Konsolidierung im Halbleitermarkt

»Entscheidend ist eine durchdachte Second-Source-Strategie«

28. Juli 2026, 09:35 Uhr | Karin Zühlke
Wilfried Bruckschen, Glyn: »Wir verstehen uns als Übersetzer zwischen Marktanforderungen und Technologieangebot. Wenn ein Hersteller beispielsweise sein Portfolio bereinigt, begleiten wir unsere Kunden aktiv bei der Suche nach Alternativen, prüfen Kompatibilitäten und unterstützen den technischen Umstieg. Das ist weit mehr als Logistik – das ist echte Wertschöpfung.« Christopher Frese, Glyn: »Europa wird strategisch wichtiger werden – nicht unbedingt als Volumenmarkt, sondern als Innovations- und Stabilitätsanker. Qualität, Spezialisierung und Versorgungssicherheit gewinnen an Bedeutung.«
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Für viele Unternehmen stellt sich die Frage, wie sich Versorgungssicherheit, Second-Source-Strategien und technologische Entscheidungen künftig entwickeln werden. Christopher Frese, Marketing Manager, und Wilfried Bruckschen, Sales Manager bei Glyn:

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Markt&Technik: Herr Frese, Übernahmen und Zusammenschlüsse prägen den Halbleitermarkt seit Jahren. Werden wir künftig mit einer deutlich kleineren Zahl an Herstellern auskommen müssen?

Christopher Frese: Die Konsolidierung begleitet unsere Branche schon seit vielen Jahren. Natürlich verändert sie den Markt, aber sie schafft auch neue Chancen. Für uns bedeutet das, noch flexibler in der Beschaffung zu sein und konsequent auf Diversifizierung sowie Second-Source-Strategien zu setzen. Genau das tun wir bei Glyn. Unser Portfolio entwickelt sich kontinuierlich weiter – auch wenn sich einzelne Namen ändern. Am Ende zählt für uns nur eines: die beste Lösung für den Kunden.

Herr Bruckschen, welche Auswirkungen haben diese Veränderungen konkret auf die Kunden?

Wilfried Bruckschen: Das hängt stark von der jeweiligen Situation ab. Wer gut informiert ist und auf starke Partner setzt, kann sogar profitieren. Herstellerkonsolidierungen bieten die Chance, Lieferketten neu zu bewerten und resilienter aufzustellen. Natürlich kann der Wegfall eines langjährigen Lieferanten zunächst eine Herausforderung sein. Gleichzeitig eröffnet er aber oft den Zugang zu leistungsfähigen Alternativen und moderneren Technologien.

Überwiegen aus Ihrer Sicht also die Chancen gegenüber den Risiken?

Wilfried Bruckschen: Wenn man vorbereitet ist, definitiv. Entscheidend ist eine durchdachte Second-Source-Strategie. Genau hier unterstützen wir unsere Kunden. Wir helfen dabei, Risiken zu minimieren, stabile Lieferketten aufzubauen und auch in dynamischen Marktphasen handlungsfähig zu bleiben.

Gerade mittelständische Unternehmen sorgen sich häufig, bei einer zunehmenden Marktkonzentration ins Hintertreffen zu geraten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christopher Frese: Nein, nicht zwangsläufig. Im Gegenteil: Der Mittelstand kann seine Stärken gezielt ausspielen. Ein Kunde von uns musste beispielsweise nach der Übernahme eines Lieferanten kurzfristig reagieren. Gemeinsam haben wir innerhalb weniger Wochen eine qualifizierte Alternative aufgebaut und den Design-In-Prozess begleitet. Das Ergebnis war nicht nur eine höhere Liefersicherheit, sondern langfristig sogar bessere Konditionen.

Welche Akteure werden Ihrer Meinung nach künftig die Spielregeln im Halbleitermarkt bestimmen?

Christopher Frese: Diejenigen, die flexibel bleiben und strategische Partnerschaften nutzen. Markttransparenz, technisches Know-how und Zugang zu Alternativen werden immer wichtiger. Genau hier liegt die Stärke eines spezialisierten Distributors.

Manche sehen Distributoren zunehmend als verlängerten Arm der Hersteller. Wie verstehen Sie die Rolle der Distribution heute?

Wilfried Bruckschen: Ganz und gar nicht. Wir verstehen uns als Übersetzer zwischen Marktanforderungen und Technologieangebot. Wenn ein Hersteller beispielsweise sein Portfolio bereinigt, begleiten wir unsere Kunden aktiv bei der Suche nach Alternativen, prüfen Kompatibilitäten und unterstützen den technischen Umstieg. Das ist weit mehr als Logistik – das ist echte Wertschöpfung.

Christopher Frese: Unsere Unabhängigkeit entsteht gerade durch die Breite unseres Portfolios. Wir vergleichen Technologien und Herstellerlösungen objektiv und suchen gemeinsam mit dem Kunden die beste Lösung. Das unterscheidet Spezialdistribution von reiner Produktauslieferung.

Wie wird sich die Halbleiterlandschaft Ihrer Einschätzung nach in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Christopher Frese: Wir werden vermutlich weniger, dafür größere Hersteller sehen, die ihre Portfolios stärker fokussieren.

Wilfried Bruckschen: Gleichzeitig entstehen neue Spezialisten – insbesondere in Zukunftsfeldern wie KI, Energieeffizienz, Edge Computing oder Konnektivität. Für Kunden bedeutet das mehr Auswahlmöglichkeiten, aber auch mehr Komplexität.

Christopher Frese: Deshalb wird die Rolle von Distributoren weiter an Bedeutung gewinnen. Wir werden zunehmend Navigator und Integrator in einem immer komplexeren Technologiemarkt.

Wird persönliche Beratung in einem stärker konsolidierten Markt künftig zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor?

Wilfried Bruckschen: Die Gefahr besteht durchaus. Volumenorientierte Geschäftsmodelle konzentrieren sich naturgemäß auf große Abrufe. Mittelständische Kunden erhalten dort häufig nicht mehr die gleiche Betreuungstiefe. Genau deshalb sind individuelle Beratung, technische Unterstützung und Second-Source-Konzepte heute wichtiger denn je.

Christopher Frese: Viele Leistungen, die heute als „neue Services“ diskutiert werden, gehören für uns seit Jahren zum Standard. Proaktive Lifecycle-Beratung, Design-In-Support oder die frühzeitige Identifikation von Alternativen können Kunden enorme Zeit- und Kostenvorteile verschaffen. Für uns ist das kein Zusatzangebot, sondern Kern unseres Geschäfts.

Welche Rolle wird Europa in diesem veränderten Marktumfeld künftig spielen?

Christopher Frese: Europa wird strategisch wichtiger werden – nicht unbedingt als Volumenmarkt, sondern als Innovations- und Stabilitätsanker. Qualität, Spezialisierung und Versorgungssicherheit gewinnen an Bedeutung.

Wilfried Bruckschen: Unternehmen, die früh auf resiliente Lieferketten und starke Partnerschaften setzen, werden auch in einem konsolidierten Markt erfolgreich sein.


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