Sensorik & Messtechnik 2030

Warum die eigentliche Intelligenz bereits vor der KI beginnt

26. Juni 2026, 08:08 Uhr | Von Philipp Gutmann, Geschäftsführer AMA Verband für Sensorik und Messtechnik e.V.
Philipp Gutmann, AMA Verband für Sensorik und Messtechnik e.V.
Philipp Gutmann, AMA Verband für Sensorik und Messtechnik e.V.: »Alle sprechen über KI, aber die eigentliche Intelligenz beginnt beim Sensor.«
© AMA Verband

Die Leistungsfähigkeit von KI hängt von der Qualität der Datenbasis ab. Diese Daten entstehen nicht im Rechenzentrum, sondern an der Schnittstelle zur realen Welt. Damit rücken Sensorik und Messtechnik ins Zentrum des Fortschritts. Ein Blick auf Trends und Herausforderungen.

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Zunächst möchte ich der Markt&Technik ganz herzlich zum 50-jährigen Jubiläum gratulieren. Fünf Jahrzehnte kontinuierliche Technologieberichterstattung in einer Branche, die sich permanent neu erfindet, sind alles andere als selbstverständlich. Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche sind fundierte Fachmedien wichtiger denn je – als Einordner, Übersetzer und Plattform für Orientierung. Markt&Technik hat diese Rolle über fünf Jahrzehnte eindrücklich erfüllt.

Die Sensorik- und Messtechnikbranche erlebt derzeit einen tiefgreifenden Umbruch. Viele Technologien, über die wir heute sprechen – Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Robotik, industrielle Digitalisierung oder Quantentechnologien –, haben eines gemeinsam: Sie benötigen hochwertige, verlässliche Daten aus der realen Welt. Genau hier beginnt die Rolle moderner Sensorik.

Die Branche stabilisiert sich – bleibt aber unter Druck

Die aktuelle AMA-Konjunkturumfrage für Q4/2025 zeigt ein differenziertes Bild. Nach schwierigen Marktphasen konnte die Branche im Jahr 2025 insgesamt wieder ein Umsatzwachstum von rund zwei Prozent erzielen. Besonders das vierte Quartal verlief mit einem Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr deutlich positiver als erwartet. Gleichzeitig bleibt die Lage fragil: Die Book-to-Bill-Ratio liegt weiterhin unter eins – bei 0,96. Der Umsatz wächst also aktuell schneller als der Auftragseingang. Die Erholung ist real, aber noch nicht nachhaltig abgesichert.

Trotzdem zeigt sich die Branche bemerkenswert robust. Im vierten Quartal 2025 hat keine einzige Mitgliedsfirma Kurzarbeit angemeldet. Beschäftigung und Investitionen bleiben stabil. Strukturell wächst unsere Branche seit 2005 im Schnitt um 5,7 Prozent pro Jahr – deutlich stärker als das verarbeitende Gewerbe insgesamt. Diesen Wachstumspfad wieder zu erreichen, bleibt das erklärte Ziel für 2026.

Was ich in Gesprächen mit Mitgliedern aktuell spüre: vorsichtigen Optimismus – aber keinen Übermut. Die Erholung ist da, aber viele warten noch ab, bevor sie wirklich investieren.

Gleichzeitig ist die Sensorik traditionell stark internationalisiert: Rund 50 Prozent des Umsatzes wird im Export erzielt, zunehmend außerhalb Europas. Besonders Indien entwickelt sich zu einem strategisch relevanten Wachstumsmarkt. Zwei Drittel der von uns befragten Unternehmen prüfen derzeit einen Ausbau ihrer Aktivitäten oder bereiten einen Markteintritt vor - auch vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen über ein EU-Indien-Freihandelsabkommen, das für große Teile des Warenverkehrs deutliche Handelserleichterungen in Aussicht stellt.

Sensoren werden intelligenter – und verschwinden gleichzeitig

Technologisch beobachten wir derzeit mehrere Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken.

Erstens: Sensoren werden immer kleiner, leistungsfähiger und stärker integriert. Moderne Sensorik verschwindet zunehmend unsichtbar in Produkten, Maschinen und Infrastrukturen – sichtbar etwa bei OLED-Displays mit integrierter Gesundheitsmessung oder bei hochminiaturisierten optischen Kraftsensoren für Robotik und Medizintechnik.

Zweitens: Sensorik entwickelt sich von der reinen Datenerfassung hin zur intelligenten Vorverarbeitung. Edge-AI ermöglicht es heute bereits, Sensordaten direkt im Sensor oder nahe der Datenquelle auszuwerten. Das reduziert Latenzen, spart Energie und ist insbesondere für autonome Systeme entscheidend.

Drittens: Die Grenzen zwischen Sensorik, Photonik, KI und Quantentechnologien beginnen zu verschwimmen. Besonders spannend ist die Entwicklung im Bereich photonischer LiDAR-Systeme, intelligenter optischer Messtechnik und Quantensensorik. Quantenbasierte Magnetometer oder hochpräzise inertiale Sensorsysteme könnten mittelfristig Anwendungen ermöglichen, die heute noch als Zukunftsmusik gelten – etwa GPS-unabhängige Navigation oder völlig neue Verfahren der Materialanalyse. Kein Wunder: Mehr als ein Drittel aller Patentanmeldungen in der Messtechnik entfällt heute bereits auf den Bereich Materialanalyse.

Von „Sensoren messen“ zu „Sensoren entscheiden“

In unserer Studie „Sensor Trends 2030“ – erarbeitet gemeinsam mit dem VDI und knapp 70 Expertinnen und Experten aus Industrie und Forschung unter Leitung von Prof. Dr. Klaus Drese (ISAT Hochschule Coburg) – haben wir untersucht, wie sich die Branche in den kommenden Jahren verändern wird. Eine der zentralen Erkenntnisse: Sensoren werden künftig nicht mehr nur messen – sie werden zunehmend Entscheidungen vorbereiten oder selbst treffen.

Das ist bereits heute sichtbar. Moderne Sensorsysteme erkennen Anomalien, priorisieren Daten, bewerten Wahrscheinlichkeiten und lösen automatisiert Prozesse aus. In autonomen Fahrzeugen, intelligenten Produktionsanlagen oder medizinischen Diagnosesystemen ist das längst Realität. Besonders aufschlussreich: Im Bereich KI und Sensorik verdoppeln sich die Patentanmeldungen alle 1,3 Jahre.

Die Innovationsdynamik ist enorm – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Asien dominiert dieses Feld bereits seit einem Jahrzehnt. Die Stärkung der europäischen Innovationskraft ist deshalb keine Kür, sondern eine strategische Notwendigkeit. Damit verschiebt sich auch die Wertschöpfung innerhalb der Branche. Der eigentliche Wert entsteht künftig nicht mehr allein durch das Sensorelement selbst, sondern durch die Kombination aus Sensorik, Datenverarbeitung, Software und Systemintelligenz. Für viele Unternehmen bedeutet das einen tiefgreifenden Wandel: weg vom reinen Komponentenlieferanten, hin zum Anbieter intelligenter Gesamtsysteme.

Regulierung wird zum Wettbewerbsfaktor

Neben technologischen Entwicklungen rücken regulatorische Themen zunehmend in den Fokus. Der EU Cyber Resilience Act zeigt, dass Unternehmen künftig nicht nur technologisch innovativ sein müssen, sondern regulatorische Anforderungen frühzeitig antizipieren müssen. Unsere Umfrage zeigt hier noch deutlichen Handlungsbedarf: Nur 31 Prozent unserer Mitglieder fühlen sich gut vorbereitet. 33 Prozent haben Maßnahmen in Planung, ein weiteres Drittel hat noch keine konkreten Aktivitäten gestartet. Die Übergangsfrist läuft bis Ende 2027 – die Zeit zu handeln ist jetzt. Gleichzeitig entsteht genau hier ein potenzieller Wettbewerbsvorteil: Wer früh compliant ist, kann das als Marktvorteil gegenüber Kunden aus kritischen Infrastrukturen nutzen.

Regulierung ist kein Selbstzweck – aber der CRA adressiert ein echtes Problem. Unsere Branche liefert die Datenbasis für kritische Infrastrukturen. Da ist Cybersicherheit keine Option, sondern Pflicht.

Die eigentliche Schlüsseltechnologie unserer Zeit

Wenn heute über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, konzentriert sich die öffentliche Diskussion oft auf Algorithmen, Rechenzentren und Softwaremodelle. Der vielleicht wichtigste Teil der Wertschöpfungskette wird dabei häufig übersehen: die physische Erfassung der Realität. Denn ohne hochwertige Sensordaten gibt es keine verlässliche KI. Sensorik und Messtechnik sind deshalb die fundamentale Datenerzeugungsschicht einer digitalisierten Industrie. Genau darin liegt die strategische Bedeutung unserer Branche für die kommenden Jahre – und genau dafür stehen wir als AMA Verband.

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