EU AI Act Compliance

Verantwortungsvolle KI-Nutzung auf Basis der ISO/IEC 42001

10. März 2026, 15:30 Uhr | Irina Hübner
© Ummu MMM/stock.adobe.com

Für KI-Anwendungen fordert der EU Artificial Intelligence Act unter anderm die Implementierung von Qualitätsmanagementsystemen. Die ISO/IEC 42001 ist der erste international anerkannte Standard für KI-Managementsysteme und bietet die bislang beste Basis, um die Anforderungen zu erfüllen.

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Der EU Artificial Intelligence Act (EU AI Act) trat im Sommer 2024 in Kraft und etabliert erstmals rechtsverbindliche Regeln für KI. Das Gesetz kategorisiert KI-Systeme nach ihrem Gefährdungspotenzial und definiert entsprechende Anforderungen, die von den Unternehmen umzusetzen sind. Wie sie mit ihren KI-Anwendungen vollständige Compliance mit dem EU AI Act erreichen, ist noch nicht vollständig geklärt. Aber einen ersten Schritt können Unternehmen mit einem zertifizierten, wirksamen KI-Managementsystem (KIMS) nach ISO/IEC 42001 gehen: es schafft strukturierte Prozesse für die KI-Entwicklung und den Umgang mit ihr.

Auswirkungen auf den Automotive-Sektor

Für die Automobilindustrie ist der EU AI Act von hoher Relevanz, denn Fahrerassistenzsysteme und autonome Fahrfunktionen fallen unter die Hochrisiko-Kategorie. Diese Klassifizierung ergibt sich aus dem erheblichen Gefährdungspotenzial für Leben und Gesundheit. Hochrisiko-Systeme müssen strenge Anforderungen erfüllen.

Dazu gehören umfassende Risikobewertungen vor der Markteinführung, hohe Datenqualitätsstandards zur Vermeidung diskriminierender Ergebnisse (Bias) und lückenlose Dokumentation aller Systemfunktionen. Hersteller müssen außerdem menschliche Überwachung (Human Oversight) implementieren und Transparenz über KI-Entscheidungen gewährleisten.

Die Automotive-Branche nutzt KI jedoch nicht nur in Fahrzeugen. Produktionsoptimierung, Qualitätskontrolle und Personalmanagement setzen ebenfalls auf algorithmische Systeme. Auch diese Anwendungen können unter die Regulierung fallen, je nach Einsatzbereich und Risikopotenzial.

Bild 1. Der Aufbau eines KIMS folgt dem vom Qualitäts- und Informationssicherheitsmanagement bekannten Plan-Do-Check-Act-Zyklus.
Bild 1. Der Aufbau eines KIMS folgt dem vom Qualitäts- und Informationssicherheitsmanagement bekannten Plan-Do-Check-Act-Zyklus.
© TÜV SÜD

Herausforderungen bei KI-Transparenz

Moderne KI-Systeme stellen Unternehmen vor komplexe Transparenzprobleme. Nicht selten ist die Entscheidungslogik der Algorithmen schwer nachvollziehbar, teils selbst für deren Entwickler. Ursache hierfür sind oft unstrukturierte Entwicklungsprozesse, fehlende Dokumentation von Trainingsdaten und Modellversionen sowie inkonsistente Risiko- und Compliance-Prüfungen. Beispielsweise erkennen manche Systeme Verkehrsschilder und Straßenmarkierungen bei schlechten Licht- und Witterungsverhältnissen nicht zuverlässig. Für Automobilhersteller wird dies problematisch, wenn es um Produkthaftung oder Unfallaufklärung geht.

Besonders kritisch ist die Bias-Problematik. KI-Systeme können systematische Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten übernehmen. So haben Studien gezeigt, dass die Systeme bei der Fußgängererkennung Menschen mit hellerer Hautfarbe zuverlässiger erkennen als Menschen mit dunklerer Hautfarbe. Das passiert, wenn Trainingsdatensätze überwiegend Bilder von hellhäutigen Menschen enthalten.

Die Qualität der Datensätze zum KI-Training beeinflusst maßgeblich das Systemverhalten. Unausgewogene oder fehlerhafte Trainingsdaten reproduzieren möglicherweise diskriminierende Muster, anstatt faire Entscheidungen zu ermöglichen. Unternehmen aus der Automobilindustrie müssen daher systematisch Datenqualität und Algorithmus-Fairness überwachen.

ISO/IEC 42001 als Management-Framework

Die ISO/IEC 42001 stellt die weltweit erste zertifizierbare Norm für KI-Managementsysteme dar und zielt auf verantwortungsvolle KI-Entwicklung und -Nutzung. Sie definiert Anforderungen für Aufbau, Implementierung, Betrieb und kontinuierliche Verbesserung von KI-Managementsystemen. Dabei schafft sie einen Rahmen, der ethische Standards, Transparenz und Zuverlässigkeit gewährleistet. Als prozessorientierte Norm konzentriert sie sich auf Organisationsabläufe statt auf technische Details.

Diese Herangehensweise ermöglicht flexible Anpassungen an verschiedene Unternehmensstrukturen und KI-Einsatzgebiete der Automobilindustrie. Ähnlich wie ISO 9001 für Qualitätsmanagement oder ISO/IEC 27001 für Informationssicherheit lässt sich die KI-Norm in bestehende Managementsysteme integrieren und an spezifische Bedürfnisse anpassen.

Bild 2. Ein KIMS schafft strukturierte Prozesse für die KI-Entwicklung.
Bild 2. Ein KIMS schafft strukturierte Prozesse für die KI-Entwicklung.
© Fotografie Steinbach

Systematischer Aufbau des KI-Managements

Ein KI-Managementsystem nach ISO/IEC 42001 folgt dem etablierten Verbesserungszyklus mit vier Phasen (Plan-Do-Check-Act):

  • Planungsphase: Unternehmen definieren Organisationskontext und Stakeholder-Erwartungen. Der Anwendungsbereich des KI-Managementsystems wird festgelegt und die KI-Strategie mit der Unternehmensführung abgestimmt. Zentral ist eine umfassende Risiko- und Chancenanalyse, die Maßnahmen zur Datenqualitätssicherung und Bias-Prävention einschließt.
  • Umsetzungsphase: Der operative Betrieb wird etabliert, von der Modellentwicklung über die Systemeinführung bis zur laufenden Überwachung. Datenmanagement-Praktiken wie Anonymisierung und Zugriffskontrolle werden implementiert. Bei risikoreichen Anwendungen sind zusätzlich menschliche Kontrollmechanismen erforderlich.
  • Bewertungsphase: Methoden und Kennzahlen zur Leistungsmessung werden definiert. Regelmäßige Kontrollen überprüfen die Systemqualität und erkennen Probleme wie Halluzinationen oder Qualitätsverluste. Interne Audits und Management-Reviews vervollständigen das systematische Monitoring.
  • Verbesserungsphase: Basierend auf den Bewertungsergebnissen werden Optimierungsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt. Das KI-Managementsystem wird kontinuierlich an neue Risiken, Regulierungsänderungen oder technische Trends angepasst.

Praktische Implementierung im Automobilbereich

Automobilunternehmen sollten die KIMS-Implementierung strukturiert angehen. Zunächst gilt es, alle KI-Anwendungen im Unternehmen zu identifizieren und deren Anwendungsbereich zu definieren. Dies umfasst Fahrzeugfunktionen ebenso wie Produktions- und Verwaltungsprozesse.

Die Organisation muss sicherstellen, dass sie relevante Vorschriften und Branchenstandards beachtet. Das KI-Managementsystem erfordert eine strukturierte Dokumentation aller Prozesse. Für eine erfolgreiche Zertifizierung sind mehrere Dokumente essenziell: umfassende Risikobewertungen für alle KI-Anwendungen, eine klare KI-Richtlinie des Unternehmens, Nachweise über Mitarbeiterschulungen in relevanten Bereichen und detaillierte Prozessbeschreibungen für KI-Entwicklung und -Betrieb.

Zusätzlich müssen Berichte über Systemanalysen und Tests vorliegen, die Leistungsfähigkeit, Transparenz und Fairness der KI-Anwendungen belegen. Diese Dokumentation bildet die Grundlage für Audits und Zertifizierungsprozesse.

Bild 3. KI-Anwendungen, die von einem KIMS profitieren, finden sich in Fahrzeugfunktionen ebenso wie in Produktions- und Verwaltungsprozessen.
Bild 3. KI-Anwendungen, die von einem KIMS profitieren, finden sich in Fahrzeugfunktionen ebenso wie in Produktions- und Verwaltungsprozessen.
© TÜV SÜD

Synergien mit bestehenden Standards

Die strukturelle Kompatibilität der ISO/IEC 42001 mit etablierten Managementstandards bietet erhebliche Vorteile. Viele Automobilhersteller verfügen bereits über Zertifizierungen nach ISO 9001 für Qualitätsmanagement und ISO/IEC 27001 für Informationssicherheit. Ein Beispiel ist TISAX, das in der Automobilindustrie als Prüf- und Austauschverfahren für Informationssicherheit etabliert ist und auf ISO/IEC 27001 basiert.

Durch die harmonisierte Struktur können mehrere Standards in kombinierten Audits bewertet werden. Dies reduziert Aufwand und Kosten erheblich. Die Synergien zeigen sich besonders bei Risikomanagement und Dokumentationsanforderungen. Bestehende Prozesse können um KI-spezifische Aspekte erweitert werden, anstatt parallele Strukturen aufzubauen.

Zertifizierungsprozess und Audit-Anforderungen

Der Zertifizierungsprozess nach ISO/IEC 42001 gliedert sich in mehrere Stufen. Dabei gibt es drei kritische Erfolgsfaktoren: präzise Definition des Systemumfangs, Compliance mit relevanten KI-Vorschriften und strukturierte Systemdokumentation. In der Praxis zeigt sich am Beispiel des Schweizer Unternehmens Unique, wie Unternehmen von einem zertifizierten KIMS profitieren. So nutzt der Finanzdienstleister das KIMS für interne Optimierungen, künftige Herausforderungen durch neue KI-Regularien, die Pflege des Kundenvertrauens und als Absicherungstool für das eigene Wachstum.

Das zweistufige Audit-Verfahren, welches Prüfdienstleister wie TÜV SÜD durchführen, beginnt mit einer Dokumentenprüfung zur Feststellung der Zertifizierungsreife (Stufe 1). Hierbei werden unter anderem der Anwendungsbereich, Prozessbeschreibungen und Dokumentationsumfang und -qualität bewertet. Die anschließende Implementierungsprüfung bewertet die praktische Umsetzung und Wirksamkeit des KI-Managementsystems (Stufe 2). Auditoren prüfen, ob die dokumentierten Prozesse tatsächlich gelebt werden und den Normvorgaben entsprechen.

Herausforderungen in der Praxis

Die Komplexität moderner KI-Systeme stellt die größte praktische Herausforderung dar. Umfangreiche Entwicklungsprozesse müssen detailliert dokumentiert und für Auditoren nachvollziehbar gemacht werden. Unternehmen müssen nachweisen, dass ihre KI-Systeme transparent, fair und ethisch funktionieren.

Kritisch ist die eindeutige Zuweisung von Verantwortlichkeiten für das KI-Managementsystem. Eine strukturierte Risikobewertung erweist sich in der Praxis als anspruchsvoll, da KI-Risiken oft schwer quantifizierbar sind aber erheblich sein können.

Für eine erfolgreiche Zertifizierung empfehlen TÜV-SÜD-Experten Pilotprojekte und interne Audits als Vorbereitung. Mitarbeiter müssen in relevanten Prozessen geschult werden. Viele Unternehmen beginnen mit der Zertifizierung kleinerer Bereiche, bevor sie das gesamte KI-Portfolio einbeziehen.

Audit-Ablauf und typische Fragen

Die Audit-Dauer variiert je nach Systemumfang und Organisationsgröße sowie nach Anzahl und Komplexität der KI-Anwendungen. Typischerweise werden Entwicklungs-, Nutzungs- und Überwachungs- sowie Verbesserungsprozesse überprüft. Häufige Audit-Fragen betreffen die Vollständigkeit der Risikobewertung, die Wirksamkeit der Kontrollmaßnahmen und die Qualität der Dokumentation. Auditoren prüfen auch, ob ethische Standards während des gesamten KI-Lebenszyklus eingehalten werden. Bei festgestellten Mängeln müssen kleinere Abweichungen zeitnah behoben werden. Schwerwiegendere Probleme erfordern eine Nachprüfung, entweder dokumentenbasiert oder durch erneute Vor-Ort-Begutachtung.

Vertrauensbildung und Wettbewerbsvorteile

Eine ISO/IEC 42001-Zertifizierung demonstriert das Engagement für die verantwortungsvolle KI-Nutzung. Unternehmen signalisieren so Kunden, Partnern und Regulierungsbehörden, dass sie KI-Risiken systematisch berücksichtigen und ethische Standards befolgen. Zudem unterstützt die freiwillige Zertifizierung die Compliance mit dem EU AI Act, auch wenn sie keine vollständige Rechtskonformität garantiert. Sie schafft jedoch ein solides Fundament für die Erfüllung regulatorischer Anforderungen und reduziert Compliance-Risiken.

Für Automobilhersteller wird strukturiertes KI-Management zunehmend zum Differenzierungsmerkmal. Unternehmen, die früh in systematische KI-Governance investieren, positionieren sich vorteilhaft in einem regulierten Marktumfeld.

Ausblick: KI-Governance als Erfolgsfaktor

Die Innovationszyklen in der Automobilindustrie verkürzen sich durch KI-Einsatz signifikant. Unternehmen müssen gleichzeitig Innovation fördern und Risiken kontrollieren. Effektive KI-Strategien werden damit zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Die ISO/IEC 42001 und der EU AI Act verfolgen komplementäre Ziele: Beide fördern sichere und vertrauenswürdige KI durch Transparenz und Verantwortlichkeit. Der risikobasierte Ansatz beider Rahmenwerke ermöglicht es Unternehmen, Innovation und Compliance zu vereinbaren. Automobilunternehmen, die systematisches KI-Management implementieren, schaffen nachhaltige Grundlagen für verantwortungsvolle Innovation. Mit dem richtigen strategischen Ansatz können sie das volle Potenzial der KI nutzen, während sie gleichzeitig das gesellschaftliche Vertrauen in diese Schlüsseltechnologien stärken.

 

 

 

Thomas Janz ist Product Compliance Manager IT-Standards bei TÜV SÜD Management Service.
Thomas Janz, TÜV SÜD.
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Die Autoren

Thomas Janz
ist Product Compliance Manager IT-Standards bei TÜV SÜD Management Service.

 

 

Dr. Ibrahim Halfaoui ist AI Quality Lead bei TÜV SÜD Digital Service.
Dr. Ibrahim Halfaoui, TÜV SÜD.
© TÜV SÜD

Dr. Ibrahim Halfaoui
ist AI Quality Lead bei TÜV SÜD Digital Service.


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