Produkt, Plattform und Betrieb aus einer Hand: Die Telekom launcht die »Souveräne Patientenakte« als »End-to-End«-System auf ISO-27001- und BSI-C5-zertifizierter Cloud-Infrastruktur. Die Telekom-ePA adressiert Schwächen aktueller Systeme, etwa Suchfunktionen und strukturierte Daten zur Forschung.
Die Ausgangslage ist ernüchternd: Fast alle gesetzlich Versicherten kennen die ePA, aber nur rund 12 Prozent nutzen sie aktiv; 9 Prozent haben der Datenspeicherung sogar widersprochen, vor allem aus Datenschutzgründen. Genau in dieses Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Rollout-Druck und zögerlicher Akzeptanz stößt die Telekom mit ihrem neuen Angebot. Gottfried Ludewig, Leiter Public und Health bei der Deutschen Telekom, brachte es auf dem vierten Future Health Day der Telekom im Vorfeld der DMEA auf den Punkt: »Was nutzt eine ePA, die nicht genutzt wird.«
Das Timing ist kein Zufall: Die DMEA gilt als wichtigste Bühne für Digital-Health-Lösungen im deutschsprachigen Raum, und die Telekom bespielt dort mit dem Messeauftritt unter dem Motto »Smart Health for Better Care – powered by Data & AI« wie in den letzten Jahren wieder einen großen Stand in Halle 3.2.
Der zentrale Anspruch der Telekom ist klar formuliert: Produkt, Plattform und Betrieb kommen vollständig aus einer Hand. Als technische Basis dient die firmeneigene Open Sovereign Cloud, die Teil der T-Cloud-Infrastruktur ist. Sämtliche Daten – einschließlich Metadaten – werden ausschließlich in deutschen Rechenzentren verarbeitet, die nach ISO 27001, BSI C5 und DIN EN 50600 zertifiziert sind.
Das adressiert eine strukturelle Schwäche des bisherigen ePA-Marktes: Krankenkassen mussten Plattform, Anwendungssoftware und Betrieb bislang von unterschiedlichen Anbietern beziehen, was Integrationsaufwand und Schnittstellenprobleme mit sich brachte. Neben der Patientenakte stehen auf dem DMEA-Stand auch KI, Hyperautomatisierung und Datenanalytik sowie die Telematikinfrastruktur an sich und Digitale Identitäten im Fokus – ein Hinweis darauf, wie die Telekom das Gesundheitswesen als integriertes Plattformgeschäft versteht.
Die »Souveräne Patientenakte« wurde nach Aussagen der Telekom von Beginn an auf Skalierbarkeit, Modularität und Zukunftsfähigkeit ausgelegt. Sie soll explizit Schwachpunkte bestehender ePA-Lösungen beheben: begrenzte Suchfunktionalitäten, fehlende Unterstützung strukturierter Daten und unzureichende Forschungsmöglichkeiten. Letzteres ist politisch gewollt, technisch aber in vielen aktuellen Implementierungen noch nicht ausgereift.
Die Anbindung an das Magenta-Gesundheitsökosystem ermöglicht die Verknüpfung mit weiteren Telekom-Diensten wie den Digitale Identitäten, dem TI-Messenger sowie künftigen Versichertenservices. Krankenkassen können so ihr digitales Portfolio schrittweise erweitern, ohne Medienbrüche oder parallele Insellösungen in Kauf nehmen zu müssen – und ohne mehrere Anbieterverträge parallel zu managen.
Der Kontext, in den die Telekom ihr System einführt, ist komplex. Seit dem 1. Oktober 2025 sind Arztpraxen und Apotheken gesetzlich verpflichtet, die ePA aktiv zu befüllen. Trotzdem berichten fast 60 Prozent der Ärzte, dass sie in der vergangenen Woche mindestens einmal nicht auf die Akte eines Patienten zugreifen konnten; 53 Prozent klagen über zu langsame Zugriffszeiten. Das KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner appellierte daraufhin an die Hersteller, ihre Produkte nachzubessern.
In Krankenhäusern stockt der Rollout weiterhin: Nur 40 Prozent der Kliniken pilotieren die ePA bislang, und 43 Prozent der Häuser erwarten eine krankenhausweite Nutzung erst ab dem dritten Quartal 2026. Als Hauptursache gelten komplexe Infrastrukturen und zu ambitionierte Zeitpläne – nicht mangelnder Wille. Immerhin: Die Gematik verzeichnet inzwischen mehr als 100 Millionen hinterlegte Dokumente und wöchentlich über 21 Millionen Abrufe von Medikamentenlisten.
Die Telekom setzt auf Vertrauen als Differenzierungsmerkmal – und die Marke trägt in Deutschland tatsächlich Gewicht, gerade im Sicherheitsbereich. Das Unternehmen kann dabei auf nachgewiesene Erfahrung im Gesundheitsökosystem verweisen: Die AOK-Gemeinschaft hat T-Systems bereits mit der Bereitstellung und dem Betrieb sicherer Digitaler Identitäten (GesundheitsID) für 27 Millionen AOK-Versicherte beauftragt.
»Mit der souveränen Patientenakte legen wir den Grundstein für die nächste Ausbaustufe digitaler Gesundheitsversorgung in Deutschland,« so Gottfried Ludewig, für den die Telekom weniger als reiner ePA-Anbieter sondern als Partner im Markt wahrgenommen werden soll.
Bisher ist die Telekom der einziger Komplettanbieter am Markt. Ob Krankenkassen bereit sind, sich bei einer derart sensiblen Infrastruktur auf einen einzigen Anbieter einzulassen, bleibt offen. Vendor-Lock-in ist im Gesundheitswesen ein bekanntes Risiko – und zudem steht die Gematik-Zulassung noch aus. (uh)
Die Deutsche Telekom präsentiert die Souveräne Patientenakte auf der DMEA 2026 in Berlin (21.–23. April), Halle 3.2, Stand A-103.