Kommentar Sons Wette gegen Schumpeter

Heinz Arnold, Editor-at-Large, HArnold@weka-fachmedien.de

Ob die Investoren dem 100-Mrd.-Dollar-Vision-Fund genügend Zeit lassen, die Visionen von Softbank-Chef Masayoshi Son der Realität näher zu bringen?

Langfristige Visionen sind nicht immer gefragt, im schnellen Gewinn liegt häufig der größere Reiz, wie jüngst das Beispiel Thyssenkrupp hierzulande zeigt– wegen aktivistischer Investoren, die den Konzern filetieren wollen, sind CEO Hiesinger und Aufsichtsratsvorsitzender Lehner zurückgetreten. Je nach Mentalität kann das der eine bedauern, der andere darin eine Bestätigung des Wortes von Schumpeter über die dem Kapitalismus innewohnende Kraft der schöpferischen Destruktivität begrüßen.

Wer langfristig denkt, muss also häufig gegen eher kurzfristig orientierte Investoren kämpfen. Davon verschont zu bleiben schien Masayoshi Son, der Chef von Softbank, mit seinem Vision-Fonds, der – unter anderem mit Geld aus Saudi-Arabien – auf nicht weniger als 100 Mrd. Dollar kommt. Die Vision hinter dem Vision Fund: Son will ein globales Netzwerk an Unternehmen aufbauen, die in sämtlichen Bereichen mitmischen, die heute so gerne als die großen Wachstumstreiber genannt werden. Von Chips und künstlicher Intelligenz über Machine-Learning, Big Data, Robotik, IoT, Industrie 4.0 bis zu Indoor-Farming ist alles dabei. Besonders motiviert ihn die Notwendigkeit, über die Branchengrenzen zu denken, weil die Technologien erst im Zusammenspiel miteinander ihr ganzes Potenzial entfalten, neue Geschäftsmodelle ermöglichen und Absatzmärkte schaffen können. Viele sind überzeugt, dass der Prozess sehr dynamisch abläuft: Wer davon profitieren will, muss ganz vorne dabei sein. Das will Son sogar global, und zwar nicht mit irgendwelchen Startups – Unicorns müssen es schon sein. Mit dieser Vision hat er immerhin 100 Mrd. Dollar eingesammelt.

Allerdings stehen global gesehen die Zeichen nicht gerade auf Handelsausbau, im Gegenteil: Drohende Handelskriege, neue Zollschranken und schlechte Stimmung an den Börsen passen so gar nicht ins Konzept von Softbank und dem Fonds. Das dürfte die Investoren beunruhigen. Sie schauen sowieso schon länger etwas genervt auf die Kursentwicklung von Softbank. Denn ganz so schnell, wie viele vorhersagen, scheint die Entwicklung doch nicht abzulaufen, jedenfalls manifestiert sie sich für Softbank noch nicht in Wachstumszahlen. Doch wenn sich kurzfristig nichts tut, geht vielen die Geduld aus, trotz aller Visionen – oder sogar wegen ihnen, wie das Beispiel Tesla gerade zeigt.

Son, der schon von einem zweiten Venture-Fund in ähnlicher Höhe träumt, setzt deshalb sogar schon auf eher solide Einnahmequellen, etwa Solarenergie, die aufgrund der staatlich geregelten Einspeisevergütungen in vielen Ländern eine sichere Rendite verspricht.

Dennoch rechnet Son fest damit, dass ihn die Investoren schon verstehen werden mit der Zeit. Sie läuft: Schöpferischer Aufbau oder schöpferische Zerstörung? Wir dürfen auf den Ausgang von Sons Wette gegen Schumpeter genauso gespannt sein wie auf den Ausgang der Thyssenkrupp-Geschichte.