Nur fertigen war gestern So innovativ ist die EMS-Industrie!

Sind EMS-Firmen nur von der Innovationsfreude ihrer Kunden abhängig? »Nein«, meinen die Teilnehmer des Markt&Technik-Forums, »das war vielleicht anno 1980 so«. Heute punktet die Branche selbst durch Leuchtturm-Projekte und der Leiter der technischen Kommission des ZVEI kommt aus der EMS-Industrie.

Bernd Enser übt diese Funktion neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Vice President für das Automotive-Segment bei Sanmina aus und kennt die Situation der mangelnden öffentlichen Sichtbarkeit der EMS-Industrie, wenn es um das Thema Innovation geht: »Ein Problem ist das fehlende Branding, da wir am Ende kein Produkt haben, das wir vermarkten und verkaufen.« Trotzdem gibt es direkte und indirekte Innovationen aus der EMS-Branche zur Genüge. So gehört die Optimierung von Prozessen quasi zum Tagesgeschäft. »Wir haben z.B. ein Werkzeug entwickelt, mit dem wir in der Lage sind, die ppm-Rate auf ±5 Prozent zu berechnen. Solche Möglichkeiten bringen den Kunden in die Position, sein Produkt entsprechend verbessern zu können«, erklärt Enser. Ganze Prozesse zu redesignen, das erfordert laut Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, die Umstellung der TS-Zertifzierung auf die IATS-Zertifizierung vom EMS, weil sich dadurch komplett neue Anforderungen an die Prozesse stellen. »Auch das sehe ich als Innovationsmanagement«, betont Hollstein.

»Innovation kommt bei uns von überall her. Es handelt sich ja nicht um eine Straße, auf der man in eine Richtung „Innovation“ abbiegt«, sagt Felix Timmermann, Executive Vice President von Asteelflash. Timmermann berichtet von den hauseigenen Mitarbeiterbörsen, wo die Angestellten ihre Ideen für Neuerungen platzieren können. Kommt eine Idee zur Umsetzung, wird das honoriert. Als Beispiel nennt Timmermann Gabelstapler, die auf Anregung eines Mitarbeiters für den Changeover an der Linie als Markierung benutzt werden.

Auch bei Elektron gibt es nach Auskunft von Wolfgang Peter, zuständig fürs Business-Development des Unternehmens, Prämien für gute Ideen, etwa wenn Prozesse durch Mitarbeiter-Vorschläge effizienter gestaltet werden können. Auf diesem Weg entstand der Optical-Control-Bauteilezähler, ein Paradebeispiel für eine Innovation aus der EMS-Branche. Für das Produkt wurde ein Förderprojekt aufgesetzt und im Elektron-Verbund eigens eine Tochtergesellschaft gegründet, die mit dessen Weiterentwicklung und Vertrieb betraut ist. »Wir waren die ersten, die mit so einem Produkt auf den Markt gekommen sind«, betont Peter. Inzwischen sind einige Wettbewerber auf die Idee aufgesprungen. Eigene Elektronikprodukte sind in der EMS-Industrie dennoch eher selten. Als OEM aufzutreten versuchen viele EMS zu vermeiden, um nicht als Konkurrenz zur eigenen Kundschaft zu stehen. Gängiger sind ODM-Produkte vom EMS, die als Zwischenprodukt von Kunden adaptiert und kundenspezifisch weiterverarbeitet werden können.

Praktische mechanische Fertigungshelfer gehen ebenso oft auf die Erfindung eines EMS zurück. So berichtet Roland Hollstein von einer Idee aus den eigenen Mitarbeiterreihen, die in Form des Leiterplattenunterstützungssystem „BrushForm“ von Grundig Business Systems realisiert wurde. Dabei handelt es sich um eine einfache, kostengünstige Lösung zur Leiterplattenunterstützung in der SMT-Linie. Brush­Form eignet sich auch für die Unterstützung empfindlicher Leiterplatten und bei beidseitiger Bestückung und lässt sich in allen gängigen SMT-Bestückungsmaschinen verwenden. Neben den Standardgrößen sind auch individuelle Anpassungen an die Produktionsstraße möglich. Das Produkt ist inzwischen patentiert und verkauft sich laut Hollstein gut.

Aber auch viele neue Fertigungsverfahren entstehen in Zusammenarbeit oder sogar unter Federführung durch einen EMS: Zusammen mit Partnern hat Neways eine neue Technologie zur lithografischen Strukturierung von druckbaren Edelmetallpasten umgesetzt. Gedacht ist das als robuste, industrielle Lösung für die Miniaturisierung elektronischer Anwendungen. Dabei lässt sich eine typische Größenreduktion um den Faktor 4 im Vergleich zu herkömmlichen Lösungen erzielen. »Gegenwärtig läuft die Industrialisierungsphase dieser Innovation, in der die Leistungsfähigkeit des Prozesses im industriellen Umfeld demonstriert wird«, erklärt Jörg Neukirch, Geschäftsführer bei Neways. Die Technologie hat sich schon im Konzept-Prototyping sowie in Kleinserien bewährt und ist bereits für Schlüsselkunden verfügbar. Final soll die Freigabe als voll qualifizierter Serienproduktionsprozess folgen. Typische Anwendungen, die diese Technologie bereits nutzen, finden sich in intelligenten tragbaren Produkten, stark miniaturisierten Sensoren, Photonik-Anwendungen und Hochgeschwindigkeits-Datentransceivern.

Forschungskooperationen

Gelebte Realität beim EMS sind auch Kooperationen in Forschungsverbunden und mit lokalen Hochschulen, Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Unter diese Rubrik fällt bei Neways demnach ein großes Projekt, bei dem der EMS mit seiner Entwicklungsabteilung Teil eines europäischen Forschungsverbundes ist. Gemeinsam mit der Universität Valencia und dem Hafen von Valencia arbeitet Neways an einem IT-Projekt, bei dem die Verbindung von Logistik, Lichttechnik und Sicherheitstechnik optimiert werden soll. So soll beispielsweise die Beleuchtung im Hafen intelligent gesteuert werden und nur dann in Betrieb sein, wenn sie benötigt wird.

Von seiner Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth und dem Fraunhofer-Institut zum Thema Materialkunde berichtet Hollstein. Daraus seien sehr schöne Projekte entstanden, so der Chef von Grundig Business Systems. Mit Universitäten und Forschungseinrichtungen aus der Region Kärnten arbeitet cms electronics in Österreich gerne und intensiv zusammen. Nach Auskunft von Bernd Juppe, Leiter Vertrieb und Marketing von cms electronics, fördert der Staat die Investition in Innovationen sogar durch Steuervergünstigungen.

EMS macht Produkte DfX-ready

»Die EMS-Industrie ist heute ein Leuchtturm«, unterstreicht Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. »Wir sind in der Serie der Partner des Kunden, decken aber mittlerweile den gesamten Lebenszyklus ab.« Als Beispiel nennt Weber den DfX-Prozess (DfX: Design for Excellence). »Hier brauchen wir Innovationen, dass wir für den Kunden wertvoll sind. Unsere Aufgabe ist es, Mehrwert zu schaffen, und da gehört auch Innovation dazu.« DfX umfasst je nach Interpretation etwa Design for Manufacturing, Design for Test und Design for Six Sigma. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie ein Produkt so gestaltet werden kann, dass es mit hoher Prozessfähigkeit fertigbar ist. »Da spielen viele Innovationen rein und die EMS-Industrie als wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk von Unis, Verbänden, Kunden und Lieferanten«, so Weber. Welche Innovationen bei Zollner umgesetzt werden, wird in einer 5-Jahres-Roadmap definiert.

Gerade beim DfX haben viele Kunden selbst noch Nachholbedarf, weil die Verbindung zwischen Entwicklung und Fertigung oft fehlt. Man hat ein Produkt fertig entwickelt, dabei aber vergessen, das Design auf Fertigbarkeit und Testbarkeit hin zu optimieren. So eine Denke funktioniert mit sehr einfachen Produkten, aber nicht bei hochkomplexen Systemen. Insofern ist der EMS oft die Instanz in der Lieferkette, die die Industrialisierung eines OEM-Produktes überhaupt erst ermöglicht. »Wir als EMS setzen unsere Innovationskraft dazu ein, die Produkte des Kunden überhaupt erst bauen zu können, weil bisweilen das Design nicht optimal ist«, verdeutlicht Andreas Kraus, Geschäftsführer von Kraus Hardware. »Mit jedem neuen Kunden oder Entwickler diskutieren wir im Grunde erneut, was man macht und was man nicht macht.«

Innovation entsteht oft auch in oder durch die Zusammenarbeit der Elektronikdienstleister mit Startup-Firmen. »Solche Jungunternehmen profitieren sehr stark davon, dass wir Innovatoren sind«, meint Jürgen Seibert, Vice President von Sanmina. Startups sind oft geprägt davon, dass sie zwar eine hippe Idee haben, aber mit der elektronischen Umsetzung wenig oder gar keine Erfahrung. Hier springen gerne EMS-Firmen in die Bresche und übernehmen die Entwicklung, Fertigung und vielleicht auch den After-Market-Service. Die Unterstützung von Startups hat sich inzwischen zu einer Säule im Geschäftsmodell für Elek­tronikdienstleister entwickelt. Kaum ein EMS, der nicht auf dieses Pferd setzt. »Das heißt, eine gesunde Startup-Landschaft in Deutschland und Mitteleuropa ist wichtig für uns«, erklärt Seibert. Schlussendlich hilft aber auch das kaum dabei, die Sichtbarkeit der EMS-Industrie als Innovationstreiber zu erhöhen. Oft stehen bei der Zusammenarbeit mit Startups Non-Disclosure-Agreements einer Kommunikation der Projekte im Wege.