Nachfrage auf Rekordniveau

»Das 1. Quartal 2021 ist bereits durch!«

15. Juli 2021, 14:38 Uhr | Engelbert Hopf
Arthur Behrens
© Arthur Behrens

Eine konstant hohe Nachfrage nach passiven Bauelementen auf dem deutschen Markt macht es schwierig zu unterscheiden, welche Bedarfe real in die Produktion fließen und welche dem Lageraufbau dienen. Mit einer Entspannung rechnet die Branche inzwischen erst tief im Jahr 2022.

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Normalisierung des Marktes

Bestellungen für das 1. und 2. Quartal des nächsten Jahres sind zum jetzigen Zeitpunkt auch für Asushi Omoto, Geschäftsführer von Susumu Deutschland, auf jeden Fall ein Muss. »Man sollte aber unbedingt mit dem Hersteller im Voraus über die zur Verfügung stehenden Lieferkapazitäten sprechen.« Auch Omoto kann derzeit keine Anzeichen für ein Nachlassen der Nachfrage erkennen, ganz im Gegenteil: »Es gibt weiter eine starke Tendenz zu steigenden Bedarfen. Nach unserer Einschätzung wird sich das noch bis zum 3. Quartal 2022 fortsetzen.«
Thomas Heel, Head of Sales Central Europe der zur Yageo-Gruppe gehörenden Kemet Electronics, räumt auch mit Gedankenspielen auf, die am Markt umgehen. »Es gibt derzeit wenig Anzeichen dafür, dass unsere Kunden angesichts der Versorgungslücke bei Halbleitern derzeit massiv Bestellmengen reduzieren oder nach hinten schieben wollen.« Stattdessen versuchten die Kunden vielmehr Bestände aufzubauen. Sein Rat: »Es ist derzeit sicherlich nicht ratsam, in der angespannten Marktsituation Mengen zu stornieren oder zu verschieben, da sonst bei einem erneuten Anstieg des Bedarfs die notwendigen Priorisierungen nicht mehr möglich sein werden.« Auch wenn die Produktionskapazitäten innerhalb der Yageo-Gruppe weiter ausgebaut werden, empfiehlt Heel sowohl Kunden als auch Distributionspartnern, bei einigen Bauteilen schon jetzt das komplette Jahr 2022 vorzuplanen und zu disponieren.

Rutronik
Stefan Sutalo, Rutronik »Für das 1. Quartal 2022 kann es bereits zu spät sein, da die Lieferzeiten heute bei über 30 Wochen liegen.«
© Rutronik

Eine Aufforderung, die Jean Quecke, Sales Director (IPE) Central Europe bei Future Electronics, nicht verwundert: »Wir stehen derzeit erst am Anfang eines Superbooms, mit all seinen Folgen.« Da mit einer Entspannung im Halbleiterbereich nicht vor dem 1. Quartal 2022 zu rechnen sei, empfiehlt auch er weitreichende Bestellhorizonte für 2022.

»Ich bin davon überzeugt, dass wir auch 2022 mit Beschaffungs- und Logistikproblemen konfrontiert sein werden«, versichert Stefan Sutalo, Director Product Marketing Passive Components bei Rutronik. »Für das 1. Quartal 2022 kann es heute bereits zu spät sein, da heute Lieferzeiten von über 30 Wochen Standard sind.« Bestellungen für das 2. Quartal sind aus seiner Sicht aktuell noch machbar, »müssen aber schnellstens geschehen«. Den auslösenden Druck für diese Situation verortet er in Asien: »Dort werden nach wie vor und teilweise rigoros Produktionsstätten oder Häfen gesperrt.« Unvorhersehbare Ereignisse, die er auch für 2022 nicht ausschließen will.

Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales bei TTI Europe, stimmt seinen Kollegen in allen Begründungen für eine weiterhin hohe Nachfrage und die damit verbundenen Herausforderungen zu, er sagt aber auch: »Das Szenario kann sich schlagartig ändern, falls der China/Asien-Motor hinsichtlich der Bedarfe ins Stocken kommt – dann werden wir hier in Europa mit Material überschwemmt werden!« Da es dafür derzeit aber noch keine Anzeichen gibt, disponieren viele Kunden auch bei TTI bereits für das 1. Halbjahr 2022 und einige wenige bereits für das ganze Jahr 2022 durch.

Um die Planungssicherheit zu gewährleisten, erhält auch Avnet-Abacus im Bereich passiver Bauelemente bereits jetzt von Top-Kunden Forecast-Aufträge für 2022, bestätigt denn auch Peter Kokot, Director Technical Marketing Central Europe bei Avnet Abacus, und als gäbe es noch nicht genügend Störfaktoren im weltweiten Handel mit passiven Bauelementen, macht er darauf aufmerksam, »dass inzwischen selbst das Holz für Paletten zu einer Mangelware wird«, für das im Zweifelsfall entsprechende Preise aufgerufen werden.

Dass angesichts von Lieferzeiten von 40 Wochen Bestellungen für das 1. und 2. Quartal 2022 jetzt ein absolutes Muss sind, bestätigt auch Jens Mollitor, CTO bei Endrich Bauelemente: »Nachdem die großen Automobilzulieferer aktuell bereits die Jahresverhandlungen 2022 forcieren, kann man davon ausgehen, dass es zumindest in der ersten Jahreshälfte 2022 auf hohem Stückzahlenniveau weitergehen wird.« Aktuell seien Fertigungen und Transportkapazitäten ausgebucht, vielerorts laute deshalb die Devise: „So gut wie möglich die Situation meistern und auf Entspannung 2022 hoffen.“

»Natürlich«, so Annette Landschoof, Product Manager bei Schukat electronic, »muss bei frühzeitigen Buchungen für das 1. und 2. Quartal 2022 das vorhandene Risiko abgewägt werden, aber angesichts stetig steigender Lieferzeiten geben wir für einige Bereiche eine klare Empfehlung, schon jetzt an Bestellungen für die ersten beiden Quartale 2022 zu denken«. Für die zweite Jahreshälfte 2021 sieht sie durchaus die Möglichkeit, »dass die Verfügbarkeit passiver Bauelemente weiter abnimmt und wir uns konkret mit einer Allokation beschäftigen müssen«.

In einigen Bereichen ist die für Verena Grewe, Geschäftsführerin von Arthur Behrens, bereits da: »Was Leistungskondensatoren betrifft, sowohl Elkos als auch Folienkondensatoren, ist die Produktion des zweiten Halbjahres 2021 heute praktisch schon verkauft.« Sie zeigt sich auch ziehmlich sicher, dass ein plötzlicher Absturz wie 2010 unwahrscheinlich ist: »Es handelt sich um eine breit gefächerte Nachfrage aus allen Sparten der Industrieelektronik, nicht um eine solitäre Erscheinung wie damals der Nachfrageboom aus der Solarenergiebranche.«

Eine wirkliche Entspannung 2022 hält auch Wolfgang Tschierswitz, Geschäftsführer der wts, nicht für wahrscheinlich. »Man muss einfach davon ausgehen, dass es auch 2022 noch weltweit Lockdowns geben wird, die Einfluss auf die Produktion und die weltweiten Lieferketten haben werden. Wer jetzt für 2022 disponiert, wird zumindest aus heutiger Sicht termingerecht beliefert werden, und er greift eventuellen weiteren Preissteigerungen in den nächsten Monaten vor.


  1. »Das 1. Quartal 2021 ist bereits durch!«
  2. Normalisierung des Marktes
  3. Branchenbarometer


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