Die Gesundheitsfabrik nimmt Gestalt an: Auf der DMEA 2026 zeigten KI, Interoperabilität und Cybersicherheit, wie Technologien und vernetzte Medizinsysteme klinische Workflows in Echtzeit neu ordnen. Von der Radiologie bis zur Intensivstation wird Digitalisierung jetzt zum Betriebsmodell.
Messen, steuern, optimieren – in Echtzeit, datengetrieben, vernetzt. Was in der industriellen Fertigung selbstverständlich ist, hält jetzt Einzug ins Krankenhaus. Ziel ist die Automation der klinischen Workflows; vernetzte Geräte, strukturierte Daten, Robotik und KI sollen bei steigenden Patientenzahlen für Effizienz, hohe Durchlaufzahlen, geringe Wartezeiten sowie für bessere Diagnosen und Therapien sorgen.
Die Technologien für die »digitale Gesundheitsfabrik« waren auf der DMEA 2026 keine visionären Skizzen oder Prototypen mehr, sie wurden an den Ständen der vom 21. bis 23. April zum letzten Mal in Berlin ausgetragenen Digital-Health-Messe anhand realer Anwendungsfälle vorgeführt. 22.000 Besucher, 900 Aussteller und 550 Vortragende erzeugten vor dem Umzug nach München noch einmal einen neuen Rekord. Der Vibe unter dem Messeturm: Dank verpflichtender ePA, dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), einem Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) und gezielten Förderprogrammen kommt die Digitalisierung des Gesundheitswesens spür- und greifbar in die Umsetzung. »Wir wollen nicht an, sondern mit der Digitalisierung sparen«, sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zur Eröffnung. Die Messe zeigt: Die Werkzeuge sind da – doch Mut zur Skalierung und Tempo müssen jetzt folgen.
Der AI-Rad Companion von Siemens Healthineers ist inzwischen für den Thorax, das Gehirn, die Prostata und für Organs RT in der Strahlentherapie verfügbar.
Kaum ein Stand ohne KI-Demo, als Workflow-Werkzeug zog sich die Künstliche Intelligenz wie ein Möglichmacher durch Medizingeräte, IT- und Planungssoftware sowie die Tools zur Cybersicherheit. Der entscheidende Unterschied zu den Vorjahren: Statt Demos und Versprechen wurden vielerorts zertifizierte Produkte und bereits auf dem Markt befindliche, sofort einsatzbereite Systeme gezeigt.
Siemens Healthineers präsentierte die neueste Version seines KI-Tools »AI Rad Companion«, dessen Chest-CT-Modul in Halle 2.2. mit einem Mausklick Lungenknoten detektierte, vermaß und markierte – wofür selbst geübte Radiologen sonst mehrere Minuten bräuchten. Neben der Hilfe beim Befund arbeitet auch der Erlanger Medizingerätebauer an der Automation: Langfristiges Ziel sind unter anderem autonome Scanner. CT- oder MRT-Geräte sollen sich automatisch an den Patienten anpassen, mit Kameras und Sensoren die Untersuchung überwachen und ohne menschliches Zutun eine optimale Bildaufnahme steuern.
Wie die Metriken der KI klinisch sinnvoll werden, zeigte der auf Akutmedizin spezialisierte Dräger-Konzern in Halle 3.2: Das System für das Patientendatenmanagement analysiert retrospektiv die Beatmung minutengenau. Der Anästhesist sieht, wann der Frischgasflow außerhalb der Norm lag, und kann daraus Maßnahmen für die nächsten OP ableiten.
Dass KI auch das Selbstmanagement bei Patienten verändert, zeigte Roche Diagnostics mit seinem neuen Diabetes-Patch. Eine detaillierte Zweistunden-Vorausschau liefert tiefere Einblicke in den Glukoseverlauf und warnt sogar vor nächtlicher Unterzuckerung. Parallel treibt Roche auch seine klinischen Diagnose-Algorithmen voran, die von Ärzten wie Blutproben im Labor angefordert werden können. Als zertifizierte Medizinprodukte soll neben dem bereits etablierten Leber-Score der neue Nieren-Score bei Risikopatienten die Dialysewahrscheinlichkeit in zwei bis fünf Jahren einschätzen und eine weit frühere Erkennung, besser greifende Therapien sowie eine verkürzte Patientenreise bewirken.
Dr. Theresa Ahrens forscht für das Fraunhofer IESE im Bereich Digital Health Engineering und ist eine der wichtigsten deutschen Stimmen in diesem Bereich.
Doch die für eine automatisierte, KI-unterstützte Gesundheitsversorgung geforderte Vernetzung ist noch längst keine gelebte Realität: »Die vielgerühmte Interoperabilität ist nirgendwo wirklich in der Praxis«, stellte Dr. Theresa Ahrens fest. Laut der Digital-Healt-Forscherin des Fraunhofer IESE blieben die Vorteile von KI ohne strukturierte, semantisch einheitliche Daten eine leere Verheißung. Mit ihrem Team arbeitet Dr. Ahrens unter anderem im Projekt »FHIR-Starter« daran, klinische Dokumente wie Entlassbriefe und Pathologiebefunde per Large Language Model in FHIR-konforme Datensätze umzuwandeln und teilbar sowie maschinell verarbeitbar aufzubereiten. Schon diesen Sommer soll ein erster Demonstrator gezeigt werden können.
Wie interagieren Medizingeräte im vernetzten OP? Das demonstrierte der ORNet e.V. mit dem SDC-Standard in Halle 6.2. auf der DMEA.
Diese Vernetzung funktioniert nur, wenn bereits die Medizingeräte, an denen die ersten Daten entstehen, eine gemeinsame Sprache sprechen. Dieses Prinzip nimmt mit dem SDC-Standard (ISO/IEEE 11073) konkrete Gestalt an. Dr. Markus Köny erklärte am Stand des OR.Net e.V.: »Wir arbeiten an einem universellen Standard – diese Konnektivität ist wichtig für eine datengetriebene Medizin.« Das Konsortium wächst stetig, zu den rund 45 Mitgliedern stieß mit Baxter gerade erst ein weiterer internationaler Hersteller hinzu. Technisch sind jetzt auch erste RT-SDC-Stacks verfügbar, die den Standard um harte Echtzeitkommunikation für Medizinrobotik und OP-Bildgebung erweitern. Die »stille Intensivstation« von Dräger zeigte, was technisch bereits möglich ist: Per SDC werden Alarme geräteübergreifend priorisiert, den Pflegenden geräuschlos auf Mobilgeräten angezeigt und sollen neben einer besseren Ursachenforschung vor allem deren Alarmmüdigkeit verringern.
Die Telekom hat ein breites Digitalisierungsangebot für die Gesundheitswirtschaft, der Stand auf der DMEA führte in Halle 3.2. alle Digital Health-Themen der Bonner zusammen.
Die Health-Sparte der Telekom zog auf der DMEA die Linie von der Konnektivität zur Plattform. Uwe Heckert, seit 100 Tagen als COO Health an Bord, erklärt den Weg zum sicheren Ökosystem so: »Gesundheitsdaten sind der letzte heilige Gral, den wir in Europa gegenüber Big Tech noch haben.« Dafür hat der magentafarbene Konzern als erster Anbieter eine vollständig souveräne elektronische Patientenakte auf den Markt gebracht — gehostet in deutschen Rechenzentren, ohne Abhängigkeit von internationalen Cloud-Providern. Auch die neue T-Tochter Synedra zahlt auf diese Strategie ein: Die Interoperabilitätsplattform harmonisiert heute bereits in rund 300 Kliniken die Datenbasis — Voraussetzung dafür, dass die digitale Infrastruktur für das Gesundheitswesen überhaupt wirksam werden kann. Eines der ambitioniertesten Modellprojekte vernetzt in der Lausitz gerade Kliniken, MVZs und Praxen, auch weil Haus- und Fachärzte in der Gegend schlicht fehlen. Die Telekom begleitet diese Versorgungsinfrastruktur mit Cloud-Lösungen und KI-Diensten. Uwe Heckert sieht Cottbus als Blaupause für andere Regionen und eine bisher allzu reale Hürde: »Wenn jede kleine Klinik eine IT-Speziallösung möchte, kommt die Transformation nicht voran.«
Neben der Souveränität ist für die wachsende Vernetzung die Cybersicherheit elementar. Kein Sektor wird häufiger angegriffen als das Gesundheitswesen, die IT-Sicherheit ist seit den Anfangstagen der DMEA als conhIT unter dem Berliner Messeturm ein wichtiger Fokus. Claudia Schmitt vom Johner Institut beobachtet bei Medizintechnikfirmen eine konkret wachsende Nachfrage nach Threat Modeling, Risikoanalysen und Cybersecurity-Akten. Viele Unternehmen unterschätzen dabei ihre eigene Angriffsfläche: »Manche Firmen denken: ‚Wir haben doch gar keine Schnittstellen‘ — aber sie haben sogar viele.« Das regulatorische Umfeld verschärft den Druck zusätzlich: C5-Testat für die Cloud, EU Cyber Resilience Act und NIS2 bauen neben der MDR ein zusätzliches Compliance-Gebirge auf.
Die diesjährige DMEA hat gezeigt, dass die Technologien einsatzfähig, belastbar und serienreif sind. Was jetzt zählt, ist der Wille zur Umsetzung. Uwe Heckert brachte es stellvertretend für viele auf der Messe auf den Punkt — mit einem Zitat seines Konzernchefs Tim Höttges, das für die zerklüftete Gesundheitsbranche mit ihren vielen Akteuren und Einzelinteressen im Besonderen gilt: »Machen ist wichtig. Nicht so lange diskutieren, sondern tun.« Berlin hat drei Tage lang das technische Fundament gezeigt. Jetzt müssen die Systeme kooperativ und über Sektoren hinweg live gehen. In München werden wir hoffentlich schon breiter ausgerollte Referenzen für die digitale Gesundheitsfabrik sehen. ■