So blicken Distributoren in die Zukunft

Zwischen KI-Boom, Memory-Hype und industrieller Realität

29. Juni 2026, 14:19 Uhr | Karin Zühlke
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Der Aufschwung ist zurück – doch wie tragfähig ist er wirklich? Seit Anfang des Jahres zeigen die Marktindikatoren für die Elektronikdistribution wieder nach oben. Wir haben bei wichtigen Playern der Branche nachgefragt

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Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit groß. Denn die aktuelle Dynamik wird von Faktoren geprägt, die sich nur schwer voneinander trennen lassen: Künstliche Intelligenz, Speicherknappheit, Lagerzyklen, geopolitische Spannungen und eine Industrie, die sich gleichzeitig mitten in ihrer digitalen Transformation befindet. Die zentrale Frage lautet daher: Erlebt die Elektronikdistribution gerade einen nachhaltigen Aufschwung – oder lediglich die nächste Welle eines ohnehin volatilen Marktes?

Differenziertes Bild

Die Antworten führender Distributoren zeigen ein bemerkenswert differenziertes Bild. Einigkeit besteht darüber, dass weder die optimistische noch die pessimistische Interpretation allein der Realität gerecht wird.

Marcus Warmbier, Head of Marketing bei Schukat, beschreibt die Situation als Mischung aus langfristigen Trends und kurzfristigen Verzerrungen: »Wir sehen derzeit keinen reinen Sondereffekt, aber auch keinen linearen, überall gleichmäßigen Aufschwung. Vielmehr handelt es sich um eine Mischung aus struktureller Nachfrage und zyklischen Verzerrungen.« Getragen werde die Entwicklung von industrieller Automatisierung, Energieeffizienz, Elektrifizierung und dem Ausbau moderner Infrastruktur. Gleichzeitig sorgten KI-Investitionen, Speicherzyklen und kurzfristige Lagerbewegungen für erhebliche Ausschläge.

Zwischen KI-Boom, Memory-Hype und industrieller Realität

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Auch Christian Dunger, Vorstandsvorsitzender der WDI AG, sieht den Markt differenziert: »Der aktuelle Aufschwung in der Elektronikdistribution ist aus unserer Sicht nur teilweise nachhaltig. Ein signifikanter Teil der Dynamik wird aktuell von KI-Investitionen, Preissteigerungen und Nachholeffekten in den Lagerzyklen getragen.« Gleichzeitig verweist er auf strukturelle Wachstumstreiber wie Digitalisierung, Elektrifizierung und den Aufbau resilienterer Lieferketten. Ähnlich argumentiert Helmut Müller, CPO von Bürklin Elektronik. Für ihn ist die aktuelle Entwicklung das Ergebnis mehrerer überlagerter Effekte: »Der Aufschwung ist nicht auf einen einzelnen Grund zurückzuführen.« Reduzierte Lagerbestände bei Kunden, Allokationseffekte bei einzelnen Produktgruppen sowie steigende Bedarfe in verschiedenen Industriezweigen wirkten derzeit gleichzeitig auf den Markt ein.

Besonders weit spannt Thomas Gerhard, Geschäftsführer von Glyn, den historischen Bogen. Aus seiner Sicht folgt die Branche seit Jahrzehnten demselben Muster: »Die Welt ist komplex. Ich denke, dass alles stimmt. Es wird überall immer mehr Elektronik eingesetzt. Deshalb wächst sie nachhaltig.« Zwar sei die langfristige Entwicklung positiv, doch gleichzeitig werde die Branche regelmäßig von Über- und Unterschwingern geprägt. »Das durchschnittliche Wachstum der im FBDi organisierten Distributoren betrug seit Aufzeichnung der Daten in 2008 jährlich ca. 3,4 %. Das erzeugt keine Hysterie aber es wächst stetig und gesund.« Die außergewöhnlichen Marktbewegungen der vergangenen Jahre seien daher eher als zyklische Ausschläge auf einem grundsätzlich stabilen Wachstumspfad zu verstehen.

Marie-Pierre Ducharme, Vice President EMEA Supplier Marketing & Business Development bei Mouser Electronics, verweist auf eine breite Belebung der Entwicklungsaktivitäten: »Die Normalisierung der Lagerbestände und die Nachfrage rund um KI tragen sicherlich zur Erholung bei. Wir sind jedoch überzeugt, dass die Entwicklung breiter aufgestellt und nachhaltiger ist als ein reiner Restocking-Zyklus. «Besonders bemerkenswert sei dabei die Qualität der Nachfrage. Nach Beobachtung von Mouser werde das Wachstum vor allem durch neue Entwicklungsprojekte getragen: »Entscheidend ist, dass die Erholung von Entwicklungsaktivitäten ausgeht und auf einer breiten Basis steht.«

Auch DigiKey bewertet die aktuelle Entwicklung grundsätzlich positiv. Mike Slater, Vice President Global Business Development bei DigiKey, erklärt: »Die Branche befindet sich weiterhin in einer Expansionsphase, von der wir erwarten, dass sie noch einige Zeit anhält, sofern die externe Volatilität nicht weiter zunimmt.« DigiKey beobachtet insbesondere in den Bereichen industrielle Automatisierung, KI-Infrastruktur, Robotik und Luft- und Raumfahrt eine anhaltend hohe Dynamik.

KI verändert die Spielregeln – welche Rolle spielt Europa?

Dass Künstliche Intelligenz derzeit den Markt prägt, bestreitet niemand. Allerdings beschränkt sich ihr Einfluss längst nicht mehr auf Rechenzentren und Hochleistungsprozessoren. Die großen Investitionen in KI-Infrastruktur sorgen für eine steigende Nachfrage nach Speicherbausteinen, Stromversorgungslösungen, Leistungselektronik und Kühlung. Gleichzeitig entstehen völlig neue Anwendungsfelder im industriellen Umfeld.

Arrow Electronics beobachtet insbesondere die Auswirkungen auf die Energieversorgung moderner Rechenzentren, wie Boris Bardoukas, Vice President Sales Components, EMEA Central, UKI & Nordics, von Arrow Electronics ausführt: »KI treibt den Ausbau von Rechenzentren, und damit der Stromversorgungen, die derzeit ein ganz zentrales Thema für viele unseren Kunden sind, voran.« Gleichzeitig verlagert sich die KI zunehmend an den Rand des Netzwerks. Edge-AI-Anwendungen, bei denen Daten lokal verarbeitet werden, entwickeln sich zu einem der wichtigsten Zukunftsmärkte der Elektronikindustrie. Davon profitieren Mikrocontroller mit integrierten KI-Funktionen, FPGAs, Sensorik und Embedded-Systeme gleichermaßen.

Auch die beiden großen Online-Distributoren Mouser und DigiKey beobachten eine außergewöhnlich breite Innovationsdynamik. Mouser berichtet von einer anhaltend hohen Entwicklungsaktivität in Bereichen wie Robotik, Cybersicherheit, industriellen Systemen und Leistungselektronik. Entscheidend sei, dass die aktuelle Erholung vor allem durch neue Entwicklungsprojekte getragen werde und nicht allein durch Lagerauffüllungen. Die hohe Entwicklungsaktivität spiegelt sich auch in den Geschäftszahlen wider. DigiKey startete nach eigenen Angaben mit einem Umsatzwachstum von nahezu 48 Prozent in das Jahr 2026 und verzeichnete insbesondere in Europa zweistellige Wachstumsraten.

Mike Slater sieht dabei vor allem die industrielle Automatisierung als langfristigen Treiber: »Wir erleben derzeit enorm viel Innovation im industriellen Umfeld. Angesichts steigender Arbeitskosten wächst der Bedarf an Automatisierung und Robotik stärker denn je. Langfristig bin ich deshalb sehr optimistisch.« Diese Einschätzung deckt sich mit den Beobachtungen vieler Distributoren. KI wird nicht nur zum Treiber neuer Rechenzentren, sondern zunehmend auch zum Enabler für intelligente Fabriken, autonome Systeme und vernetzte industrielle Prozesse. Damit unterscheidet sich die aktuelle Situation deutlich von früheren Technologiezyklen. KI wirkt nicht nur als Nachfragetreiber für einzelne Komponenten, sondern beeinflusst zunehmend komplette Wertschöpfungsketten. Und dass Europa bei der KI eine maßgebliche Rolle spielt, darauf weist Ralf Bühler, CEO von Conrad mit Nachdruck hin: »Vor allem im Bereich KI kommen aktuell die großen Schlagzeilen aus den USA, aber der industrielle Anwendungsvorsprung liegt in Europa.«

Halbleiter bleiben Wachstumsmotor – IP&E sorgt für Stabilität

Die zweite große Frage lautet, welche Produktsegmente das Wachstum tatsächlich tragen werden. Hier fällt die Antwort der Branche eindeutig aus: Die größten Wachstumsraten werden im Halbleiterbereich erwartet. Die stabile Grundlage liefern jedoch weiterhin IP&E-Produkte. Christian Dunger bringt dies prägnant auf den Punkt: »2026 werden klar die Halbleiter das Wachstum treiben – insbesondere durch KI und starke Preisbewegungen, vor allem im Memory-Bereich.« Gleichzeitig ergänzt er: »IP&E entwickelt sich dagegen stabiler und näher an der realen Endnachfrage.«

Auch Markus Krieg, CMO von Rutronik, erwartet die stärksten Impulse aus dem Halbleitermarkt. Speicherbausteine gehörten aufgrund ihrer zyklischen Marktmechanismen erneut zu den dynamischsten Segmenten. Hinzu kämen Anwendungen rund um AI-at-the-Edge sowie Defense- und Aerospace-Projekte. Bei Schukat sieht man die Situation ausgewogener. »Für Schukat bleibt IP&E die verlässlichere industrielle Basis.« Passive Bauelemente, Stromversorgungen, Kühlung und elektromechanische Komponenten würden oft weniger spektakulär wachsen, dafür aber deutlich kontinuierlicher und näher am tatsächlichen Bedarf der Kunden.

Marie-Pierre Ducharme warnt indes davor, die Bedeutung von IP&E-Komponenten zu unterschätzen: »IP&E bleibt von entscheidender Bedeutung, weil dieser Bereich die tatsächliche industrielle Aktivität und die langfristigen Entwicklungszyklen widerspiegelt.« Steckverbinder, passive Bauelemente und elektromechanische Komponenten hätten sich bereits 2025 als besonders stabil erwiesen und dürften diese Rolle auch künftig behalten. Eine ähnliche Einschätzung vertritt DigiKey. Zwar erwartet auch das Unternehmen die höchsten Wachstumsraten bei Halbleitern, gleichzeitig werde das Wachstum von einer breiten technologischen Basis getragen.

Thomas Gerhard hält die Gegenüberstellung sogar für irreführend: »Was wird in der nächsten Saison besser laufen, linke oder rechte Schuhe?« Halbleiter und IP&E seien untrennbar miteinander verbunden, da beide in denselben Systemen eingesetzt würden. Unterschiede ergäben sich vor allem aus den unterschiedlichen Produktions- und Lieferkettenstrukturen.

Der Memory-Markt wird zum Nervenzentrum der Branche

Kaum ein Segment beschäftigt die Elektronikdistribution derzeit stärker als Speicherbausteine. Die enorme Nachfrage nach KI-Systemen hat zu einer Verschiebung von Produktionskapazitäten geführt. Hersteller konzentrieren sich zunehmend auf hochmargige Speicherlösungen für KI-Beschleuniger und Rechenzentren. Dadurch geraten andere Marktsegmente unter Druck. Die Folgen reichen weit über den Speichermarkt hinaus. »Memory ist aktuell weniger ein normaler Nachfrageindikator als ein Preis-, Kapazitäts- und Bevorratungsthema«, sagt Marcus Warmbier. Für Distributoren werde dadurch die gesamte Kette von der Beschaffung bis zur Projektplanung deutlich komplexer. Auch Rutronik beobachtet erhebliche Auswirkungen auf komplette Systeme. Werden Speicher knapp oder deutlich teurer, verändert sich der Bedarf an sämtlichen Komponenten innerhalb derselben Applikation. Bardoukas verweist auf die Auswirkungen auf komplette Stücklisten: »Wird der Memory-Bedarf eines Kunden nicht gedeckt, hat das Auswirkungen auf die gesamte BOM.«

Besonders drastisch beschreibt Ralf Bühler die aktuelle Situation: »Im Memory-Segment ersetzt Krisenmanagement die Planbarkeit: Radikale Allokationen durch KI-Priorisierung, künstliche Phantom-Nachfrage, hinfällige Preisgarantien und die Risikoverlagerung durch NCNR-Forderungen erzwingen den Abschied von »Just-in-Time« zugunsten teurer Sicherheitsbestände und flexiblerer Verträge. Planbarkeit scheitert also nicht mehr nur an klassischen Lieferkettenrisiken, sondern an strukturellen Marktverschiebungen: Wenn KI-Nachfrage ganze Bauteilkategorien aus dem Standardsortiment der Hersteller verdrängt, helfen klassische Forecasts nicht weiter.« Thomas Gerhard spricht sogar von einer historischen Ausnahmesituation: »So extrem wie in diesem Zyklus haben sich die Preise meiner 30-jährigen Branchenerinnerung nach noch nie entwickelt.«

Die extremen Ausschläge bei Preis und Nachfrage verschlechtern die Planbarkeit in der Distribution und bei unseren Kunden derzeit massiv, unterstreicht auch Thorsten Eyle Director LogOn EMEA bei EBV Elektronik. Und auch er weist darauf hin, dass die klassischen Prognosemodelle, die auf relativ stabilen historischen Daten basieren nicht mehr greifen. »Wenn sich Nachfrage kurzfristig vervielfacht oder Einkaufspreise sprunghaft steigen, verlieren viele dieser Modelle ihre Aussagekraft. Was ist das Ergebnis? Bestandsplanung wird schwieriger, Sicherheitsbestände reichen nicht mehr aus oder werden zu hoch geplant. Unsere Kunden als auch die Distribution schwankt seit 5 Jahren zwischen Out-of-Stock-Situationen und Überbeständen«. Ein weiterer Aspekt ist laut Eyle die Tatsache das Produktions- und Transportkapazitäten sich nicht beliebig schnell anpassen lassen. Besonders kritisch wird das bei globalen Beschaffungsstrukturen oder Single-Source-Lieferanten.

Forecasts verlieren an Aussagekraft

Mit den extremen Ausschlägen verändert sich auch die Art, wie Distributoren planen. Klassische Forecast-Modelle stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Auftragseingänge spiegeln nicht mehr zwangsläufig die tatsächliche Endnachfrage wider, sondern häufig auch Sicherheitsbestellungen, Lageraufbau oder Spekulation auf zukünftige Preisentwicklungen. Christian Dunger beschreibt die Folgen: »Planung wird kurzfristiger, risikoorientierter und stärker von Szenarien statt von belastbaren Langfristprognosen geprägt.« Auch Bürklin beobachtet erhebliche Herausforderungen: »Einkaufspreise, Lieferzeiten und Verfügbarkeiten verändern sich teilweise sehr kurzfristig und sogar mehrmals täglich«, so Helmut Müller.

Die Antwort der Distributoren lautet nahezu unisono: mehr Transparenz, engere Zusammenarbeit mit Kunden und deutlich höhere Flexibilität. »Planbarkeit schaffen wir in solchen Phasen nicht über starre Modelle, sondern über schnelle Reaktion, Markttransparenz und den frühzeitigen Austausch mit unseren Kunden«, erklärt Warmbier.

Geopolitik: Von der »Hyperglobalisierung zur „Slowbalisation“«

Neben dem Memory-Markt nennen nahezu alle Gesprächspartner geopolitische Risiken als zentrale Herausforderung. Dunger formuliert es deutlich: »Den größten Einfluss auf die operative Realität der Distribution haben 2026 klar geopolitische Spannungen.«

Auch Markus Krieg sieht geopolitische Unsicherheiten als bedeutenderen Einflussfaktor als klassische Lieferkettenprobleme. Helmut Müller verweist auf konkrete Entwicklungen: »Geopolitische Entwicklungen, wie zuletzt die Sperrung der Straße von Hormus, bleiben ein großer Risikofaktor.« Gleichzeitig steigen vielerorts Energie-, Transport- und Logistikkosten. Die Folge ist ein dauerhaft höheres Maß an Unsicherheit entlang der gesamten Wertschöpfungskette: »Die Halbleiterindustrie ist Ressourcenintensiv, sprich es gibt einen direkten Einfluß auf die Preise, sei es im Produktionsprozess selbst oder im Transport der Produkte zu den einzelnen Produktionsstätten bis hin zum Endverbraucher«, gibt Michael Speyerer zu Bedenken, Regional Vice President bei Avnet Silcia.

Thomas Gerhard betrachtet die Situation aus makroökonomischer Sicht: Er sieht die Weltwirtschaft in einem Übergang von der jahrzehntelangen Hyperglobalisierung hin zu einer Phase der »Slowbalisation«. Regionale Lieferketten, strategische Unabhängigkeit und geopolitische Interessen würden künftig stärker über wirtschaftliche Entscheidungen bestimmen.

Der Distributor wird zum strategischen Partner

Eine der auffälligsten Entwicklungen betrifft die Rolle der Distribution selbst. Immer mehr Unternehmen erwarten von ihren Distributoren weit mehr als die reine Bereitstellung von Komponenten. »Aus Kundensicht entwickelt sich die Rolle des Distributors zunehmend vom klassischen Lieferanten hin zum strategischen Lösungspartner«, beobachtet Helmut Müller. Diese Entwicklung zeigt sich in nahezu allen Geschäftsmodellen. Schukat baut seine Aktivitäten im Bereich kundenspezifischer Stromversorgungslösungen und Design-ins kontinuierlich aus. »Wir sind nicht nur Lieferant von Standardkomponenten, sondern zunehmend auch Projektpartner.« Conrad setzt auf Plattformstrategien und globale Beschaffungsnetzwerke. Ziel ist es, Lieferantendiversifizierung und Markttransparenz für Kunden beherrschbar zu machen. Mouser investiert in Automatisierung, Infrastruktur und Lieferantenintegration. Arrow nutzt laut Boris Bardoukas seine Breite im Herstellerportfolio, um Alternativen aufzuzeigen und Versorgungsrisiken zu minimieren. Damit verschiebt sich die Wertschöpfung zunehmend vom reinen Produktgeschäft hin zum Management von Komplexität.

Europas Chance liegt in Industrie-Applikationen

Die Diskussion über Europas Wettbewerbsfähigkeit wird häufig von den Erfolgen US- amerikanischer KI-Unternehmen oder asiatischer Fertigungsriesen dominiert. Die Einschätzungen der Distributoren fallen jedoch deutlich optimistischer aus:

Europa werde sich künftig vermutlich nicht über Volumenproduktion oder Hyperscale-KI definieren. Seine Stärke liege vielmehr in industrieller Anwendungskompetenz. »Europa wird sich im globalen Elektronikmarkt wohl zukünftig nicht über Volumen oder KI-Skalierung definieren, sondern über industrielle Anwendungskompetenz«, sagt Christian Dunger.

Marcus Warmbier sieht Europas Chancen in industrieller Tiefe und technologischer Integration: »Europas Chance liegt nicht im Nachbau der Volumenlogik der USA oder Asiens, sondern darin, industrielle Stärke mit technologischem Fortschritt zu verbinden.«

Auch Rutronik verweist auf die Stärken Europas bei Automatisierung, Energieinfrastruktur und Embedded Systems. Gerade die zunehmende Integration von KI in industrielle Prozesse eröffne erhebliches Wachstumspotenzial. Ralf Bühler betont den Vorsprung Europas bei industriellen Anwendungen: »Vor allem im Bereich KI kommen aktuell die großen Schlagzeilen aus den USA, aber der industrielle Anwendungsvorsprung liegt in Europa.«

DigiKey verweist darüber hinaus auf Europas Rolle als Innovationsmotor: »Europa spielt seit vielen Jahren eine führende Rolle in den Bereichen Automotive und industrielle Automatisierung und ist heute einer der wichtigsten Innovationstreiber bei Robotik, humanoiden Robotern und Fabrikautomatisierung.«

Pragmatisch optimistisch schätzt Michael Speyerer die Lage Europas ein: »Der Anteil von EMEA am globalen Halbleitermarkt der immer irgendwo zwischen 7 Prozent und 9 Prozent lag wird sicher nicht massiv nach oben gehen, aber manchmal hat es auch Vorteile klein, fein und innovativ zu sein.«

Auch Thorsten Eyle sieht Europa gar nicht schlecht aufgestellt: »Europas Stärke liegt weiterhin in Industrieelektronik, Automatisierung, Leistungselektronik, Embedded Systems, Sensorik sowie Automotive- und Energietechnik. Gerade in Bereichen wie Industrie 4.0, Robotik, Medizintechnik oder Energieinfrastruktur besitzt die EU eine starke industrielle Basis. Europa ist stabil während USA und China stark von geopolitischen und technologischen Machtblöcken geprägt sind, wir dagegen sind ein stabiler Markt mit hoher Qualität, Datensicherheit und langfristiger Verlässlichkeit. Für viele internationale Unternehmen bleibt die EU deshalb eine strategisch wichtige Absatz- und Produktionsregion

Und Thomas Gerhard bringt es schlussendlich auf den Punkt: »Europa ist und bleibt stark. Es ist ein riesiger Markt. Es gibt in Europa unendlich viel kreatives Know-how. Und vor allem ist es frei.«

Fazit: Wachstum ja – aber unter neuen Vorzeichen

Die Elektronikdistribution erlebt 2026 eine deutliche Belebung. Doch der aktuelle Aufschwung folgt nicht mehr den bekannten Mustern früherer Marktzyklen. KI, Edge Computing, Automatisierung, Energieinfrastruktur und Elektrifizierung schaffen neue Nachfrage. Gleichzeitig sorgen geopolitische Spannungen, volatile Lieferketten und extreme Ausschläge im Memory-Markt für erhebliche Unsicherheit. Die größten Wachstumsimpulse kommen derzeit aus dem Halbleiterbereich. Die notwendige Stabilität liefern weiterhin IP&E-Produkte und klassische Industrieanwendungen.

Für Distributoren wird Resilienz zur Schlüsselkompetenz. Lagerhaltung, Lieferantendiversifizierung, technische Beratung und Supply-Chain-Management entwickeln sich zu zentralen Wettbewerbsfaktoren. Die Rolle des Distributors verändert sich damit – weiter - grundlegend: Vom Komponentenlieferanten hin zum Technologie-, Logistik- und Risikopartner. Europa wiederum dürfte auch künftig eine wichtige Rolle im globalen Elektronikmarkt spielen – nicht als Massenproduzent, sondern als Innovations- und Anwendungsstandort. Gerade die Verbindung von industrieller Kompetenz, Engineering-Know-how und neuen KI-Technologien könnte sich als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen.

Die Branche wächst also wieder. Doch wichtiger als die Frage nach dem Tempo des Wachstums ist möglicherweise eine andere: Wer kann die zunehmende Komplexität des Marktes am besten beherrschen? Genau dort dürfte sich in den kommenden Jahren entscheiden, welche Distributoren zu den Gewinnern der nächsten Marktphase gehören.


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