»Zukunftsfeld Medizintechnik: Technologien, Märkte und strategische Optionen« heißt der Branchereport, den die MedtecLIVE 2026 veröffentlicht. Experten zeigen, wie sich die medizinische Versorgung durch Digitalisierung, Automatisierung und KI effektiver, effizienter und nachhaltiger gestalten lässt.
Der europäische Medizintechnikmarkt erreichte 2024 ein Volumen von rund 170 Milliarden Euro. In den vergangenen zehn Jahren ist er im Schnitt um 5,4 Prozent pro Jahr gewachsen. Weltweit liegt das Marktvolumen inzwischen bei über 600 Milliarden US-Dollar. Wachstum entsteht nicht zuletzt dort, wo technologische Lösungen in skalierbare und integrierte Systeme überführt werden.
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Digitalisierung. In vielen Unternehmen bleibt sie jedoch auf einzelne Anwendungen beschränkt. Auch arbeiten viele Medizintechnikunternehmen noch mit historisch gewachsenen, stark manuellen Abläufen und heterogenen IT-Systemen. Der eigentliche Hebel liegt in durchgängigen Datenstrukturen, integrierten Systemen und der Fähigkeit, Informationen entlang der gesamten Wertschöpfung zu nutzen.
Dr. Marc-Pierre Möll vom BVMed
Künstliche Intelligenz spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle. Ihr Einsatz hängt jedoch stark von den vorhandenen Voraussetzungen ab. Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer des BVMed, stellt fest: »Es gibt einen Mangel an KI-Kompetenz. Einige Unternehmen haben das Thema seit Jahren auf der Agenda, aber längst nicht alle – insbesondere nicht die Masse der kleinen und mittelständischen Unternehmen.«
Automatisierung verändert die industrielle Basis der Branche. Moderne Fertigungssysteme ermöglichen es zunehmend, die Produktion etwa von Stents wieder näher an die Absatzmärkte zu holen. Niklas Kuczaty, Geschäftsführer HealthTech im VDMA, beschreibt die Entwicklung so: »Mit hochautomatisierten Anlagen lassen sie sich inzwischen wirtschaftlich in Europa fertigen – auch, weil ein Ingenieur in China nicht mehr deutlich günstiger ist als in Deutschland, während Transport- und Versorgungssicherheitsrisiken im Zweifel schwerer wiegen.«
Niklas Kuczaty vom VDMA Healthtech
Mit zunehmender Digitalisierung steigt die Bedeutung standardisierter Schnittstellen. Technologien wie OPC UA ermöglichen die Kommunikation zwischen Maschinen und IT-Systemen über Herstellergrenzen hinweg. Initiativen wie Manufacturing-X erweitern diesen Ansatz und schaffen die Grundlage für vernetzte Datenräume entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Daten werden dadurch über den gesamten Lebenszyklus hinweg nutzbar – von der Produktion bis zur Anwendung.
Hier entsteht ein Andockpunkt für andere Industrien. Wer Erfahrung mit standardisierten Schnittstellen, Datensouveränität und vernetzten Produktionssystemen mitbringt, kann diese Kompetenz in die Medizintechnik übertragen. Eine Branche, die die Medizintechnik seit Jahren systematisch zur Diversifizierung nutzt, ist der Maschinen- und Anlagenbau. Für ihn ist die Bedeutung der Medizintechnik vor dem Hintergrund des strukturellen Schrumpfungsprozesses im Automobilbau sogar noch gewachsen.
Prof. Dr. med. Tobias Gantner ist Arzt und Unternehmer
Mit den technologischen Entwicklungen verändert sich auch die Logik der Gesundheitsversorgung insgesamt. Arzt und Unternehmer Professor Dr. med. Tobias Gantner macht deutlich, dass Digitalisierung auf Systemebene gedacht werden muss: Sie bedeute nicht, »das, was wir vorher auf Papier gemacht haben, jetzt per E-Mail zu machen«, sondern Versorgungsprozesse grundlegend neu zu strukturieren. Für die Medizintechnik sieht er drei zentrale Ansatzpunkte, die direkt in die Produkt- und Prozessgestaltung der Industrie hineinreichen: Lösungen, die administrative Last reduzieren; Systeme, die telemedizinische Szenarien ermöglichen; und Dateninfrastrukturen für Prävention und Früherkennung.
Damit wird sich die Wettbewerbsfähigkeit von Medizintechnikunternehmen künftig noch stärker daran bemessen, welchen konkreten Beitrag sie zur Gesundheitsökonomie leisten: durch wirksame Lösungen, verantwortungsvolle Materialentscheidungen und tragfähige Geschäftsmodelle. Vergleichbares gilt für die Gesundheitssysteme, in denen sie agieren. In Europa stehen diese Systeme unter erheblichem Druck. Ohne wirksame Strukturen fehlen die Spielräume für Entwicklung – ohne Innovation bleibt Effizienz begrenzt.
Dr. Ing. Michael Ott verantwortet bei Siemens Healthineers das Thema Nachhaltigkeit
Michael Ott, Head of Technology Catalyst & Sustainability bei Siemens Healthineers, erweitert den Effizienzbegriff um die Wirkungsebene: »Effizienz bedeutet nicht nur, Ressourcen einzusparen oder Kosten zu senken. Entscheidend ist, ob Lösungen das Versorgungssystem insgesamt wirksamer machen.« Ein Produkt kann technisch ausgereift und ressourceneffizient hergestellt sein. Entfaltet es jedoch keine messbare Wirkung im klinischen Alltag, verbessert es Prozesse nicht oder basiert es auf problematischen Materialien, bleibt sein Beitrag für das System begrenzt.
Effektivität bildet daher die Grundlage jeder Effizienzentscheidung. Innovation zielt darauf ab, die Versorgung wirksam zu verbessern, Materialien gezielt und verantwortungsvoll einzusetzen und Qualität langfristig zu sichern. Effizienz erhält damit eine doppelte Dimension: Sie betrifft interne Prozesse – und die Wirkung im gesamten Versorgungssystem.
Daneben prägt auch die Internationalisierung die Branche. Stefanie Zenk von der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft bei Germany Trade & Invest weist darauf hin, dass hier allerdings andere Anforderungen gelten als noch vor wenigen Jahren: »Internationale Märkte erwarten heute mehr als reine Lieferbeziehungen. In vielen Regionen werden Montage, Service oder lokale Partnerschaften zu Marktzugangsvoraussetzungen.«
Internationalisierung bedeutet deshalb mehr als »Produkte einfach ins Ausland verkaufen«. Unternehmen müssen lokale regulatorische Systeme verstehen, Netzwerke aufbauen und teilweise auch Produktionsstrukturen vor Ort etablieren.
Auch wenn sich die Dynamik in der Europäischen Union jüngst abgeschwächt hat, bleibt Nachhaltigkeit in der Medizintechnik weiterhin ein strategisches Thema. »Geschäftsmodelle werden sich daran messen lassen müssen, ob sie Kliniken und Gesundheitssystemen helfen, qualitativ hochwertige Versorgung mit messbaren Ressourceneinsparungen zu verbinden – statt Nachhaltigkeit als zusätzlichen Kostenblock zu verbuchen«, ist Stefanie Brauer vom Partnernetzwerk Gesundheit und Cluster Medizintechnik bei Bayern Innovativ überzeugt.
Stefanie Brauer vom Partnernetzwerk Gesundheit und Cluster Medizintechnik bei Bayern Innovativ.
Nachhaltigkeit betrifft Rohmaterialien, Zulieferer, Verpackung, Transport, Energieversorgung und Entsorgungssysteme. Einzelunternehmen stoßen dabei schnell an strukturelle Grenzen. Brauer betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Initiativen, in denen Hersteller, Kliniken, Verbände und Zulieferer gemeinsam an Lösungen arbeiten: »Solche Kooperationen bündeln Fachwissen, erhöhen politische Sichtbarkeit und ermöglichen Skaleneffekte, die einzelne Marktteilnehmer allein kaum erreichen könnten.«
Die strategische Bedeutung der Branche wächst – nicht nur industriell, sondern auch politisch. In Deutschland wird die Medizintechnik von der Bundesregierung nun explizit als Leitwirtschaft eingeordnet. Damit wird ihre Rolle für Innovation, Wertschöpfung und Versorgung anerkennt und systematisch aufgewertet.
Diese Einordnung beeinflusst Förderstrukturen, regulatorische Prioritäten und die Sichtbarkeit auch im Vergleich zu anderen Branchen. Marc-Pierre Möll bringt die gewachsene Bedeutung auf den Punkt: »Wir sprechen immer von Big Pharma. Das ist hier Mighty MedTech.«
Silke Ludwig ist das Gesicht der MedtecLIVE.
Die Medizintechnik entwickelt sich zu einem zentralen Innovationsraum, in dem industrielle Technologien, digitale Systeme und medizinische Anforderungen zusammenkommen. Silke Ludwig, Deputy Director der MedtecLIVE, ordnet diese Entwicklung ein: »Die strategische Bedeutung der Medizintechnik ergibt sich dabei aus einer einfachen Tatsache: Sie verbindet industrielle Innovation mit einer der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit – der medizinischen Versorgung einer alternden Weltbevölkerung.«
Die Branche steht vor einer Vielzahl paralleler Veränderungen, die strategische Entscheidungen zunehmend anspruchsvoller machen. Die nächste MedtecLIVE, die am 5. Mai 2026 in Stuttgart eröffnet wird, bringt Hersteller, Zulieferer, Forschungseinrichtungen und Anwender zusammen, um genau diese Entwicklungen zu diskutieren.
Der Branchenreport der MedtecLIVE gibt Antworten auf zentrale strategische Fragen der kommenden Jahre: Wo liegen robuste Wachstumstreiber? Was bringen Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz? Wie können Unternehmen international wachsen, ohne an Komplexität zu scheitern? Und wie gelingt Nachhaltigkeit, ohne Wettbewerbsfähigkeit zu verspielen? (uh)