Die europäische Pharmabranche steht unter Druck. KI, Robotik, Digital Health und neue Fertigungstechnologien eröffnen neue Möglichkeiten. Gleichzeitig steigen Risiken in den Lieferketten. Ein Branchenreport der RS Group analysiert und zeigt Lösungen auf.
Die Pharmaindustrie muss gleichzeitig innovativer und effizienter werden – und das unter zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen. Zu diesem Ergebnis kommt ein aktueller EMEA-Branchenreport der RS Group, der die wichtigsten Trends und Herausforderungen für die pharmazeutische Produktion im Jahr 2026 untersucht. Demnach steht die Branche an einem Wendepunkt: Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, Biotechnologie, Digital Health und Fertigungstechnologien verändern nicht nur die Entwicklung von Arzneimitteln, sondern auch deren Produktion.
Auf der einen Seite stehen neue Chancen durch Technologien wie KI, Robotik und Predictive Analytics. Auf der anderen Seite geraten die Hersteller durch Inflation, steigende Produktionskosten, Patentklippen und fragile Lieferketten zunehmend unter Druck. Gleichzeitig erwarten Regierungen und Gesundheitsbehörden, dass Arzneimittel bezahlbar bleiben. Für die Unternehmen entsteht damit ein Spagat zwischen Investitionsbedarf und Kostendisziplin.
Der Wandel betrifft laut Report jedoch nicht allein die Fertigung. Das Gesundheitswesen bewegt sich zunehmend von der Behandlung bestehender Erkrankungen hin zu Prävention, personalisierten Therapien und individualisierten Arzneimitteln. Fortschritte etwa bei mRNA-Plattformen, CRISPR-Geneditierung und Zelltherapien schaffen neue medizinische Möglichkeiten. Parallel verändern digitale Anwendungen wie Fernüberwachung und virtuelle klinische Erprobungen die Interaktion mit Patienten.
Für Pharmahersteller bedeutet das, dass sie ihre Produktions- und Entwicklungsprozesse entsprechend anpassen müssen. Klassische, auf große Stückzahlen ausgelegte Strukturen geraten dabei zunehmend an ihre Grenzen.
»Schrittweise Änderungen reichen nicht aus«, lautet eine zentrale Aussage des Reports. Wer eine führende Position behaupten wolle, müsse Innovationen beschleunigen und gezielt in digitale Technologien investieren. KI, Robotik und Predictive Analytics könnten dabei nicht nur Effizienzgewinne und Kostensenkungen ermöglichen, sondern auch Qualitätskontrolle, Transparenz und Compliance verbessern.
Eine zentrale Konsequenz der zunehmenden Individualisierung ist die wachsende Bedeutung flexibler Produktionsmodelle. Kleinere Chargen und personalisierte Arzneimittel verändern die Anforderungen an die Fertigung. Hersteller müssen ihre Produktionskapazitäten schneller an wechselnde Nachfrage und neue Produktportfolios anpassen können.
Dazu gehören laut RS auch neue Auslagerungsstrategien und eine stärkere Modularisierung der Produktion. Unternehmen, die ihre Fertigung flexibel skalieren können, sollen dadurch nicht nur Kosten besser kontrollieren, sondern auch schneller auf Marktchancen reagieren können.
Damit verändert sich auch die Rolle der Produktion: Sie muss nicht mehr allein möglichst große Mengen effizient herstellen, sondern zunehmend unterschiedliche Produkte und Chargengrößen wirtschaftlich abbilden.
Eine Technologie, die diesen Wandel unterstützen könnte, ist die kontinuierliche Fertigung. Im Gegensatz zur traditionellen Chargenproduktion laufen die Prozesse dabei kontinuierlich und mit weniger Unterbrechungen ab. Nach Einschätzung des Reports kann dies Stillstandszeiten reduzieren, die Konsistenz verbessern und die Skalierbarkeit erhöhen.
Gleichzeitig lassen sich Produktionsprozesse stärker an Nachfrageschwankungen anpassen. Das könnte insbesondere bei kleineren und individualisierten Produktionsmengen relevant werden. Neben Effizienzgewinnen verspricht die kontinuierliche Fertigung damit auch kürzere Markteinführungszeiten.
Für die Pharmaindustrie bedeutet das allerdings erhebliche Investitionen in neue Anlagen, Automatisierung und digitale Prozesssteuerung. Der Wandel lässt sich somit nicht allein durch Software bewältigen: Gefragt sind integrierte Produktionskonzepte, die neue digitale Technologien mit flexibler Fertigung verbinden.
Auch bei den Lieferketten sieht der Report Handlungsbedarf. Die europäische Pharmaproduktion bleibt von geopolitischen Entwicklungen und internationalen Abhängigkeiten abhängig. Die Auswirkungen unterscheiden sich allerdings von Land zu Land.
Österreich nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Pharmahersteller sind dort gesetzlich verpflichtet, ausreichende Mengen für den heimischen Markt bereitzustellen. Entsprechend seien Lieferengpässe dort bislang weniger ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern.
Anders stellt sich die Situation in der Schweiz dar. Aufgrund der starken Exportorientierung der Schweizer Pharmaindustrie, insbesondere in Richtung USA, können geopolitische Veränderungen dort größere Auswirkungen haben. Auch Deutschland steht unter Druck. Als traditionell bedeutender Standort der europäischen Pharmabranche wächst die Sorge, im internationalen Wettbewerb an Boden zu verlieren.
»Die Healthcare- und Pharmaindustrie befindet sich angesichts verschiedener Entwicklungssprünge in den Bereichen KI, Biotechnologie und Digital Health an einem Wendepunkt«, sagt Stefan Rücker, Corporate Account Manager für die pharmazeutische Industrie bei RS. Innovationen wie mRNA-Plattformen, CRISPR-Geneditierung und Zelltherapien schafften neue Möglichkeiten. Gleichzeitig stünden die Unternehmen vor wachsenden Herausforderungen bei Patentrecht, Kosten und der Absicherung ihrer Lieferketten.
Damit zeichnet der Report ein durchaus ambivalentes Bild: Die technologische Entwicklung eröffnet der Pharmaindustrie enorme Chancen, erhöht aber zugleich den Veränderungsdruck. Für die Hersteller dürfte es künftig weniger darum gehen, ob sie in Digitalisierung, Automatisierung und flexible Fertigung investieren, sondern wie schnell sie diese Technologien in robuste und wirtschaftliche Produktionsstrukturen überführen können.
Der vollständige Branchenreport steht auf der Website von RS zum Download bereit.