Geopolitik, volatile Lieferketten und steigende Kosten verändern das Geschäft der Bauteildistributoren nachhaltig. Gleichzeitig wächst die Zuversicht, dass Europa seine Stärken künftig weniger über Massenproduktion als über industrielle Anwendungen und Systemkompetenz ausspielen kann.
Markt&Technik hat bei Elektronikdistributoren nachgefragt.
Die Lieferkettenkrise mag überwunden sein – Planungssicherheit ist sie deshalb noch lange nicht zurück. Im Gegenteil: Für viele Elektronikdistributoren wird 2026 zu einem Jahr, in dem sich gleich mehrere Risikofaktoren gegenseitig verstärken. Geopolitische Spannungen, volatile Transportwege, steigende Energie- und Logistikkosten sowie eine schwer kalkulierbare Nachfrage sorgen für ein Marktumfeld, das sich deutlich von früheren Konjunkturzyklen unterscheidet. Dabei ist weniger ein einzelner Faktor ausschlaggebend als die Summe aller Unsicherheiten. Thorsten Eyle, Director LogOn EMEA bei EBV Elektronik, spricht deshalb von einem »Perfect Storm«. Mehrere Belastungen träfen gleichzeitig auf die operative Realität der Distribution – von Frachtraten über Finanzierungskosten bis hin zum Fachkräftemangel.
Auch Christian Dunger, Vorstand der WDI AG, sieht vor allem die Kumulation der Risiken als Herausforderung. »Die eigentliche Herausforderung ist die Überlagerung dieser Effekte. Sie führt zu deutlich höherer Volatilität und macht Planung zunehmend zu einer Frage des Risikomanagements.«
Thorsten Eyle, EBV: »2026 müssen wir als Perfect Storm bezeichnen. - Mehrere der genannten Risikofelder treffen gleichzeitig auf die operative Realität von Distributoren.«
Während in den vergangenen Jahren vielerorts auf schlanke Bestände gesetzt wurde, gewinnt Versorgungssicherheit wieder an Bedeutung. Schukat bringt diese Entwicklung mit einer einfachen Formel auf den Punkt: »Inventory is insurance.«
Für Marcus Warmbier, Head of Marketing bei Schukat, sind hohe Lagerbestände längst kein Selbstzweck mehr. Vielmehr seien sie ein wesentlicher Bestandteil der Resilienzstrategie. Distributoren müssten heute nicht nur schnell liefern, sondern auch kurzfristige Produktionsbedarfe zuverlässig abdecken können.
Ähnlich argumentiert Rutronik. Markus Krieg betont, dass künftig vor allem diejenigen Unternehmen erfolgreich sein werden, die globale Risiken frühzeitig erkennen, alternative Beschaffungswege etablieren und ihren Kunden größtmögliche Transparenz entlang der Lieferkette bieten.
Auch Conrad sieht Diversifizierung als entscheidenden Erfolgsfaktor. CEO Ralf Bühler bezeichnet geopolitische Störungen inzwischen als »neue Normalität«. Die Antwort darauf sei ein breites internationales Lieferantennetzwerk statt der Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen.
Marcus Warmbier, Schukat: »Inventory is insurance. Bestand ist kein Selbstzweck, aber in einem unsicheren Markt ist ein gut gesteuertes Lager ein wesentlicher Teil der Versorgungssicherheit.«
Neben der Angebotsseite beschäftigt die Branche zunehmend die Entwicklung der Nachfrage. Mike Slater, Vice President Global Business Development bei DigiKey, sieht hier derzeit das größte Risiko. Zwar entwickelten sich KI, Rechenzentren sowie Luft- und Raumfahrt dynamisch, klassische Industrien wie Automotive oder Consumer blieben dagegen verhalten. Erst wenn diese Segmente wieder deutlich anziehen, könnten erneut ernsthafte Versorgungsengpässe entstehen.
Hinzu kommen strukturelle Belastungen. Steigende Finanzierungskosten erhöhen den Druck auf die Lagerhaltung, während neue ESG- und Lieferkettenvorgaben den administrativen Aufwand wachsen lassen. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die Situation zusätzlich.
Trotz aller Herausforderungen fällt der Blick auf Europas Zukunft überraschend optimistisch aus. Kaum einer der befragten Distributoren glaubt zwar, dass Europa im Wettlauf um KI-Halbleiter oder Massenproduktion mit den USA oder Asien konkurrieren wird. Dennoch sehen nahezu alle Teilnehmer erhebliche Chancen.
Für Helmut Müller, CPO von Bürklin Elektronik, gilt: »Europa sollte sich nicht kleiner machen als es ist.« Die Stärken lägen traditionell in industrieller Elektronik, Automatisierung, Engineering und Energieeffizienz – Bereiche, in denen langfristige Industrieprojekte wichtiger seien als kurzfristige Hypes.
Ähnlich argumentiert Marie-Pierre Ducharme, Vice President von Mouser. Europa werde den Markt für Hyperscale-KI zwar kaum dominieren, besitze aber erhebliche Kompetenzen bei industriellen Anwendungen, Embedded Systems und intelligenten Infrastrukturen.
Thomas Gerhard, Geschäftsführer von Glyn, ordnet diese Entwicklung sogar historisch ein. Nach Jahrzehnten der Hyperglobalisierung befinde sich die Welt inzwischen in einer Phase der »Slowbalisation«. Viele Staaten versuchten, Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Kapazitäten aufzubauen. Dennoch bleibt er optimistisch: »Europa ist und bleibt stark. Es ist ein riesiger Markt. Es gibt in Europa unendlich viel kreatives Know-how.«
Thomas Gerhardt, Glyn: »Europa ist und bleibt stark. Es ist ein riesiger Markt. Es gibt in Europa unendlich viel kreatives Know-how.«
Ein roter Faden zieht sich durch nahezu alle Antworten: Europas Zukunft liegt weniger in der Massenfertigung als in anspruchsvollen industriellen Anwendungen.
Ob Robotik, Industrieautomation, Leistungselektronik, Embedded Systems, Energieinfrastruktur oder Edge AI – genau dort sehen die Distributoren die größten Wachstumschancen. Boris Bardoukas von Arrow Electronics bringt diese Position auf den Punkt: »Europas Technologiefirmen sind stark in der Spezialisierung in den Nicht-Consumer-Märkten.«
Auch Michael Speyerer, RVP von Avnet Silica, verweist auf Europas Rolle als Innovationsstandort für »AI at the Edge«, während DigiKey Europa sogar als seine 2025 am schnellsten wachsende Region bezeichnet.
Damit zeichnet sich für die Distribution ein klares Bild ab: 2026 dürfte operativ anspruchsvoller werden als die vergangenen Jahre. Gleichzeitig eröffnet die zunehmende Spezialisierung Europas neue Chancen. Resiliente Lieferketten, technische Beratung und die Fähigkeit, komplexe industrielle Anwendungen zuverlässig zu unterstützen, werden für Distributoren immer stärker zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.