RISC-V im SDV-Zeitalter

Vom Versprechen der Interoperabilität zur Plattformrealität

30. Juni 2026, 11:11 Uhr | Autor: Angel Berrio, Redaktion: Irina Hübner
Die Diskussion um RISC-V hat die Ebene einzelner Prozessorarchitekturen längst verlassen.
© PB Studio / stock.adobe.com

Die Diskussion um RISC-V hat ein neues Stadium erreicht. Die Frage ist nun: Wer definiert die Plattformebene, auf der Softwareökosysteme der nächsten Fahrzeuggeneration entstehen – und können die Plattformen die Anforderungen echtzeitfähiger, sicherheitskritischer Anwendungen zuverlässig erfüllen?

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Softwaredefinierte Fahrzeuge verändern die Logik automobilen Architekturdenkens

Die Automobilindustrie befindet sich inmitten einer tiefgreifenden strukturellen Transformation. Mit dem Übergang zum softwaredefinierten Fahrzeug verändert sich nicht allein die technische Architektur moderner Automobile; zugleich verschieben sich Entwicklungsmodelle, Integrationsstrategien und die Rolle von Software innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette.

Über Jahrzehnte hinweg basierte die Fahrzeugentwicklung auf weitgehend dezentralen Steuergerätearchitekturen, in denen einzelne Funktionen klar definierten Hardwaredomänen zugeordnet waren und Hard- und Software eng miteinander gekoppelt blieben. Dieses Modell stößt jedoch zunehmend an seine Grenzen. Mit wachsender Softwarekomplexität steigen auch die Anforderungen an Skalierbarkeit, Wiederverwendbarkeit sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung von Fahrzeugfunktionen über lange Produktlebenszyklen hinweg.

Hardware entwickelt sich dadurch zunehmend zur langfristigen Softwarebasis. Die entscheidende Frage betrifft daher längst nicht mehr allein die Leistungsfähigkeit einzelner Chips, sondern vielmehr die Flexibilität und Beherrschbarkeit kompletter Plattformarchitekturen. Themen wie Software-Portabilität, standardisierte Schnittstellen und interoperable Entwicklungsumgebungen gewinnen entsprechend massiv an Bedeutung.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an funktionale Sicherheit, Echtzeitfähigkeit und Systemvalidierung weiter an. Anders als im Consumer-Bereich müssen Automotive-Plattformen hochkritische Funktionen über lange Betriebszeiträume hinweg zuverlässig, deterministisch und zertifizierbar unterstützen. Innerhalb des softwaredefinierten Fahrzeugs entsteht daraus ein erheblicher Abstimmungsbedarf zwischen Hardware-, Software- und Toolchain-Ökosystemen.

Warum offene Architekturen plötzlich strategische Bedeutung gewinnen

Vor diesem Hintergrund gewinnt RISC-V zunehmend strategische Relevanz. Die offene Instruction Set Architecture ermöglicht es Unternehmen, Prozessorlösungen deutlich flexibler zu entwickeln und an spezifische Anforderungen anzupassen. Gleichzeitig eröffnet der offene Ansatz die Möglichkeit, Abhängigkeiten von proprietären Plattformmodellen zu reduzieren und technologische Handlungsspielräume zurückzugewinnen.

Insbesondere für die europäische Automobilindustrie besitzt diese Entwicklung strategisches Gewicht. Je stärker softwarezentriert Fahrzeuge sind, desto wichtiger wird die Frage, wer langfristig Einfluss auf jene Plattformen behält, auf denen zukünftige Fahrzeugsoftware ausgeführt wird – ein Bereich, in dem offene und industriell gesteuerte Architekturen einen konkreten Gestaltungsansatz bieten.

Offenheit schafft Innovation – aber nicht automatisch Kompatibilität

Offene Plattformen ermöglichen zweifellos erhebliche Innovationsdynamik. Offenheit allein garantiert jedoch noch kein konsistentes industrielles Ökosystem. Während divergierende Erweiterungen oder inkompatible Software-Stacks in Consumer-Märkten vor allem Unannehmlichkeiten darstellen, werden sie im Automotive-Umfeld schnell zu einem Risiko für Zertifizierung, Wartbarkeit und langfristige Beherrschbarkeit komplexer Systeme. Die langen Lebenszyklen von Fahrzeugen erfordern stabile und portable Softwareplattformen und dafür genügt eine offene ISA allein nicht.

Die eigentliche Herausforderung liegt daher weniger in der Offenheit der Architektur selbst als vielmehr in der Frage, ob sich daraus langfristig belastbare industrielle Plattformstrukturen entwickeln lassen.

Der Wettbewerb verlagert sich vom Prozessor zum Ökosystem

Infolgedessen verändert sich auch die Ebene des Wettbewerbs. Der Erfolg zukünftiger Automotive-Plattformen wird sich vermutlich weniger an einzelnen Prozessorkernen entscheiden als an der Qualität des sie umgebenden Ökosystems: an kompatiblen Toolchains, stabilen Softwareumgebungen, standardisierten Schnittstellen sowie an der Fähigkeit, zunehmend komplexe Systeme effizient zu validieren und zu zertifizieren.

Genau diese Lücke adressiert RT-Europa, die Echtzeit-Plattformspezifikation von Quintauris. RT-Europa erweitert den RISC-V-ISA-Ansatz um eine vollständige architektonische Grundlage für echtzeitkritische Automotive-Anwendungen. Dazu gehören deterministische Speicherzugriffe mit statisch begrenzter Worst-Case-Latenz, Physical Memory Protection (PMP) zur sicheren Isolation von Softwaredomänen, standardisierte Interrupt-Behandlung, die Trennung unterschiedlicher Privilegierungsstufen sowie Debug- und Trace-Schnittstellen, die die Deterministik des Systems nicht beeinträchtigen.

Die definierten Konfigurationsklassen – Minimum, Medium und Maximum – erlauben es RTOS-Anbietern, Toolchain-Entwicklern und SoC-Integratoren, sich auf gemeinsame technische Grundlagen zu verständigen, ohne dabei Differenzierungsmöglichkeiten aufzugeben.

Warum selbst Wettbewerber plötzlich zusammenarbeiten

Bemerkenswert ist dabei auch die Struktur hinter Quintauris selbst. Unternehmen wie Bosch, Infineon, Nordic Semiconductor, NXP, STMicroelectronics und Qualcomm – in vielen Märkten direkte Wettbewerber – arbeiten innerhalb desselben Ökosystems zusammen. Diese Konstellation verdeutlicht, wie grundlegend sich die Dynamik des softwaredefinierten Fahrzeugs verändert.

Fragen rund um Interoperabilität, funktionale Sicherheit, Toolchains oder Plattformstandards lassen sich zunehmend nicht mehr isoliert lösen. Stattdessen entsteht ein neues Verständnis industrieller Zusammenarbeit, bei dem bestimmte Grundlagen gemeinschaftlich entwickelt werden müssen, um darauf aufbauend differenzierende Innovation zu ermöglichen. Der Plattformgedanke gewinnt damit auch innerhalb der Automotive-Halbleiterindustrie erheblich an Bedeutung.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr »ob«, sondern »wer definiert die Plattform«

Der langfristige Erfolg von Automotive-RISC-V wird sich deshalb vermutlich nicht primär an der Anzahl eingesetzter Prozessorkerne messen lassen. Entscheidend dürfte vielmehr sein, ob daraus interoperable, industriefähige und langfristig wartbare Plattformökosysteme entstehen, die den Anforderungen softwaredefinierter Fahrzeuge tatsächlich gerecht werden.

Nur wenn Software portabel bleibt, Entwicklungsaufwände beherrschbar werden und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Marktteilnehmer effizient funktioniert, wird RISC-V sein volles Potenzial im Automotive-Bereich entfalten können.

Die Frage, wer die Plattformebene für Automotive-RISC-V definiert, ist daher längst nicht mehr abstrakt. Mit RT-Europa hat Quintauris eine konkrete und herstellerneutrale Antwort formuliert: eine Spezifikation, die von zentralen Industrieakteuren entwickelt, über unterschiedliche IP- und Softwarekonfigurationen hinweg validiert und als gemeinsames Fundament für die nächste Generation echtzeitfähiger Automotive-Systeme konzipiert wurde.

Der Autor

Angel Berrio
ist Chief Product Officer bei Quintauris.

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