Exhibitor Forum der MedtecLIVE 2026

Für die drängenden Fragen der Medizintechnik

21. April 2026, 09:59 Uhr | Ute Häußler
Stuttgart Medizintechnik Zulieferer Wertschöpfung Aussteller Highlights Messeführer Medteclive Messe Nürnberg
© WFM (uh)

Vom 5. bis 7. Mai 2026 zeigt die MedtecLIVE in Stuttgart, was die Medizintechnik bewegt. KI, Cybersecurity, Regulatorik und Fertigungstechnologie sind die aktuellen Themen des Exhibitor Forums, wo Aussteller und Partner Fachvorträge und Wissen zum Mitreden liefern. Die Expertensessions im Überblick.

Diesen Artikel anhören

Zwischen den Messeständen, Produktneuheiten und Prototypen der Halle 3 geschieht auf der MedtecLIVE noch etwas anderes: Die Zulieferer, Hersteller und Verbände können in den drei Tagen auf den Fildern in Austausch kommen und laut nachdenken: Was treibt die Medizintechnik gerade um? Was bremst sie? Und wo liegen aber auch die nächsten Chancen und Möglichkeiten – technologisch, regulatorisch, wirtschaftlich?

Auf dem Exhibitor Forum, der Vortragsbühne der Aussteller, werden diese Fragen konkret. Über den gesamten Messezeitraum präsentieren die vor Ort vertretenen Unternehmen mit ihren Expertinnen und Experten Lösungsansätze, Erkenntnisse und Praxisberichte – mit Vorträgen zwischen 20 und 40 Minuten, die substanzielle Lösungen für aktuelle Problemstellungen liefern sollen. Und davon gibt es in der Medizintechnikindustrie aktuell mehr als genug.

Klare Agenda für eine Branche unter Druck

Die Medizintechnik steht unter dreifachem Druck, was nicht zuletzt die Veröffentlichung des MedtecLIVE Branchenreport zeigt: Regulatorisch hat die MDR die Anforderungen an die Hersteller und auch ihre Zulieferer nachhaltig verändert. Technologisch zwingt die Digitalisierung zur Neuausrichtung etablierter Prozesse – vom Design, über die Fertigung bis zum Qualitätsmanagement. Und wirtschaftlich ächzen gerade die KMU unter dem stetig wachsenden Kostendruck, während gleichzeitig Anforderungen an Qualität, Rückverfolgbarkeit und Cybersicherheit weiter steigen.

Prof. Dr. med. Tobias Gantner ist Arzt und Unternehmer

Prof. Dr. med. Tobias Gantner ist Arzt und Unternehmer

© privat

Die Eröffnungs-Keynote am Dienstag setzt folgerichtig den Ton für die Transformation: Prof. Dr. Tobias D. Gantner fragt, was Medtech-Zulieferer und Hersteller morgen beherrschen müssen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Was auf der großen Bühne beginnt, setzt sich im Exhibitor Forum fort – konkreter, fachlicher und nah an der praktischen Anwendung. Die Leitthemen der MedtecLIVE 2026 – Automatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit – spiegeln sich dabei in jedem einzelnen Vortrag.

KI: Zwischen Potenzial, Prozess und Pflicht

Kein Thema dominiert das Vortragsprogramm so deutlich wie Künstliche Intelligenz. Aber der Blick der Vortragenden ist nüchterner geworden: Es geht nicht mehr darum, ob KI in der Medizintechnik Einzug hält – sondern wie sie verantwortungsvoll, regelkonform und wirklich nützlich eingesetzt werden kann.

Kumavision eröffnet die Sessions rund um Künstliche Intelligenz am Dienstag mit einer zentralen Frage: Wie lassen sich Digitalisierung und KI unter dem Dach von MDR und ISO 13485 zusammenführen? Die Antwort soll das ERP-System medtec365 geben – ein System, das digitale Plattformen und KI-Methoden entlang der gesamten Unternehmensprozesse integriert, ohne regulatorische Anforderungen aus dem Blick zu verlieren. Dass der Wandel dabei nicht nur technisch, sondern vor allem kulturell ist, machen die Softwareentwickler von Bayoosoft am Folgetag deutlich und stellen am Mittwoch scheinbar provokant fest: »Keine Zeit für Digitalisierung: Warum wir an alten Prozessen festhalten.« Der Titel ist Diagnose, keine Polemik – denn oft scheitert der Wandel nicht an der Software, sondern am Menschen.

»Code heilt nicht, …

… aber ohne Software heilt nichts mehr,« stellt M&M Software am Mittwoch in den Raum: Wer heute Medizinprodukte mit Software entwickelt, kämpft gleichzeitig an vier Fronten: SaMD-Konformität, KI-Regulierung, Cybersicherheit und Dateninfrastruktur. Der Vortrag will praktische Handlungsempfehlungen für Hersteller in den Mittelpunkt stellen.

Im Qualitätsmanagement kann KI viel verändern: Digital Life Sciences zeigt am Mittwoch, wie ein modernes elektronisches Qualitätsmanagementsystem (eQMS) KI sinnvoll nutzt – von intelligenter Dokumentenlenkung über automatisierte Änderungshistorien bis hin zur regulatorisch sauber dokumentierten Schulungsverwaltung. Die CAQ AG geht am Donnerstag noch einen Schritt weiter: Die validierbare Software CAQ.Net schlägt die Brücke von der Shopfloor-Ebene bis in die Chefetage – mit durchgängigem Compliance-Management für MDR, GxP, FDA und ISO 13485.

Praxistipp

Das vollständige Rahmenprogramm der MedtecLIVE und des Exhibitor Forums ist online unter www.medteclive.com abrufbar. Dort können Sie sich auch Ihre Favoriten als Vortragslisten speichern.

Ebenfalls am Mittwoch zeigt QAD, wie Agentic-AI den strategischen Einkauf in der Medizintechnik transformieren kann. Im Fokus steht die Frage, wie sich repetitive, administrative Beschaffungsaufgaben regelkonform automatisieren lassen – unter den Anforderungen von EU MDR/IVDR, dem EU AI Act und auch der FDA QMSR Part 820. Der Vortrag macht einen Unterschied zwischen KI-Systemen für Hochrisiko-Anwendungen und solchen, die Geschäftsprozesse wie Sourcing und Supply-Chain-Management optimieren – und damit gar nicht erst als Hochrisiko-KI eingestuft werden.

Den vielleicht weitesten Blick auf das Thema KI wirft der CRM-Anbieter Salesforce – mit gleich zwei Programmslots. Am Dienstag zeigt eine Live-Demo, wie Medtech-Unternehmen durch KI-gestützte Prozesse in Vertrieb, Service und Marketing skalieren können: Im Konzept der »Agentic Enterprise« sollen autonome KI-Agenten Routineaufgaben übernehmen und Vertriebsteams von administrativem Ballast befreien. Dass das keine Theorie ist, belegt am Mittwoch ein prominentes Praxisbeispiel: Karl Storz – ein Pionier der deutschen Medizintechnik – schildert, wie das Unternehmen agentische KI bereits weltweit in Vertrieb und Service einsetzt und welche Lehren daraus gezogen wurden.

Vernetzte Geräte, verwundbare Systeme

Ein Medizinprodukt, das zum Angriffswerkzeug wird – das klang lange nach Science-Fiction, ist aber eine aktuelle und sehr reale Bedrohung. Der Vortrag von SySS trägt dazu am Mittwoch einen bewusst provokanten Titel: »Your Medical Device Could Be Used to Kill.« Jenseits des Schockwerts steckt handfestes Fachwissen: Das Pentest-Unternehmen zeigt anhand realer Fallbeispiele, wie Angreifer vernetzte Medizinprodukte kompromittieren können – und warum IT-Sicherheit längst kein Add-on mehr ist, sondern integraler Bestandteil der Entwicklung sein muss.

HMS Networks nähert sich dem Thema systematisch: Wie entstehen sichere End-to-End-Systeme aus Gerät, Edge-Komponente und Cloud, die zugleich Remote-Service, Gerätemanagement und Updates ermöglichen? Der Dienstagsvortrag zieht Lehren aus Branchen, die vernetzte Systeme schon lange in großer Stückzahl betreiben – Architekturprinzipien, die die Medizintechnik noch konsequenter adaptieren muss.

Präzision trifft Miniaturisierung: Fertigungstechnologien

Neben der digitalen Welt basieren Medizinprodukte auf zumeist sehr robusten Materialien, Werkstoffen und Fertigungsverfahren werden im klinischen Alltag oft bis an ihre Grenzen gefordert. Heraeus Amloy stellt am Dienstag einen Spritzgussprozess für amorphe Metalle vor, der CNC-Präzision mit den Kostenvorteilen des Metal Injection Molding verbindet: Zykluszeiten unter zwei Minuten, hohe Reproduzierbarkeit, Materialeigenschaften so hart wie Titan – und verarbeitbar wie ein Polymer.

Um die effiziente Verarbeitung geht es auch bei den Spezialisten für Laser- und Mikrobearbeitung von LLT Applikation: Am Donnerstag zeigt der Vortrag der Ilmenauer, wie Femtosekundenlaser rohrförmige Medizininstrumente – etwa Biopsienadeln – in einem einzigen Aufspannvorgang schneiden, bohren und kantenbearbeiten. Keine Nachbearbeitung, kürzere Prozessketten, weniger Ausschuss. Ebenfalls am Donnerstag präsentiert Mikron Tool eine Fräslösung für Kobalt-Chrom-Implantate mit Oberflächengüten bis Ra 0,25 – ein Wert, der Maßstäbe in der Implantattechnik setzt.

Bereits am Mittwoch widmet sich Dyconex dem oft unterschätzten Fundament der modernen Medizinelektronik: der Leiterplatte. Ultradünne Substrate, flexible Boards, biokompatible Materialien – für implantierbare Systeme, Biosensoren und minimalinvasive Diagnosegeräte sind diese Anforderungen keine Wünsche, sondern Notwendigkeiten. Der Vortrag zeigt, wie Langzeitzuverlässigkeit unter physiologischen Bedingungen von Feuchtigkeit, über mechanische Belastung bis Alterung, systematisch nachgewiesen werden kann.

Regulatorik ist Ingenieursaufgabe

Eurofins Medical Device Services ist mit zwei Vorträgen auf dem Exhibitor Forum vertreten – an verschiedenen Tagen, aber mit einem gemeinsamen Anliegen: Regulatorik nicht als Hindernis, sondern als Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Am Dienstag beleuchtet Kristin Rödig die überarbeitete ISO 10993-1: Was hat sich bei der biologischen Bewertung von Medizinprodukten geändert, welche Auswirkungen hat der neue lebenszyklusbasierte Risikomanagementansatz konkret auf den Entwickleralltag? Am Donnerstag folgt Dr. Alina Sieber mit einem Vortrag zur Aufbereitung wiederverwendbarer Produkte – von der Reinigung über die Desinfektion bis zur Sterilisation, mit Blick auf Prozessvalidierungen und regulatorische Fallstricke, die sich durch frühzeitige Sensibilisierung vermeiden lassen.

Bei Peku Folien geht es auch um den Umgang mit Richtlinien, wenn auch aus einer anderen Perspektive. Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) wird von vielen Herstellern als regulatorische Bürde wahrgenommen. Der Mittwochsvortrag zeigt: Wer sie konsequent umsetzt, kann sie als Innovationsmotor für nachhaltigere Pharma- und Medtech-Verpackungen nutzen.

Wertschöpfungskette: Per Partnerschaft zum Erfolg

Ein Highlight des Mittwochprogramms ist der Gemeinschaftsvortrag des Netzwerks MedtechForce, das sich auf einer der ersten MedtecLIVE-Messen über eine spontane Idee am Messestand zusammenfand. Die Sechs Partner – Laubscher Präzision, Foba Laser Marking + Engraving, Kumavision, Gindele, Medipack und KKS-Ultraschall – zeigen über die gesamte Wertschöpfungskette anhand eines konkreten Implantats, wie ein durchgängiger, rückverfolgbarer Prozess vom Rohteil bis zur Verpackung aussieht. Jeder Schritt – Präzisionsfertigung, Laserbeschriftung, Ultraschallreinigung, Digitalisierung, und Sterilverpackung – liegt dabei in der Hand eines Spezialisten. Der Vortrag macht eines deutlich: Prozessverständnis endet nicht an der Unternehmensgrenze und die regionalen Partnerschaften können in einem kompetitiven Markt zu einem echten Wettbewerbsfaktor werden.

Mehr Stimmen, mehr Perspektiven

Das Exhibitor Forum ist nicht das einzige Forum auf der MedtecLIVE. Die Branchenverbände ZVEI, VDE, VDMA HealthTech, BVMed, IVAM, BME, Medical Mountains sowie die Allianz für nachhaltige Medizintechnik bringen ihre Expertise mit eigenen Perspektiven in das Rahmenprogramm der Medizintechnikmesse in Stuttgart ein – von Automatisierung und Manufacturing X über Monomaterial-Strategien bis hin zu Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft.

Medical Mountains, das Netzwerk der Medizintechnikregion Tuttlingen, bündelt auf seinem Gemeinschaftsstand seine Zuliefererunternehmen und schafft damit einen eigenen Anlaufpunkt für alle, die den regionalen Ökosystem-Gedanken ernst nehmen. Auf dem Netzwerkabend am Dienstagabend dürfte sich wieder das Medtech-Who-is-Who am Stand 3-216 treffen. Darüber hinaus gestaltet Medical Mountains auch inhaltlich mit: In einem eigenen Vortrag »KI entlang der Wertschöpfung: Produktion, Unternehmen und Medizinprodukte im Fokus« beleuchtet das Netzwerk am Dienstag, wie Künstliche Intelligenz die Medizintechnikregion voranbringen kann – und welche Chancen KI gerade für die mittelständisch geprägte Zulieferstruktur bereithält.

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut ist die Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut ist die Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg

© Katja Bartolec

Dass die Medizintechnik sehr wichtig für die Region ist, zeigt das Grußwort aus der Politik: vor dem Medical-Mountains-Vortrag spricht die Baden-Württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut zu Ausstellern und Besuchern.

Die Automatisierung in der Medizintechnikproduktion beleuchtet der VDMA HealthTech in seinem Forum – mit Fokus auf normkonforme, wirtschaftlich umsetzbare Lösungen aus der Maschinen- und Anlagenbauerperspektive. IVAM, der Fachverband für Mikrotechnik, fragt am Mittwoch, wie intelligente Smart-Health- und Care-Lösungen aus der Mikrotechnik entstehen – von Mikrofluidik über Sensormodule bis zu digitalen Assistenzsystemen. Und am Donnerstag gestaltet der VDE DGBMT eine eigene Session zum Thema »KI in der Medizintechnik – Potenziale und Herausforderungen«. Die Verbandsforen bilden eine gute technologische und gesellschaftliche Einordnung und damit Ergänzung zu den praxisorientierten Ausstellervorträgen des Exhibitor Forums. Weitere Formate von ZVEI, BVMed, BME und der Allianz für nachhaltige Medizintechnik runden das Verbändeprogramm mit Themen rund um Kreislaufwirtschaft, Beschaffung und Branchenstrategie ab. Das Rahmenprogramm liefert mit diesem Mix aus Kontext und konkreten Lösungen ein vollständiges Abbild der Themen, die die Medizintechnik gerade bewegen und voranbringen sollen.

Start-up-Contest

Für sehr frische Ideen und innovative Ansätze abseits der etablierten Zulieferer gibt es zu Ende des ersten Messetages ein eigenes Format: Beim MedtecLIVE Start-up Contest pitchen ausgewählte junge Unternehmen ihre Ideen vor einer hochkarätigen Jury und dem internationalem Fachpublikum. Von 14:30 bis 16:30 Uhr zeigen sie, wie die Medizintechnik von morgen aussehen könnte – mit frischen Ansätzen, neuen Technologien und skalierbaren Geschäftsmodellen. Die anschließende Preisverleihung setzt den Schlusspunkt des ersten Tages auf den Fildern.

Drei Tage Programm für den Branchenblick

Das Rahmenprogramm der MedtecLIVE 2026 besteht aus mehr als Vorträgen und Foren; es ist ein Spiegel der Branche. Was beschäftigt die Unternehmen wirklich? Wo liegen die blinden Flecken? Und wie entstehen eigentlich die Lösungen, Systeme und Produkte, auf die Fertiger, OEMs und medizinischen Anwender warten? Das Exhibitor Forum und die Branchenforen präsentieren die relevanten Inhalte und Inspirationen: Wer hier gut zuhört, kann Stuttgart mit einem klareren Bild davon verlassen, wohin die Medizintechnik steuert – und was es braucht, um vorn dabei zu sein.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+

Lesen Sie mehr zum Thema