Vivek Bhan, Senior Vice President und General Manager für High Performance Computing bei Renesas, erklärt die Unternehmensstrategie, die das Unternehmen verfolgt, wenn es um Software-defined Vehicles (SDVs) geht und welche Erwartungen Renesas mit diesem Thema verknüpft.
Markt & Technik: Sie sehen SDVs als große Wachstumschance. Das Thema ist nicht wirklich neu, warum pusht Renesas es gerade jetzt?
Vivek Bhan: Dafür gibt es mehrere Gründe. Bekanntermaßen erfährt das Auto einen grundlegenden Wandel – von statischen Maschinen hin zu dynamischen, aufrüstbaren Technologieplattformen. Die Motivation dahinter ist einfach zu verstehen: Werden Funktionen in Software realisiert, besteht die Möglichkeit, ein Fahrzeug über die gesamte Lebensdauer mit neuen Funktionen auszustatten, oder bestehende Funktionen jederzeit zu aktualisieren. Dementsprechend stocken alle großen globalen OEMs derzeit ihre Investitionen in SDV-Programme auf. Unserer eigenen Schätzung nach, die auf Grundlage mehrerer Drittquellen entstanden ist, werden 2035 über 75 Prozent aller Neuwagen nach SDV-Prinzipien gebaut sein.
Renesas ist ein Halbleiterhersteller, wieso glauben Sie, dass die Halbleiterindustrie vom SDV-Trend profitieren wird?
Ganz einfach: Während die Software den Fahrzeugwert steigert, werden auch die Halbleiter immer wichtiger. Denn der steigende Einsatz von Software führt zum Beispiel zu einem sprunghaften Anstieg der erforderlichen Rechenleistung, aber auch die Anforderungen an das Power Management steigen. Schlussendlich führt das dazu, dass der Halbleiteranteil pro Fahrzeug steigt, langfristig könnte er sich sogar mehr als verdoppeln.
Renesas ist nicht der einzige Halbleiterhersteller, der an diesem Markt interessiert ist. Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht insbesondere für Renesas als Lieferant?
Zum Beispiel sind viele OEMs sehr daran interessiert, sich von geschlossenen, proprietären SDV-Ökosystemen zu lösen. Sie suchen also aktiv nach Partnern, um ihre Risiken zu reduzieren und gleichzeitig die Kontrolle zu behalten. Für Renesas eröffnet sich dadurch eine klare Chance, sich als führender SDV-Anbieter zu etablieren und gemeinsam mit wichtigen OEM-Partnern eine offene, partnerschaftliche und flexible Plattform anzubieten.
Außerdem verwandeln Software-defined Vehicles und Künstliche Intelligenz Fahrzeuge in intelligente Plattformen, die sich kontinuierlich weiterentwickeln. Damit steigt auch der Umfang und die Komplexität der Automobilsoftware – vom Übergang von ADAS Level 2 zu Level 4, über die Integration generativer KI mit LLMs und VLMs bis hin zu Over-the-Air-Updates. Und dafür braucht es leistungsfähige heterogene Rechenplattformen wie zum Beispiel unser skalierbares R-Car-SoC-Portfolio.
Darüber hinaus bieten wir eines der breitesten Produktspektren von Automotive-MCUs an, plus Leistungshalbleiter und Analogkomponenten.
Im Gegensatz zu uns konzentrieren sich einige Wettbewerber nur auf einzelne Bereiche der Fahrzeugarchitektur, etwa auf zentrale Hochleistungsrechner, andere wiederum setzen auf stark proprietäre, geschlossene Plattformen. Doch unsere Erfahrung zeigt, dass OEMs weder auf ein begrenztes Hardwareportfolio noch auf geschlossene Ökosysteme angewiesen sein wollen. Sie wünschen sich Wahlfreiheit und Kontrolle über ihre Software und ihre Fahrzeugarchitektur. Renesas ist ein offener Plattformpartner mit einer durchgängigen Lösung – von MCUs über zonale Controller bis hin zu Hochleistungs-SoCs, ergänzt durch Power-Lösungen, Software und Entwicklungswerkzeuge.
Sie betonen, dass Renesas mit einer ausgewählten Gruppe von OEMs eng zusammenarbeitet. Warum verfolgen Sie diesen Ansatz?
Nicht jeder Fahrzeughersteller verfolgt dieselbe SDV-Strategie oder befindet sich auf dem gleichen Entwicklungsstand. Gleichzeitig möchten sich viele OEMs künftig stärker über ihre Software und ihre Fahrzeugarchitektur differenzieren. Genau diese Hersteller suchen Partner, die ihnen Offenheit und Flexibilität bieten, statt sie an eine proprietäre Plattform zu binden. Und das ist unsere Stärke, wir arbeiten mit diesen OEMs sehr eng auf Plattformebene zusammen. Unser Ziel ist es nicht, lediglich Komponenten zu liefern, sondern gemeinsam eine Architektur zu entwickeln, die sich über mehrere Fahrzeuggenerationen hinweg weiterentwickeln lässt und unseren Kunden gleichzeitig die Kontrolle über ihre Software und ihre Fahrzeugplattform erhält.
Sie positionieren ihre R-Car-SoCs auch als Kandidat für den Zentralrechner im Fahrzeug, hier gibt es ja ein paar, nicht ganz kleine Konkurrenten…
Es geht nicht um die höchste Anzahl an TOPS, der eigentliche Mehrwert für die OEMs liegt in einer durchgängigen Architektur und der Fähigkeit zur Systemintegration, die mit dem erforderlichen Maß an Safety und Security einhergehen. Reine Rechenleistung allein entscheidet nicht über den Erfolg eines Software-defined Vehicles.
Wie gesagt, nicht jeder OEM schreitet mit derselben Geschwindigkeit in Richtung SDV voran, einige setzen bereits jetzt sehr stark auf zentralisierte Architekturen, andere verfolgen hybride oder zonale Ansätze. Außerdem bedienen OEMs oft unterschiedliche Fahrzeugsegmente mit unterschiedlichen Architekturkonzepten. Auch das führt dazu, dass die Anforderungen an die Rechenleistung sehr unterschiedlich ausfallen.
Renesas bietet ein durchgängiges Portfolio, das von Low-End- und High-End-MCUs über zonale Controller bis hin zu skalierbaren R-Car-SoCs reicht und moderne Chiplet-Ansätze sowie fortschrittliche Fertigungstechnologien nutzt. Unsere Plattformen kombinieren heterogene Rechenleistung mit CPU-, Grafik- und KI-Beschleunigern und adressiert damit die steigenden Anforderungen softwaredefinierter Fahrzeuge an Rechenleistung, funktionale Sicherheit, Datensicherheit und Energieeffizienz. Ergänzt wird das Hardware-Portfolio durch Analog- und Power-Lösungen sowie Basissoftware, Frameworks, Entwicklungswerkzeuge und ein offenes Entwicklungsökosystem.
Und wie reagiert der Markt?
Hervorragend - wir verzeichnen eine starke Resonanz bei OEMs, Tier-1-Zulieferern und im Software-Ökosystem. Heute ist R-Car Gen 4 bereits in Produktion, und Gen 5 gewinnt in SDV-Programmen der nächsten Generation zunehmend an Dynamik, inklusive bereits angekündigter Design-Ins und mehreren aktiven Angebotsanfragen (RFQs).
Auf der Tier-1-Seite haben wir über ein Dutzend aktive Projekte, darunter Proof-of-Concept- und Plattform-Kooperationen. Wir haben mittlerweile mehr als 15 aktive Software- und Technologiepartner.
Das Geschäft entwickelt sich also durchaus positiv?
Ja, wie gesagt, wir erwarten, dass Software-defined Vehicles den Halbleiteranteil pro Fahrzeug deutlich erhöhen werden. Gleichzeitig wollen wir unseren Anteil an dieser Wertschöpfung ausbauen. Unser Anspruch ist es, nicht nur einzelne Komponenten zu liefern, sondern eine durchgängige Plattform und Systemlösung aus MCUs, Hochleistungs-SoCs, Power-Lösungen, Software und Entwicklungswerkzeugen. Damit schaffen wir für uns die Grundlage für nachhaltiges Wachstum im SDV-Zeitalter.
Wie sehen die weiteren Schritte aus?
Wir sind überzeugt, dass künftige Fahrzeuge zunehmend von mehreren KI-Modellen und KI-Agenten geprägt sein werden. Deshalb geht es auch in Zukunft nicht nur um maximale Rechenleistung, sondern um das sichere Zusammenspiel von Rechenleistung, Software, Virtualisierung und funktionaler Sicherheit.
Wie gesagt, Renesas will sich vom klassischen Halbleiterlieferanten zu einem Anbieter integrierter Plattformen weiterentwickeln. Dazu bauen wir unsere Wertschöpfung konsequent aus – von differenzierter Hardware und eigenem IP über Basissoftware und Entwicklungswerkzeuge bis hin zu Software-Stacks und kompletten Systemlösungen. Damit wollen wir die Komplexität für unsere Kunden reduzieren, Entwicklungszeiten verkürzen und die Einführung neuer SDV-Plattformen beschleunigen.
Gleichzeitig investieren wir gezielt in gemeinsame Architekturen, automatisierte Validierung, KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge und den Ausbau unseres eigenen IP-Portfolios. So schaffen wir die Grundlage für wiederverwendbare, skalierbare Plattformen, die sich über mehrere Fahrzeuggenerationen hinweg weiterentwickeln lassen. Parallel entwickeln wir unser SoC- und MCU-Portfolio konsequent weiter – unter anderem mit Arm- und künftig auch RISC-V-basierten Lösungen –, um das gesamte Fahrzeugspektrum abzudecken und unsere Technologien künftig auch auf angrenzende Märkte wie Robotik und Physical AI zu übertragen. Erste Design-Wins zeigen bereits, dass diese Strategie greift. Mit der zunehmenden Einführung von Software-defined Vehicles erwarten wir, dass sich dies in den kommenden Jahren in einer breiteren Kundenakzeptanz und einem nachhaltigen Umsatzwachstum niederschlagen wird.