Die Transformation der Medica / Compamed

»Wir orientieren uns an dem, was die Medizintechnik in Europa braucht«

30. April 2026, 11:14 Uhr | Ute Häußler
Carmen Berger verantwortet seit Herbst 2025 die Medica und Compamed und bringt dort einen komplexen Transformationsprozess auf die Messeflure in Düsseldorf.
© Andreas Wiese

Als neue Messe-Chefin will Carmen Berger die Medica und Compamed grundlegend neu aufstellen: nicht Weltleitmesse, sondern Community-Plattform. Mit geschärfter Nomenklatur, viel Digitalisierung und einem klaren Fokus auf Europa. Mit ihrer Vision 2030 will sie auch die großen OEMs zurückgewinnen.

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Frau Berger, Sie kommen aus der Beratung – wie war der Einstieg in Düsseldorf?

Das war ein echter Headstart. Gleich nach einem Monat die erste Medica, sich in alles einarbeiten, sich alles anschauen. Ich hinterfrage ja erstmal alles grundlegend. Und das Schöne ist, die Messe Düsseldorf ist offen für neue Wege, für neue Ideen und wir legen aktuell ein ordentliches Tempo hin. Ich komme gerade aus einem Management-Meeting und habe nochmal die Bestätigung bekommen: Ich darf investieren – so, wie ich es für richtig halte. Das ist ein riesiger Rückhalt. Und aus den vielen Gesprächen mit Ausstellern und Besuchern – vor Ort auf der Medica, im Nachgang oder auch in Dubai – spüre ich: Es gibt einen echten Willen für eine starke europäische Messe. Dieser Spirit trägt mich und das ganze Team gerade ungemein.

Es gibt auch große Baustellen. Wichtige OEMs fehlen seit Jahren, die WHX wächst - wie reagieren Sie darauf?

Das ist keine Entwicklung seit gestern. Die WHX macht vieles sehr richtig und natürlich sind auch das Wetter und die Visapolitik in Dubai besser. Was ich aber nicht unkommentiert stehen lassen will, ist das Argument, Dubai sei günstiger - wenn man die Gesamtkosten ehrlich aufmacht, relativiert sich das sehr schnell. Was stimmt: die C-Level Ebene trifft man dort an den Ständen leichter - bei uns kommt sie eher als Besucher. Das ist ein echtes Feedback, das wir ernst nehmen und adressieren. Bis auf die großen Imaging-Firmen sprechen wir im Kern von denselben Ausstellern wie in Düsseldorf.

Ich selbst habe dieses Jahr in Dubai überwiegend positive Gespräche geführt – auch über die Weiterentwicklung und Neuausrichtung der Medica. Der Wille für eine starke europäische Plattform ist da, das spüre ich deutlich. Man vergisst es oft, aber trotz aller offenen Themen liegt unsere Besucherzufriedenheit über alle Segmente hinweg bei rund 90 Prozent. Darauf bauen wir. Wir wollen durch Qualität, durch Fokus und vor allem durch neue Showcases zeigen, was diese Branche kann. Nicht »mehr Aussteller um jeden Preis«, sondern die richtigen – und damit auch die großen OEMs langfristig zurück an den Rhein bringen.

Stimmt der Begriff Weltleitmesse noch?

Ich will ehrlich gesagt weg von diesem Begriff. Nicht, weil er falsch wäre, sondern weil er uns nicht weiterbringt. Was ich stattdessen sagen will: Wir sind ein starker Hafen in und für Europa. Für unser Geschäft hier und auch in Nordamerika, für alle, die nach Europa skalieren wollen, und für Europäer, die weltweit skalieren wollen. Wir haben Frankreich als Partnerland im Visier, Australien ist dieses Jahr erstmals mit einem Pavillon dabei. Für Firmen definieren wir gerade sogenannte Business Tracks: Wie komme ich in den französischen Markt? Wie finde ich Zulieferer oder Vertriebspartner in Skandinavien? Das ist der Mehrwert, den ich stärken will.

Unabhängig von der WHX oder auch anderen Veranstaltungen: Unsere eigentliche Konkurrenz in Europa sind die unzähligen, spezialisierten Fachmessen und Arztkongresse – da höre ich bereits von vielen, dass eine Konsolidierung guttäte.  

Und schlussendlich können sich die beiden Messen gut ergänzen: Dubai als Orientierung und mit ersten Deals zu Beginn des Jahres; auf der Medica werden dann die Abschlüsse des Jahres gemacht. Wir haben uns lange mit dem Feedback der Aussteller beschäftigt und es gibt eine große Gruppe von Unternehmen, die hier in Düsseldorf nach wie vor sehr gute Geschäfte machen bzw. für die die Medica oder Compamed einfach ihr Jahresgeschäft ist.

Ein Daueraufreger für hiesige Hersteller sind die asiatischen »Metoo«-Anbieter.

Dazu gibt es in der Branche verschiedene Meinungen. Was ich kritisch sehe, ist, wenn viele Aussteller ähnliche Produkte zeigen – da werde ich eingreifen. Wir sind entschlossen, uns da zu fokussieren, auch wenn das bedeutet, Umsatz liegen zu lassen. Wir orientieren uns an dem, was Europa gerade braucht.

Eine starke Messe für Europa - was ändert sich konkret und strukturell?

Wir haben die Nomenklatur grundlegend neu aufgestellt. Das war auch der Grund, warum die Anmeldung erst im Januar geöffnet wurde, wir wollten explizit die Rückmeldungen der Aussteller und Besucher einbeziehen – für echte Veränderungen bleibt bei einer jährlichen Messe nur ein kleines Zeitfenster, das mussten wir also nutzen. Die zunehmende Spezialisierung in der Medizintechnik soll sich endlich auch auf der Messe abbilden – nicht nur nach Produktkategorien, sondern thematisch. Neonatologie beispielweise ist jetzt ein eigener Bereich. Katastrophenmedizin, Resilienz, die digitale Infrastruktur – das sind ab diesem Jahr keine Randthemen mehr.

Sie lehnen sich dabei stärker an die Logik des Krankenhauses an.

Genau, wir wollen das ganze Ökosystem abbilden. Von der Prävention durch die klinischen Anwendungsbereiche bis hin zur Versorgungsinfrastruktur. Also nicht nur: Was passiert im OP? Sondern auch: Was passiert drum herum – Automatisierung, Lieferkette, IT-Infrastruktur. Wir spannen da sowohl auf den Messefluren wie auch den Foren und Kongressen eine Linie, die die Produkte innerhalb der jeweiligen Kontexte und Systeme zeigen soll. Mit dem Deutschen Krankenhaustag und der Medicine + Sports Konferenz haben wir hier bereits gute Formate, auch die »1st German Health Resilience Conference« wird den internationalen Dialog 2026 weiter stärken. Ergänzend wird das Econ-Forum wieder hiesige Entscheider aus Krankenhäusern und großen Versorgungszentren mit den Krankenkassen verbinden.

Der Schulterschluss mit der Politik war 2025 schon sichtbar. Wie geht das weiter?

Deutlich stärker. Die politischen Roundtables 2025 waren ein erster Schritt, und sie waren ein voller Erfolg. Wir werden den Dialog mit der Politik intensivieren – weil ihn auch die Aussteller wollen. Themen wie das Krankenhauszukunftsgesetz, der Investitionsrückstau, die MDR und ganz prinzipiell der Standort Deutschland: Das sind die Kernfragen der Branche.

Zusätzlich arbeiten wir für 2026 gerade daran, mit dem »European Hospital Leadership Summit« ein internationales Entscheider-Format für Krankenhäuser aufzubauen, dass als Ergänzung zum Deutschen Krankenhaustag an zwei Messetagen stattfindet. Im letzten Jahr hatten wir eine große NHS-Delegation in Düsseldorf zu Gast, die deutlich den Bedarf an einem europäischen und internationalen Dialog klar gezeigt hat.

Der Bereich »Digitale Medizin, Daten und KI« bündelt den sehr diversen Komplex Digitalisierung. Wie sollen Besucher sich orientieren?

Wir befinden uns hier ganz klar in einer Transformationsphase. Für die sogenannten Zukunftsthemen gestalten wir die Hallen 10 bis 12 neu: In Halle 12 entsteht der – kleiner Spoiler: sehr coole – »Hospital-of-the-Future«-Showcase. Da geht es nicht um Einzeltechnologien, sondern um das integrierte, praktisch gelebte Krankenhausmodell. Die Innovationen werden dort entlang der realen Versorgungspfade zusammengeführt: von der Diagnostik über Behandlung und Monitoring bis hin zur Nachsorge.

Den Showcase entwickeln wir mit der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, der Fokus liegt auf Daten und Gesundheitsökosystemen. Wir zeigen u. a. die drei Showcases »Telemedizin« mit dem Uniklinikum RWTH Aachen und der DGAI, »Schlafmedizin« mit der Universitätsmedizin Essen und der DGSM sowie »Herzinsuffizienz« von der TU München und dem Herz- und Diabeteszentrum NRW.

Und wir haben auch einen echten Neuzugang, über den wir uns sehr freuen: Die »Wearable Technologies Conference« zieht von München nach Düsseldorf. Das ist für uns ein starkes Signal – und ein Thema, das wir weiter ausbauen wollen. Wir sind mit der WTC bereits in Hongkong und in den USA aktiv. Wearables sind kein Nischenthema mehr, die Anbindung an die klinische Versorgung wird immer wichtiger.

In Halle 17 gibt es dann andere Seite: Telemedizin, Cybersecurity, Startups und viele digitale Themen. Wir bauen eine klare Logik, damit der Besucher sich sofort zurechtfindet.

Sie nennen die Halle 17 die »jüngere Halle«. Was entsteht dort?

Halle 17 wird unser Herzstück für Startups und Digitalisierung. Der Startup-Park wächst auf fast die doppelte Größe, das ist weltweit einzigartig. Dazu gibt es eine Investoren-Lounge und ein »Investors Breakfast«. Viele digitale Themen wie Telemedizin, Cybersecurity, Health IT und auch KI für spezielle Anwendungen finden hier eine eigene Bühne und Ausstellungsfläche. Auch das Thema HR und der Fachkräftemangel bekommen in Halle 17 einen eigenen Raum.

KI ist DAS Digitalisierungsthema und auf der Medica überall ein bisschen verstreut.

KI wie auch Cybersecurity sind übergeordnete Themen, die sich sowohl an den Ständen wie auch im Bühnenprogramm wiederfinden. Ein Klinikdirektor wird andere Anknüpfungspunkte sehen als etwa ein Produktionsverantwortlicher in der Medizintechnikindustrie oder der Produktverantwortliche für Implantate. Dieser sehr diversen Sicht auf »KI« und »Cybersecurity« wird das Bühnenprogramm gerecht, im Medica Labmed Forum werden die auf die Hot Topics aus einem anderen Blickwinkel betrachtet als beispielsweise im Tech Forum oder Innovation Forum.

Eine eigene »KI-Halle« würde unserer neuen Medica-Logik nicht gerecht werden. Wir wollen keine Einzelanwendungen mehr nebeneinander zeigen, sondern den Wandel zu »Produkten im System« vollziehen. Für Bildgebungsprodukte beispielsweise soll die zugehörige bildanalysierenden KI nebenan gezeigt werden – und eben alle weiteren Produkte, die in diesem Umfeld sinnvoll Anwendung finden.

Für die Zulieferer auf der Compamed wird sich 2026 auf den ersten Blick nicht viel verändern.

Bewusst. Wir brechen nichts übers Knie. Die Compamed läuft gut, die Aussteller sind sehr zufrieden. Perspektivisch werden wir die Medica und die Compamed aber stärker verweben. Gemeinsame Foren, vielleicht ein Rundgangssystem, spezielle Austauschformate zwischen Herstellern, Materiallieferanten und Kunden – wir wollen die komplette B2B-Wertschöpfung und Lieferkette wirklich sichtbar werden lassen. 2026 ist erst der Anfang – 2027 und 2028 wollen wir da deutlich weiter sein. Die renovierte Halle 9 könnte etwa zum neuen Zuhause der Compamed werden – mit viel Platz für Wachstum.

COMPAMED Innovationsforum 2026

Am 21. Mai 2026 (15:00–17:30 Uhr) findet als fachliche Einführung zur Compamed das Compamed Innovationsforum statt. Die vom Fachverband IVAM als Webinar organisierte Veranstaltung adressiert ein internationales Fachpublikum und wird in englischer Sprache durchgeführt. Das Schwerpunktthema ist »Miniaturized MedTech for Maximum Impact: Innovations for Emergency and Intensive Care«

Im Fokus stehen technologische Fortschritte bei der Miniaturisierung für den Einsatz in der Notfall- und Intensivmedizin. Carmen Berger wird als Leiterin der Medica und Compamed die Veranstaltung eröffnen. Detaillierte Informationen zum Programm sowie die Möglichkeit zur Online-Registrierung gibt es unter: www.compamed.de/de/Programm/COMPAMED_Innovationsforum

Die Halle 9 ist dieses Jahr wegen Renovierung geschlossen. Wie wird die Medica für die Zeit des Umbaus gestaltet?

Wir werden durch die im Umbau befindliche Halle 9 einen »Löwengang« bauen, der direkt in die Halle 10 führt. In diesem Gang wollen wir eine Art Zeitreise durch die Geschichte der Medizintechnik und der Medica gestalten, richtig schön mit historischen Motiven. Und wir nutzen den Hallenumbau auch übergeordnet als Chance – die Messe Düsseldorf investiert für die Geländeerneuerung über die Jahre insgesamt 1,45 Milliarden Euro, das ist in diesem Jahr nur der Auftakt zu einer strukturierten Neuordnung.

2026 liegt der Fokus der Transformation insgesamt klar auf den Hallen 10, 11, 12 und der 17 – die werden wir richtig bespielen. Mit dem großen Umbau im nächsten Jahr verlagert sich der Schwerpunkt dann auf den Westbereich mit unter anderem der Labortechnik. Und 2028, wenn die Halle 9 fertig renoviert ist, haben wir die Chance, wirklich alles zusammenzuführen – auch räumlich. Das ist unser übergeordneter Plan.

Sie sprachen vorhin von Konsolidierung im Kongressmarkt – gleichzeitig wollen Sie in Düsseldorf neue Formate ansiedeln. Wie passt das zusammen?

Sehr gut, tatsächlich. Düsseldorf liegt geografisch im Herzen Europas: zehn Minuten vom Flughafen, exzellente internationale Anbindung, unser Kongresszentrum direkt nebenan. Wir führen gerade intensive Gespräche – nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten europäischen Raum – um Kongresse näher an die Medica zu bringen. Viele haben noch keine feste Heimat, und wir sehen da echte Chancen. Das ist ein langfristiges Unterfangen, weil ja auch überall Verträge laufen. Aber es gibt Kongresse, die wir bereits für ein erstes Jahr nach Düsseldorf bringen.

Für den Austausch in der Community sind diese Foren als Inspiration und Mehrwert sehr wichtig, die Anwender sollen verstärkt auf die Bühne, fachliche Diskussionen kommen weiter in den Vordergrund.

Dabei steht für uns das Thema Weiterbildung besonders im Fokus. Dieses Jahr finden erstmals Fortbildungskonferenzen mit CE-Punkten auf der Messe statt – das ist ein klares Signal an die klinischen Fachzielgruppen. Und wir führen »Masterclasses« ein: 90-minütige, kuratierte Sessions mit hochkarätigen Sprechern, die sich neben dem normalen Bühnenprogramm bereit erklärt haben, tiefer ins Thema zu gehen. Dafür gibt es ein eigenes Ticket – und wer nicht auf die Messe kommen kann, kann sogar online teilnehmen.

Wir bringen in Düsseldorf jedes Jahr so viele großartige Fachleute zusammen, hier wollen wir noch viel mehr in den Dialog treten und das ganze Wissen auch zugänglich machen. Jedes Format, das dazukommt, bereichert unsere Besucherstruktur – und stärkt das Ökosystem der Medica / Compamed. Das ist genau der Weg, den ich gehen will.

Sie haben eine konkrete Vision für 2030. Wie sieht die aus?

Ich sehe die Medica und Compamed als eine internationale, kuratierte und vor allem datengetriebene Med-Tech-Community-Plattform, die die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer geschickt zusammenbringt. Nicht nur vier Tage im November – sondern als lebendiges Ökosystem über das ganze Jahr, das die gesamte Kette abbildet: von der Compamed über die klinischen Anwendungen bis hin zu Prävention, Rehabilitation hin zu Global Health. Auch unterjährig gibt es wertvolle Inhalte: Kongresse, die Masterclasses, ein Thought-Leadership-Programm oder auch Lagerfeuergespräche mit den Experten der Branche.

Dieses Jahr starten wir. Was 2027 dazukommt – und wir haben richtig viel im Köcher –, kann ich leider noch nicht verraten; aber es wird einen echten Mehrwert schaffen. Der Claim, den ich anstrebe, ist: Tomorrow's Health Care – today. Nicht Leitmesse, sondern echte Community.

Das haben Sie sich ja eine ordentliche Herausforderung ausgesucht.

Ich hätte mir wirklich keine komplexere, aber auch keine schönere Mammutaufgabe aussuchen können. Ich brenne total dafür, auch weil ich merke: Der Impact ist da. Wenn ich sage, wir verändern das – dann bewegt sich was. Und ich sehe, dass wir mehr Freunde haben, als wir glauben.

Viele in der Branche sagen mir im Gespräch ganz offen: Na endlich. Das Feedback zu den konkreten Ideen und Veränderungen ist bisher durchweg positiv. Man merkt, dass uns für die begonnene Transformation sehr viele fest die Daumen drücken. Das motiviert mich und das gesamte Team. Wir alle wollen die Versänderung und freuen uns auf die diesjährige Medica: Sie wird schon ein merklich anderes Bild abgeben.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!

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