Sigfox nach der Übernahme

Die neue Technologie-Offenheit

15. Juni 2022, 14:30 Uhr | Heinz Arnold
Christian Postel, Chief Sales Officer von Heliot Europe
Christian Postel, Chief Sales Officer von Heliot Europe: Das sehe ich als einen großen Fortschritt durch die Übernahme an: Wir bekommen jetzt Zugang zu weiteren Technologien wie WiFi, Bluetooth, LoRa, Mioty, LTE-M und NB-IoT. Wir sind nicht mehr exklusiv auf Sigfox festgelegt, auch wenn Sigfox unsere Haupttechnologie bleiben wird.
© Heliot Europe

»Sigfox öffnet sich jetzt allen LPWAN-Technologien«, sagt Christian Postel von Heliot Europe im Gespräch mit Markt&Technik. Zusammen mit Florian Kreutz erklärt er, wie es für Sigfox nach der Übernahme durch UnaBiz weitergeht.

Markt&Technik: Anfang Januar dieses Jahres hatte Sigfox Insolvenz angemeldet. Jetzt ist das Unternehmen bei einem Investor gelandet, hinter dem auch ein japanischer Geldgeber steckt. Ist das wieder einmal der Ausverkauf europäischer Technik nach Asien?

Christian Postel, Chief Sales Officer von Heliot Europe: Ganz und gar nicht: UnaBiz, der Sigfox jetzt gehört, ist ein Netzwerkbetreiber wie Heliot und damit einer von 75 Sigfox-Netzwerkbetreibern weltweit. Das Unternehmen gilt als Sigfox-Pionier in Asien und stellt IoT Geräte in millionenfacher Stückzahl her, verkauft diese in Japan und anderen Ländern Asiens, sowie baute erfolgreich Netze in Singapur und Taiwan auf. Die japanische und die europäische Mentalität passen recht gut zusammen, wir haben beide langfristige Ziele und wir harmonisieren sehr gut. Das zeigt sich schon daran, dass UnaBiz im Zuge der Übernahme plant, seinen Firmensitz nach Frankreich zu verlegen. Sigfox bleibt ein französisches und europäisches Unternehmen. Alle Konnektivitäten und Services werden nahtlos weitergeführt. 

Was waren die Ursache dafür, Insolvenz anmelden zu müssen? 

Christian Postel: Die Sigfox SA, die die Patente auf die Technik hält, hat das Netz in den USA sehr schnell aufgebaut. Doch der Umsatz stieg nicht so schnell wie erhofft und zusätzlich kam auch noch Corona hinzu. Deshalb hat sich das Management entschlossen, Anfang Januar in die geplante Insolvenz zu gehen, um das Unternehmen wieder auf gesunde Füße zu stellen. Es wurden neue Investoren gesucht und es gab innerhalb kürzester Zeit immerhin neun Interessenten. Unter ihnen hat UnaBiz das Rennen gemacht. 

Das klingt wenig aufregend, war aber für die bestehenden Sigfox-Anwender eine eher stürmische Zeit?

Christian Postel: Selbstverständlich waren die Kunden aufgerüttelt und wir standen in engem Kontakt zu ihnen. Aber wir haben immer an die Technik geglaubt und mit einem guten Ausgang gerechnet.

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Florian Kreutz, Director Marketing & Communication DACH von Heliot Europe
Florian Kreutz, Director Marketing & Communication DACH von Heliot Europe: »Jetzt erkennen alle Beteiligten wie hoch der Mehrwert für sie ist, wenn wir die Lieferketten über LPWAN für sie transparent machen: Wir rennen derzeit offene Türen ein, das war früher nicht so.« 
© Heliot Europe

Nun war Sigfox Deutschland ja auch in Schwierigkeiten geraten und wurde an Heliot verkauft, weshalb wir hier miteinander sprechen. So richtig funktioniert hat der Ansatz von Sigfox, in vielen Ländern vollständige eigene LPWAN-Netze mit eigener Cloud aufzubauen offenbar nicht?

Christian Postel: Die Vorinvestitionen für Sigfox waren erheblich. Doch das IoT hat sich im LPWAN-Umfeld nicht so schnell entwickelt wie erhofft. Schon vor vier bis fünf Jahren sollte es eigentlich so richtig losgehen. 

Florian Kreutz, Director Marketing & Communication DACH von Heliot Europe: Zunächst gilt es festzuhalten, dass Sigfox über viele Jahre der Pionier und mit seiner Technologie der Wegbereiter im LPWAN-Sektor war. Es ist das Verdienst von Sigfox, Millionen von LPWAN-Knoten ins Feld gebracht zu haben. Damit Geld zu verdienen ist allerdings eine andere Sache. 

Christian Postel: Jetzt ist allerdings ein deutliches Momentum zu spüren, vor allem weil die Preise für die Sensoren und ICs in einen Bereich kommen, der für viele Anwendungen im Umfeld des Trackens und Überwachens für die Kunden attraktiv wird. Das Preis-Leistungsverhältnis kommt in wirtschaftlich sinnvolle Bereiche. Wobei für die Anwender die reibungslose Funktion und die Cost-of-Ownership für das gesamte System vom Sensor im Feld bis zur Datenbank beim Kunden ausschlaggebend ist. 

Florian Kreutz: Gerade jetzt, wo die Lieferketten angespannt sind, kommt es für alle Beteiligten darauf an, genau zu wissen, wo sich die Komponenten in der Lieferkette gerade befinden und wann sie dort ankommen werden, wo sie gebraucht werden. Auch die Vorgaben des Gesetzgebers hinsichtlich geschlossener Lieferketten führen dazu, dass sich die Beteiligten intensiv damit beschäftigen, wie sich Asset-Management umsetzen lässt. Jetzt erkennen alle Beteiligten wie hoch der Mehrwert für sie ist, wenn wir die Lieferketten über LPWAN für sie transparent machen: Wir rennen derzeit offene Türen ein, das war früher nicht so. 

Christian Postel: Die neue Offenheit ist in vielen Bereichen zu spüren. Dazu ein Beispiel mitten aus dem Leben gegriffen: Wir sind mit einem Unternehmen in Kontakt, das Kerzen von China nach Deutschland liefert. Die Kerzen sind im wahrsten Sinne des Wortes kerzengerade, wenn sie in China verpackt werden, kommen in Deutschland aber oft krumm an. Sie müssen also irgendwo Hitze oder der Sonne ausgesetzt gewesen sein, so dass sie sich verbogen haben. Die Frage ist nur wo. Wir können diese Lieferkette durchsichtig machen, um so die Probleme zu lösen. Was mir daran besonders gefällt: Es ist ein sehr greifbares Beispiel, »IT zum Anfassen« wie ich gerne sage. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe viele Jahre in eher abstrakten IT-Umgebungen rund um die Cloud gearbeitet, bevor ich im vergangenen Jahr zu Heliot stieß. Jetzt geht es um Sensoren, Kommunikation und sehr konkrete öffentliche Belange, etwa im Umfeld von Smart Cities. Den Mehrwert sofort zu erkennen und ihn realisieren zu können, macht richtig Spaß.

Was beutet die Übernahme der Sigfox-Mutter für Heliot konkret?

Christian Postel: Sigfox und die Netzwerke sind sicher, wir machen weiter wie bisher. Auch die Sigfox-Cloud übernimmt UnaBiz. Zudem wird das Unternehmen weitere Investoren und eine Plattform einbringen. 

Einer der wichtigsten Investoren hinter Heliot ist die Luxemburger Cube. Wird diese dafür sorgen, dass Heliot in den Ausbau der LPWAN-Technik in DACH und Slowenien in ausreichendem Umfang investieren kann?

Christian Postel: Cubes Satzungszweck ist in europäische Infrastruktur zu investieren. Unter anderem ist Cube vielfältig in den Aufbau des europäischen Ladenetzes für E-Fahrzeuge engagiert. Für all die Infrastrukturprojekte gilt: Cube benötigt eine sehr gute Vernetzung, für die eine gute Abdeckung die Voraussetzung ist. Dabei ist ganz wichtig, dass Cube sehr langfristig orientiert ist, die Pläne erstrecken sich bis ins Jahr 2035. 

Wird Heliot auch regional expandieren?

Christian Postel: Es können durchaus noch mehr Länder hinzukommen. Wichtig ist: unsere Netze werden nicht einfach „planlos“ aufgebaut, sondern sehr stark an die kundenspezifischen Anforderungen angepasst. So entsteht ein qualitativ hochwertiges Netz und wir können mit den Kunden mitwachsen.

UnaBiz arbeitet auch mit anderen Technologien neben Sigfox – werden Heliot und Sigfox offener?

Christian Postel: Das sehe ich als einen großen Fortschritt durch die Übernahme an: Wir bekommen jetzt Zugang zu weiteren Technologien wie WiFi, Bluetooth, LoRa, Mioty, LTE-M und NB-IoT. Wir sind nicht mehr exklusiv auf Sigfox festgelegt, auch wenn Sigfox unsere Haupttechnologie bleiben wird. Denn unsere wichtigste Frage muss sein: Was benötigt der Kunde? Den Kunden interessiert nämlich nicht, welche Technologie hinter den Angeboten steckt, er möchte wissen, wo sich seine Palette gerade befindet, ob die Kühlkette geschlossen ist und ob ein Parkplatz besetzt ist. Nehmen sie zum Beispiel einen städtischen Versorger, für den wir die Füllstandsmessungen an Abfall-Containern durchführen. Möchte der wissen, ob wir die Sensoren über Sigfox oder LoRa vernetzen? Nein, der möchte wissen, ob wir die Software mitbringen, die die Routenplanung für seine Fahrzeuge durchführt, das ist für ihn ein entscheidendes Kriterium. Darum müssen wir uns also kümmern. 

Also hat sich durch die Übernahme von Sigfox durch UnaBiz doch etwas Entscheidendes verändert: Sigfox öffnet sich anderen Technologien?

Christian Postel: Wie gesagt, wir können jetzt verschiedene Technologien kombinieren, um darauf die für den jeweiligen Anwendungsfall das optimale System anzubieten bis hin zu den Geschäftsmodellen. UnaBiz bringt dazu erstens ihr Produktportfolio auf Basis verschiedener Technologien ein, zweitens bringt UnaBiz eine zentrale Plattform ein, die wir nutzen und über die wir uns am Markt positionieren können. 

Sigfox war in Deutschland im Bereich der Logistik stark. Werden jetzt neue Schwerpunkte hinzukommen? 

Christian Postel: Sigfox ist traditionell in der Logistik sehr stark, wir haben einen großen Kunden mit mehr als 1 Million Knoten. UnaBiz dagegen hat seinen Schwerunkt im Smart-City-Umfeld. Außerdem ist UnaBiz auch verstärkt im schnell wachsenden Agrarsektor aktiv, das ganze fassen wir unter dem Begriff Smart Municipality zusammen. 

Wie sieht es im Sektor Smart Metering aus?  

Christian Postel: Das Smart Metering gehört zu Smart Buildings und zur Smart City. Smart Metering ist für sich schon ein riesiges Thema, aber auch von Land zu Land verschieden. Wir sind in DACH und Slowenien aktiv, schon in diesen vier Ländern sehen die Regularien jeweils ganz anders aus. Deutschland ist von vielen, relativ kleinen Versorgern wie den Stadtwerken geprägt. Dieser kleinteilige Markt und der Datenschutz machen das Metering in Deutschland nicht einfach. Aber der Markt ist auch sehr interessant für uns. Weil wir jetzt Sigfox und LoRa kombinieren, werden wir uns dort sehr gut positionieren können. Große Chancen sehe ich außerdem im Markt für Smart Buildings. Andere Länder sind uns da schon voraus und zeigen, wo die Reise hierzulande hingehen wird. In Finnland sind beispielsweise 220.000 CO2-Sensoren in Schulen, Unis und anderen öffentlichen Gebäuden installiert. Das lässt sich auf das Gebäude-Management insgesamt ausdehnen, um viele neue Services zu schaffen und neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Die verschiedenen Sektoren der Smart City wachsen zusammen, es bieten sich viele neue Chancen für uns. 

Ein grundlegendes Problem aber bleibt: die hohen Kosten für das Anfangsinvestment der Kunden. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Christian Postel: Will man 1 Million Assets vernetzten, ist das ein erheblicher Aufwand. Es gibt verschiedene Ansätze, die Kosten zu reduzieren. So können wir mit unseren Produzenten sprechen, um die Technik einzubetten, so dass sie kostengünstiger wird (also etwa unter 5 EUR pro Stück als Zielvorgabe). Wir können auch neue Geschäftsmodelle entwickeln. Zum Beispielsweise bei Paletten. Plastikpaletten sind teuer geworden, so dass jetzt Umlaufpaletten attraktiv werden. Wir können beispielsweise anbieten, die Abrechnung erst ab dem Zeitpunkt erfolgen zu lassen, ab dem die Box bewegt wurde. Außerdem können wir mit Leasing-Partnern zusammenarbeiten und die Kosten über einen längeren Zeitraum, etwa acht Jahre strecken. Wir haben also ein großes Spektrum an Möglichkeiten, um die Kosten für die Kunden erträglicher zu gestalten.  

Das Interview führte Heinz Arnold

UnaBiz

Die 2017 gegründete UnaBiz ist ein IoT-Service-Provider, der schon 2016 Sigfox-Netze in Singapur und Taiwan eingeführt hatte. 2020 den hat das Unternehmen den Break Even erreicht. Erst im vierten Quartal 2021 hat sich UnaBiz über die B-Finanzierungsrunde 25 Mio. Dollar gesichert. 

Grundsätzlich arbeitet UnaBiz technologieunabhängig und baut LPWAN-Netze nicht nur auf Basis von Sigfox sondern auch anderer Technologien wie LoRaWAN, NB-IoT und LTE-M auf und ergänzt sie durch Funksysteme kurzer Reichweite wie WiFi und Bluetooth. Das Unternehmen sieht sich als Pionier der Sigfox-0G-Technologie in Asien. Über 1,4 Millionen Sensoren hat dasUnaBiz Unternehmen in 28 Ländern in Betrieb.  

Im April dieses Jahres hatte UnaBiz Sigfox SA (das französische Mutterunternehmen, das die Patente hält) und Sigfox France SAS, Eigentümer und Betreiber des Sigfox-Netzes in Frankreich übernommen. Das Ziel besteht darin, Sigfox innerhalb von drei Jahren zum auf Profitkurs zu führen. Die Marke Sigfox soll künftig unabhängig erhalten bleiben, Sigfox soll als französisches Unternehmen weitergeführt werden. (ha)


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