Das wiederum treibt den Einsatz von prädiktiven Analyse-Tools weiter voran. Zum anderen verändert sich die Lieferkette selbst: Statt einer extrem schlanken Supply Chain, mit der sich Betriebsmittel niedrig halten lassen, geht es jetzt vielmehr um eine höhere Supply-Chain-Kontinuität. Nur eine Global-Sourcing-Strategie hilft langfristig, um mit diesen beiden Entwicklungen mithalten zu können. Es ist eine interessante Verschiebung der Perspektive. Und für Plexus eine gute Gelegenheit, um unser Fachwissen in Sachen Supply Chain unter Beweis zu stellen.

Die Fragen stellte Karin Zühlke.

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