Nicht nur der Chip-Mangel trifft die Elektronikindustrie hart, sondern in zunehmendem Maße auch der Engpass bei den technischen Kunststoffen.
»Die derzeitige Situation habe ich in dieser Ausprägung noch nicht erlebt«, sagt Markus Brentano, Vice President Purchase von Phoenix Contact. »Wir denken in Quartalen, und das zweite Quartal 2021 hat es in sich! Für die Industrie geht es nicht darum, den Lagerbestand zu füllen, sondern die Herausforderung ist es, überhaupt lieferfähig zu bleiben.« Das ist auch der große Unterschied zu dem letzten Engpass in der Kunststoffversorgung 2018/2019. Die Läger sind leer und betroffen sind immer mehr Vormaterialien.
Zu spüren bekommen den Engpass bei Kunststoffen die Hersteller von Steckverbindern, Gehäusen, Kabeln, Relais sowie Quarzen und Oszillatoren. Christian Dunger, Vorstandsvorsitzender der WDI AG, beschreibt die Situation am Markt für Quarze und Oszillatoren wie folgt: »Die Kunststoffgehäuse sind knapp, weil die Hersteller von Corona-Tests große Mengen an Kunststoff-Pellets einkaufen, die dann woanders fehlen. Alle arbeiten am Rande des Wahnsinns.«
Schwankungen bei den Rohstoffen haben alle schon erlebt – und doch ist die Situation neu. Einen Vergleich zu 2009 wollen einige Experten erst gar nicht ziehen, weil das Ausmaß ein völlig anderes ist. »Wir sehen bei den Kunststoffen viele Parallelen zur Chip-Knappheit«, erklärt Markus Brentano. Neben den Corona-bedingten Ursachen und der Blockade im Suezkanal hat es bei den Polymeren mehrere weitere ungünstige Ereignisse gegeben. Bis heute wirkt sich zum Beispiel der extreme Frost im Februar in Texas auf die Lieferkette aus. Aufgrund des extremen Wetters konnte das dort ansässige Produktionscluster für chemische Inhaltsstoffe für Kunststoffe nur eingeschränkt oder gar nicht produzieren. Mit einer deutlichen Entspannung der Situation rechnet Brentano erst ab 2022. Die Hoffnung besteht vorerst darin, dass die Industrie im dritten Quartal 2021 damit beginnen kann, wieder einen Sicherheitslagerbestand aufzubauen. Davor gilt es, die Situation in enger Absprache mit Lieferanten, der eigenen Value Chain und den Kunden bestmöglich zu überbrücken. Und vor dieser Aufgabe steht die gesamte Industrie, von den Bauelemente-Herstellern bis hin zu den Elektronik-Dienstleistern, bei denen das Thema jetzt aktuell wird.
Katek, eines der zehn größten EMS-Unternehmen in Europa, fertigt für seine Kunden komplette Endgeräte (Box-Build) inklusive Kunststoffgehäuse. Derzeit sind die Lieferketten bei Katek von »einer Knappheit noch nicht akut betroffen aufgrund langfristiger Absicherungen bei den Rohmaterialien«, sagt Rainer Koppitz, CEO der Katek Group, auf Nachfrage von Markt&Technik. »Vereinzelt gibt es aber Lieferengpässe und angespannte Lagen, bei welchen wir nicht die vollen bestellten Mengen erhalten. Aber das ist alles noch im Rahmen und ohne Produktionsstopp oder wirtschaftliche Nachteile«, erklärt er. Wichtig: »Zu jedem einzelnen Case gibt es ein enges Monitoring«, damit das Unternehmen Lösungen mit seinen Lieferanten und Kunden erarbeiten kann, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen.
»Wir spüren, dass die Marktsituation immer angespannter wird«, beschreibt ein Sprecher von Zollner Elektronik die aktuelle Situation. Das Unternehmen kauft Kunststoffteile zu und berichtet davon, dass »Lieferanten zunehmend Lieferschwierigkeiten haben und es zu Verzögerungen kommt«. Bislang sei es Zollner aber gelungen, aufgrund eines breiten Lieferanten-Netzwerks Lösungen zu finden, wodurch sich die Auswirkungen bislang in Grenzen halten. Die weitere Entwicklung abzuschätzen sei schwierig.
Auch Susanne Gujber, Leitung Einkauf bei BMK, bestätigt: »Wir spüren die allgemeine Rohstoffknappheit.« Diese führt sie auch auf den hohen Bedarf an Kunststoffen bei Covid-Schnelltests und Spritzen für die Impfungen zurück. Konkret beobachtet sie: »Aktuell kommen die Allokationsmeldungen vor allem von den Steckverbinder- und Relais-Herstellern, die zumindest für bestimmte Kunststoffgranulate keinen Nachschub mehr bekommen und damit bereits bestätigte Lieferungen gefährdet sehen.«