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Interview

Vishay steigt ins IGBT-Geschäft ein

15. November 2013, 08:10 Uhr   |  Engelbert Hopf

Vishay steigt ins IGBT-Geschäft ein
© Vishay

Johan Vandoorn, Vishay: »Mit dem Ausbau der Manpower in den Bereichen R&D sowie der Produkt- und Verfahrenstechnik, haben wir seit 2009 Ideen und Ressourcen für eine schnellere Entwicklung von neuen Produkten und Technologien in den Wachstumsbereichen unseres Portfolios geschaffen.«

Frühzeitig Technologie- und Markttrends zu erkennen und ihre Umsetzung in marktgerechte Produkte voranzutreiben ist die Aufgabe von Johan Vandoorn, Executive Vice President und CTO von Vishay - eine besondere Herausforderung, da Vishay sowohl passive Bauelemente als auch diskrete Halbleiter anbietet.

Markt&Technik: Als CTO von Vishay stehen Sie vor der wohl ziemlich einmaligen Herausforderung, sowohl die Entwicklung im Bereich Passive als auch bei den Halbleitern voranzutreiben. In welchem Bereich lassen Sie intensiver forschen und entwickeln?

Johan Vandoorn: Ich habe keine Lieblingskinder, um es so auszudrücken. Es gibt keinen festen Schlüssel oder eine feste Verteilung der jährlichen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben bei Vishay. Unsere höchsten Forschungs- und Entwicklungsausgaben fließen in den Bereich stark automatisierter Fertigungen. Unsere Anstrengungen konzentrieren sich damit vor allem auf Produktgruppen, die sehr kapitalintensiv sind.

Sie haben zuletzt neue IGBTs auf den Markt gebracht und werden in der ersten Jahreshälfte 2014 auch neue Dioden für diese IGBTs auf den Markt bringen. Warum sind Sie in diesem Produktsegment aktiv geworden, und wie lange hat die Entwicklung gedauert?

Nach Einschätzung der Marktforscher wird der IGBT-Markt von derzeit 4 Milliarden Dollar bis 2018 auf 6 Milliarden Dollar wachsen - aus unserer Sicht ein sehr interessantes Wachstum. Wir haben uns dabei auf Field-Stop- und Punch-Through-Trench-IGBTs mit mittlerer Geschwindigkeit konzentriert. Basierend auf unserer Trench-MOS-Technologie, haben wir in den letzten drei Jahren 600/650-V-IGBTs entwickelt, die sich vor allem zur effizienten Motorsteuerung im Bereich Industrie, Servos und Weiße Ware eignen. Im ersten Halbjahr 2014 werden wir zudem anti-parallele Dioden mit 600/650 V für IGBT-Copack-Module auf den Markt bringen.

Wie sieht es mit Entwicklungsanstrengungen im Bereich Siliziumkarbid und Galliumnitrid aus?

Wir stehen hier in intensivem Kontakt mit Forschungseinrichtungen und Universitäten, und es gibt speziell im Bereich der Wide-Bandgap-Materialien immer wieder überraschende Anrufe, die neue Möglichkeiten eröffnen. Was SiC und GaN anbelangt, betreiben wir derzeit eine begleitende Forschung. Eine Entscheidung etwa zur Entwicklung eines SiC-MOSFETs oder von GaN-Power-Schaltern ist bei uns noch nicht gefallen.

Intensiv vorangetrieben hat Vishay in den letzten Jahren Entwicklungen zur Gestenerkennung. Im Bereich der IR-Sensoren ist Vishay heute Marktführer. Was sind hier Ihre Ziele?

Welches Potential allein in Näherungssensoren oder Ambient-Light-Sensoren steckt, hat das Marktforschungsinstitut IHS vor kurzem deutlich gemacht: Von aktuell 780 Millionen Dollar wird dieser Markt bis 2017 auf fast 1,3 Milliarden Dollar wachsen. Wir sehen hier die Möglichkeit, mit unseren verschiedenen intelligenten Sensortechnologien eine einfache und intuitive Bedienung der verschiedensten Geräte zu ermöglichen - zum Beispiel in der Consumer-Elektronik, denken Sie hier nur an die verschiedenen Sensorlösungen, die Ihnen den Gebrauch Ihres Smart-Phones erleichtern, und im Automobilbereich, wo Infotainment- oder Navigationslösungen in Zukunft berührungslos über Gesten gesteuert werden können.

Vishay ist über die Jahrzehnte durch seine kontinuierliche Akquisitionsstrategie gewachsen. Dienen diese Übernahmen auch dem kontinuierlichen Ausbau der Manpower im Bereich Forschung&Entwicklung?

Nein, die Akquisitionen dienen in erster Linie dem Ziel, unser Angebot mit seiner Vielzahl an Technologien und Spezialprodukten zu erweitern und so unsere Stellung als »One-Stop-Shop« weiter auszubauen. Auf diese Weise haben wir in der ersten Jahreshälfte 2013 zuletzt für 23 Millionen Dollar den französischen Hersteller von Spezialwiderständen, MCB Industrie, übernommen. Neben den Spezialwiderständen für Industrie, Energienetze, Traktion, Avionik und Militär haben wir durch diese Akquisition die wassergekühlte Widerstandstechnologie und Ultrapräzisionstechnik zu unserem Produktportfolio hinzugefügt. Unter dem Gesichtspunkt des Ausbaus unserer F&E-Kapazitäten sind diese produkttechnisch getriebenen Übernahmen nur punktuelle Ergänzungen.

Als One-Stop-Shop mit einer Vielzahl von Technologien und Spezialprodukten zählt Vishay bei Technologiekonzernen sicher zur ersten Wahl als Sourcing-Quelle nicht nur im Consumer-Elektronik-Bereich. Lassen sich dadurch künftige Marktentwicklungen leichter einschätzen?

Ein gutes Beispiel für einen solchen »Marktvorsprung« war das iPad von Apple. Vishay zählte von Beginn an zu den Lieferanten, weil wir die Produkte bieten konnten, die Apple zur Realisierung der ersten Tablets benötigte. Letztlich wurden wir dann aber vom Erfolg dieses neuen Produkts überrascht. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Tablets so schnell auf Kosten der Notebooks wachsen werden.

Der Siegeszug der Tablets begann vor drei Jahren. Über welchen Zeitraum erstrecken sich denn die grundlegenden Planungen bei Vishay in Bezug auf Forschung und Entwicklung?

Unsere langfristigen Planungen sind Teil von 5-Jahres-Plänen. Eine große Nähe zum Markt ist darum eine Grundvoraussetzung, um rechtzeitig mit den richtigen Produktplattformen am Markt präsent zu sein. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der Boom-Markt der Solartechnik. Auch wenn der Boom in Deutschland etwas abgeflacht ist: Weltweit zeigt dieser Markt immer noch ein interessantes Wachstum. Wer diesen Boom nicht rechtzeitig erkannt hat, konnte von ihm in den letzten zehn Jahre nicht im gleichen Maße profitieren, wie diejenigen, die früh auf diese Entwicklung gesetzt haben. Da sich Märkte sehr schnell dynamisch verändern können, sind wir immer wieder gefordert, unsere Langzeitplanung flexibel an Veränderungen anzupassen.

Im Bereich Widerstände und Kondensatoren wird seit Jahren diskutiert, ob eine weitere Miniaturisierung technisch und wirtschaftlich noch sinnvoll ist.

Ich bin der Überzeugung, dass die Entwicklung bei Widerständen und Kondensatoren nicht so weitergehen kann wie bisher. Für diese Produkte gelten drei Kriterien: Kosten, Performance und Größe. Jeder weitere Miniaturisierungsschritt treibt darum die Extrakosten in die Höhe. Diese Produkte müssen ja nicht nur herstellbar sein, sie müssen sich auch zuverlässig verarbeiten lassen. Den Weg der massiven passiven Integration halte ich nicht für sinnvoll, dabei treten letztlich zu viele parasitäre Effekte auf. Ich gehe deshalb davon aus, dass eine weitere Miniaturisierung nur über Techniken aus der Halbleiterfertigung möglich sein wird, und wenn nötig, stark miniaturisierte passive Funktionen auf diese Weise in ICs integriert werden.

Ein Zukunftstrend, der bislang die in ihn gesetzten Erwartungen noch nicht erfüllt hat, ist E-Mobility. Besteht manchmal nicht schlicht die Gefahr, zu früh auf einen Entwicklungstrend zu reagieren?

Wir gehen davon aus, dass die Elektrifizierung des Autos noch für lange Zeit ein wesentlicher Treiber im Automotive-Bereich sein wird. Wir erwarten aber nicht, dass das Full-Electric-Car in absehbarer Zeit die Welt überrollen wird. Aus unserer Sicht sind die zahlreichen Bemühungen um Hybrid-Lösungen interessanter. Ausgehend von Start-Stop-Lösungen, zählen schon heute 10 Prozent der Neuwagen zu Hybrid-Lösungen.

Im Automotive-Bereich wird wieder über die Einführung eines 48-V-Bordnetzes gesprochen. Ein ähnlicher Plan scheiterte Ende der 1990er-Jahre. Rechnen Sie damit, dass die Automobil-Industrie sich dieses Mal mit ihrem Wunsch durchsetzen kann?

Aus heutiger Sicht kommt das 12-V-Bordnetz bei einem Leistungsbedarf von 12 kW im Fahrzeug an seine Grenzen. Auch der heute bereits von vielen Automobilherstellern gefahrene Ansatz mit Doppelbatterien hat seine Limitierungen. Allein ein Feature wie das assistierte Fahren benötigt mehr als 5 kW. Vor diesem Hintergrund ist ein schrittweiser Übergang vom 12- zum 48-V-Bordnetz in den kommenden Jahren unausweichlich. Auch diese Entwicklung wird nach dem Top-down-Prinzip verlaufen. Wir werden die ersten Fahrzeuge mit 48-V-Bordnetz noch in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts auf den Markt kommen sehen.

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