Jörg Strughold, Chief Growth Officer, Global IP&E, Arrow Electronics – mit einer Originalausgabe der Markt&Technik vom 29. Juni 1990.
»Markt&Technikhat als wichtigste mediale Begleiterin der Elektronikindustrie hierzulande in den letzten 50 Jahren eine sehr spannende und abwechslungsreiche Zeit erlebt und mit geprägt.
Bereits während meines Studiums der Elektrotechnik in den frühen 1990er Jahren war Markt&Technik eine wichtige Bezugsquelle für Informationen rund um neue Technologien. Als industrielles Powerhouse baute Europa hochwertige Investitionsgüter, die die Welt antrieben.
Industrieplayer wie Siemens und Philips wurden zu Giganten, aus denen wichtige Halbleiterhersteller erwuchsen, und die GSM-Technologie setzte den weltweiten Standard für mobile Kommunikation – eine wichtige Grundlage für die heute alles dominierende Vernetzung. Doch die letzten Jahre des vergangenen Jahrtausends und die frühen 2000er Jahre zwangen zu einem strategischen Kurswechsel. Das Platzen der Dotcom-Blase, kombiniert mit den Kostenvorteilen Asiens in der Produktion lösten weitreichende Veränderungen aus. Die Fertigung von Unterhaltungselektronik wanderte in großem Maßstab nach Osten ab. Es war eine Phase der Umstrukturierung, doch sie zwang die europäische Technologiebranche dazu, ihre eigentliche Stärke zu finden: Spezialisierung. Wir erkannten, dass unsere Zukunft in hochwertigen, hochkomplexen Technologien lag.
Diese Erkenntnis begründete Europas starke Position unter anderem in der Automobil-, Industrieautomatisierungs- und Luft- und Raumfahrtelektronik. Und als sich Autos von mechanischen Maschinen zu Computern auf Rädern wandelten, wurden zahlreiche Hersteller unverzichtbar. Europäische Halbleiterfirmen waren und sind auch weiterhin Vorreiter bei Mikrocontrollern, Sensoren und Leistungshalbleitern, die den Übergang zu elektrischen und autonomen Fahrzeugen vorantreiben. Die 2020er-Jahre brachten die ultimative Belastungsprobe. Die Pandemie und die darauf folgende Lieferkettenkrise legten die Fragilität unseres globalisierten Modells offen. Die Automobilproduktion wurde aufgrund fehlender Mikrochips eingebremst, und plötzlich waren Halbleiter, sonst eher ein Enabler im Hintergrund, in aller Munde.
Dieser strukturelle Schock löste ein tiefgreifendes politisches und industrielles Umdenken aus. Der Ausbau der Chipindustrie ist nun ein zentrales Anliegen. Heute prägen Nachhaltigkeit und KI unser nächstes Kapitel. Wir entwickeln Lösungen für Green Tech, schaffen hocheffiziente Leistungselektronik zur Steuerung erneuerbarer Energien und ringen zugleich mit dem enormen Strombedarf von KI-Rechenzentren. Wenn ich auf die frühen 1990er Jahre
zurückblicke, ist die Elektroniklandschaft kaum wiederzuerkennen – doch Europas Widerstandsfähigkeit, aufgebaut durch Hightech-Spezialisierung, bleibt unser größtes Kapital. Auch jetzt müssen wir uns wieder neu erfinden, insbesondere in Deutschland. Und auch diesen Weg wird die Markt&Technik begleiten.«