Von Defense bis Medizintechnik – Habia fokussiert sich auf Spezialkabel für anspruchsvolle Anwendungen. Im Interview erläutern Jörg Kuck und Christian Kiermaier die Rolle des Unternehmens als Anbieter von Hochleistungskabeln und erklären, warum Habia im PTFE-Markt eine wichtige Lücke besetzt.
Markt&Technik: Habia ist 2024 aus der Fusion der Unternehmen HEW-KABEL und Habia Cable hervorgegangen. Welche Kompetenzen wurden vereint und was war die Motivation für den Zusammenschluss?
Jörg Kuck, Geschäftsführer von HEW-KABEL: Das Unternehmen HEW-KABEL bringt jahrzehntelange Expertise in der Entwicklung und Fertigung hochspezialisierter Kabel für anspruchsvolle Umgebungen mit. Habia Cable aus Schweden ergänzt das durch eine starke Position im Defense- und Industriebereich sowie ein breites PTFE-Kabel-Portfolio. Zusammen entstehen Synergien in Entwicklung, Produktion und globalem Vertrieb, die keines der beiden Unternehmen allein hätte schaffen können.
Christian Kiermaier, VP Sales und Marketing von Habia Cable: Durch den Zusammenschluss können wir Kunden weltweit zuverlässiger bedienen und auch größere, komplexere Projekte abwickeln. Wer bisher zwei Lieferanten benötigte, bekommt heute alles aus einer Hand. Besonders in der Verteidigung und der Medizintechnik – wo Zulassungen, Qualität und Kontinuität kritisch sind – ist das ein echter Mehrwert. Die kombinierte Organisation verfügt über ein erweitertes Produktions- und Vertriebsnetz, eine höhere Fertigungstiefe sowie deutlich größere Entwicklungsressourcen.
Wie unterscheidet sich Ihr Unternehmen heute von Wettbewerbern am Markt?
Kuck: Wir sind kein Massenvolumenhersteller, sondern Partner für komplexe, sicherheitskritische Anwendungen. Kurze Entwicklungszyklen, maßgeschneiderte Lösungen und die Fähigkeit, auch kleinste Stückzahlen in hoher Qualität zu fertigen – das unterscheidet uns. Wir verbinden europäische Fertigungstiefe mit echter Spezialkabel-Kompetenz.
Gibt es einen Fokus auf bestimmte Kabeltypen?
Kiermaier: Ja, dieser liegt klar auf Hochleistungskabeln für extreme Anforderungen wie hohe Temperaturen, aggressive Medien, ionisierende Strahlung oder mechanischen Stress. Dabei zählen PTFE-basierte Kabel zu unserem zentralen Kompetenzbereich – von der Materialauswahl über die Konstruktion bis zur Fertigung und Prüfung. Wir entwickeln viele Leitungen nicht aus bestehenden Baukästen heraus, sondern gezielt anwendungsspezifisch – etwa hinsichtlich Leiteraufbau, Isolations- und Mantelmaterialien, Abschirmkonzepten oder mechanischer Belastbarkeit. Das ermöglicht eine sehr hohe Lebensdauer, auch unter extremen dynamischen, thermischen oder chemischen Bedingungen.
Was ist das Besondere an PTFE-Kabeln – auch im Vergleich zu anderen Kabeltypen?
Kiermaier: Im Vergleich zu Standardisolationsmaterialien wie PVC, PUR oder TPE nehmen PTFE-Kabel eine klar technologische Sonderrolle ein. PTFE ist das Material der Wahl, wenn andere Werkstoffe an ihre Grenzen stoßen – etwa bei extremen Temperaturen, aggressiven Chemikalien oder ionisierender Strahlung. Hinzu kommen herausragende elektrische Eigenschaften, die auch bei hohen Frequenzen stabil bleiben. Das macht PTFE in sicherheitskritischen Anwendungen oft schlicht alternativlos.
In welchen Anwendungsbereichen kommen PTFE-Kabel typischerweise zum Einsatz, und gibt es neue oder stark wachsende Anwendungsfelder?
Kuck: Klassisch dominieren Luftfahrt, Verteidigung, Raumfahrt und Medizintechnik – überall dort, wo Ausfälle keine Option sind. Was wir aktuell stark spüren: Die Nachfrage aus dem Defence-Bereich zieht massiv an, getrieben durch die geopolitische Lage und die Aufrüstungsprogramme in Europa. Daneben sehen wir wachsendes Interesse aus der Öl- und Gasindustrie sowie der industriellen Prozessautomatisierung, wo aggressive Medien und Extremtemperaturen herrschen. Und auch im Bereich Test & Measurement – also Mess- und Prüftechnik – ist PTFE gesetzt, weil die elektrischen Eigenschaften über Temperatur und Frequenz extrem stabil bleiben.
Kiermaier: Ein stark wachsender Bereich ist die Halbleiter- und Elektronikproduktion. Hier treffen hohe Temperaturen, aggressive Chemikalien und hohe Anforderungen an Reinheit aufeinander – ein ideales Einsatzszenario für PTFE. Auch in neuen Energietechnologie-Anwendungen, etwa in der Wasserstoff-, Batterie- oder Leistungselektronik, steigt der Bedarf an Materialien, die hohe Temperaturen, elektrische Belastungen und chemische Einflüsse sicher beherrschen. Mit zunehmender Komplexität industrieller Prozesse wächst der Bedarf an präziser, störungsfreier Signalübertragung. PTFE-Kabel gewinnen hier an Bedeutung, insbesondere in sensiblen Mess- und Prüfsystemen unter anspruchsvollen Umweltbedingungen.
Wie entwickelt sich aktuell die Nachfrage nach PTFE – und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Neuausrichtung des Wettbewerbers Leoni?
Kiermaier: Die Nachfrage wächst solide. Die Entwicklung bei Leoni spielt dabei eine interessante Rolle. Das Unternehmen hat sich jahrelang stark im Automotive-Bereich engagiert und zieht sich aus diesem Segment nun zurück. Das schafft Bewegung im Markt. Kapazitäten und Know-how werden neu ausgerichtet – und Kunden suchen verlässliche Partner. Diese Dynamik spüren wir und nehmen sie als Chance wahr. Wir sind gut positioniert, um hier einzuspringen.
Kuck: Die PTFE-Nachfrage wächst qualitäts- und anwendungsgetrieben, nicht volumengetrieben. Gleichzeitig sorgen die strategischen Neuausrichtungen großer Anbieter wie Leoni für eine Marktbereinigung und stärkere Spezialisierung. Davon profitieren insbesondere Unternehmen wie wir, die PTFE nicht als Randprodukt, sondern als technologischen Kernbaustein verstehen – mit entsprechendem Know-how in Entwicklung, Verarbeitung und Anwendung. Genau in diesem Umfeld gewinnt PTFE weiter an strategischer Bedeutung und bleibt ein relevanter Wachstumsfaktor im High-End-Kabelmarkt.
Mit Blick auf die Zukunft: Welche strategischen Ziele verfolgt Habia? Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Wachstumspotenziale?
Kuck: Die größten Wachstumschancen sehen wir in Defence – durch steigende Verteidigungsbudgets in Europa –, in der Energiewende und im Bereich neuer Technologien. Gleichzeitig investieren wir in die weitere Integration der beiden Unternehmen, um das volle Synergiepotenzial zu heben. Habia setzt strategisch auf Tiefe statt Breite: Wachstum soll gezielt dort entstehen, wo technische Komplexität, Anwendungsverständnis und Engineering-Kompetenz den Unterschied machen.
Wie wird sich der Bereich, in dem Sie tätig sind, technologisch weiterentwickeln? Welche Entwicklungen treiben Sie voran?
Kuck: Kabel werden smarter, leichter und temperaturbeständiger. Wir treiben die Entwicklung neuer Hochtemperaturisolierungen voran, arbeiten an miniaturisierten Konstruktionen für platzkritische Anwendungen und beschäftigen uns mit der Frage, wie Kabel künftig Daten über ihren eigenen Zustand liefern können – Stichwort Structural Health Monitoring. Gleichzeitig schauen wir auf nachhaltigere Materialien, ohne bei der Performance Kompromisse einzugehen.
Kiermaier: Technologisch entwickelt sich unser Markt in Richtung mehr Komplexität, mehr Individualisierung und höherer Verantwortung der Kabelkomponente im Gesamtsystem. Habia treibt diese Entwicklung aktiv mit, indem wir auf Materialkompetenz, Engineering-Tiefe und enge Kundenpartnerschaften setzen.