Was das Multimeter verschweigt

Messtechnik für Rechenzentren - Multimeter vs. Oszilloskop

22. April 2026, 15:49 Uhr | Von Patrik Gold, Pico Technology
Messaufbau mit dem PicoScope 4444 und PicoConnect-442-Tastspitze an einem PC-Netzteil. Das USB-Oszilloskop nutzt den Laptop als Anzeige und benötigt keine eigene Stromversorgung.
Messaufbau mit dem PicoScope 4444 und PicoConnect-442-Tastspitze an einem PC-Netzteil. Das USB-Oszilloskop nutzt den Laptop als Anzeige und benötigt keine eigene Stromversorgung.
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Im Rechenzentrum entscheidet nicht allein der Messwert, sondern das Verhalten der Versorgungsspannung. Umschaltzeiten, Ripple, Oberwellen und Phasenlasten bleiben mit einem Multimeter unsichtbar – können aber ganze IT Strukturen aus dem Tritt bringen. Ein Oszilloskop zeigt.

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Wenn im Data Center eine Versorgungsspannung geprüft werden muss, greifen die meisten Techniker zum Multimeter. Das ist naheliegend: schnell angeschlossen, einfach abzulesen, geringes Risiko. Nur zeigt ein Multimeter eben genau eine Zahl. 48,2 Volt. Alles in Ordnung? Vielleicht. Was das Multimeter nicht zeigt: Ob auf diesen 48,2 Volt ein Ripple von 500 mV sitzt. Ob die USV bei einem Netzausfall in 4 oder in 12 Millisekunden umschaltet. Ob die Batteriespannung unter Last kurz einbricht, bevor sie sich stabilisiert. Ob eine Phase der PDU seit drei Wochen 15 % mehr Last trägt als die anderen zwei. Ob das Netzteil bei Lastsprüngen sauber regelt oder für 200 Mikrosekunden unter die Spezifikation fällt.

All das sind Informationen, die über die Zuverlässigkeit eines Systems entscheiden. Und all das sieht man nur mit einem Oszilloskop, weil es zeitliche Verläufe aufzeichnet. Ein Scope zeigt nicht einen Wert, sondern das Verhalten einer Spannung oder eines Stroms über die Zeit. In der Stromversorgung ist genau dieses Verhalten das, was den Unterschied zwischen „läuft“ und „läuft zuverlässig“ ausmacht.

Bild 1: Umschaltverhalten einer Line-Interactive-USV unter Last, gemessen mit dem PicoScope 4444. Links im Bild die reguläre Netz-Sinuswelle, rechts die modifizierte Rechteckwellenform im Batteriebetrieb. Die Cursoren zeigen eine Transferzeit von knapp 8 ms. In dieser Zeit erhält die angeschlossene Last keine definierte Versorgungsspannung. Ob dieser Wert innerhalb der Toleranz der angeschlossenen IT-Hardware liegt, lässt sich nur mit einer zeitaufgelösten Messung beurteilen.
Bild 1: Umschaltverhalten einer Line-Interactive-USV unter Last, gemessen mit dem PicoScope 4444. Links im Bild die reguläre Netz-Sinuswelle, rechts die modifizierte Rechteckwellenform im Batteriebetrieb. Die Cursoren zeigen eine Transferzeit von knapp 8 ms. In dieser Zeit erhält die angeschlossene Last keine definierte Versorgungsspannung. Ob dieser Wert innerhalb der Toleranz der angeschlossenen IT-Hardware liegt, lässt sich nur mit einer zeitaufgelösten Messung beurteilen.
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Was man im Data Center mit dem Scope tatsächlich macht

USV-Transferzeit messen

Eine der wichtigsten Prüfungen bei der Inbetriebnahme und bei wiederkehrenden Wartungstests. Das Scope wird am USV-Ausgang angeschlossen, dann wird ein Transfertest ausgelöst (Bild 1). Der Spannungsverlauf zeigt exakt, wie lange die Umschaltung von Netz- auf Batteriebetrieb dauert und wie tief die Spannung in dieser Zeit einbricht. Eine Online-USV sollte praktisch unterbrechungsfrei umschalten, eine Line-Interactive-USV liegt typischerweise bei 2 bis 10 Millisekunden. Ob diese Werte eingehalten werden, ist für die angeschlossene IT-Last geschäftskritisch. Mit einem Multimeter lässt sich das schlicht nicht erfassen.

Ausgangsspannung der USV unter der Lupe

Ein Szenario aus der Praxis. Ein Server läuft seit Monaten stabil auf einer Line-Interactive-USV. Unter Volllast, kein Problem. Dann fällt er aus. Im Idle. Kein Lastspike, keine Überhitzung, keine Log-Einträge außer einem abrupten Shutdown. Das Multimeter am USV-Ausgang zeigt 230 V. Also alles in Ordnung? Nein. Erst die Messung mit dem Oszilloskop macht sichtbar, was hier passiert (Bild 2). Am Netzeingang liegen die Spitzenspannungen bei 323 V, ein normaler Wert für ein 230-V-Netz. Im Batteriebetrieb unter Volllast steigen die Peaks auf 381 V. Und ohne Last? 395 V. Über 20 % mehr als am regulären Netz. Man würde das Gegenteil erwarten. Die USV-Regelung überkompensiert im Leerlauf und erzeugt dabei die höchsten Peaks. Ein Server-Netzteil, das unter Volllast im Batteriebetrieb stabil läuft, kann im Idle abschalten, weil die Überspannungsschutzschaltung bei fast 400 V anspricht. Ohne Scope bleibt dieses Problem unsichtbar. Zusätzlich zeigt die FFT-Analyse im Oszilloskop das Oberwellenspektrum der USV-Ausgangswellenform. Eine modifizierte Rechteckwelle enthält erhebliche Oberwellenanteile, die bei empfindlichen Schaltnetzteilen die Eingangsstufe belasten.

Batteriediagnostik an USV-Bänken

In einer USV sind dutzende Batteriezellen in Reihe geschaltet. Jede dieser Zellen sitzt auf einem anderen Potential. Keine liegt auf Erde. Wer hier mit einem herkömmlichen Oszilloskop die Spannung einer einzelnen Zelle unter Last beobachten will, steht vor einem grundsätzlichen Problem: Der massebezogene Eingang des Geräts erzwingt einen Bezug zur Schutzerde, der in dieser Schaltung nicht existiert. Entweder man misst falsch, oder man riskiert einen Kurzschluss über den Erdpfad des Oszilloskops. Bei Gesamtspannungen der Batteriebank von 400 V und mehr ist das keine Kleinigkeit. Genau hier zeigt sich, warum ein Oszilloskop mit galvanisch isolierten oder echten differentiellen Eingängen nicht nur bequemer, sondern notwendig ist. Erst damit lassen sich einzelne Zellen gefahrlos und gleichzeitig messen, um frühzeitig zu erkennen, welche Zelle bei einem Entladetest schneller einbricht als ihre Nachbarn.

Phasenbalance an PDUs prüfen

Drei Stromzangen auf L1, L2 und L3, dazu eine vierte auf dem Neutralleiter: Auf dem Bildschirm sieht man sofort, ob die Phasen gleichmäßig belastet sind. Ungleiche Lastverteilung führt zu unnötiger thermischer Belastung und beschleunigt die Alterung von Komponenten. Wer das vollständige Bild will, misst nicht nur den Strom, sondern gleichzeitig auch die drei Phasenspannungen. Dafür braucht es sechs Kanäle, drei für Strom, drei für Spannung, mit dem Neutralleiter sogar sieben oder acht. Achtkanal-Oszilloskope wie das PicoScope 4824A machen genau das möglich, ohne dass man zwischen Messaufbauten wechseln muss. Eine einzige Aufnahme liefert Strom, Spannung und deren zeitliche Beziehung zueinander.

Bild 2: Spitzenspannungen am USV-Ausgang im Vergleich: 323 V am Netz (grün/blau), 381 V im Batteriebetrieb unter Last (rot) und 395 V im Batteriebetrieb ohne Last (gelb). Die höchsten Peaks treten nicht unter Volllast auf, sondern im Leerlauf.

Bild 2: Spitzenspannungen am USV-Ausgang im Vergleich: 323 V am Netz (grün/blau), 381 V im Batteriebetrieb unter Last (rot) und 395 V im Batteriebetrieb ohne Last (gelb). Die höchsten Peaks treten nicht unter Volllast auf, sondern im Leerlauf.

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Langzeitüberwachung der Netzqualität

Sporadische Spannungseinbrüche, kurzzeitige Störungen, schleichende Veränderungen im Lastprofil: Solche Probleme treten nicht auf Kommando auf. Im Streaming-Modus kann ein PC-basiertes Oszilloskop über Stunden oder Tage kontinuierlich aufzeichnen. Mit der Alarmfunktion der PicoScope-Software lassen sich Schwellenwerte definieren, bei deren Überschreitung automatisch ein Ereignis markiert, eine Wellenform gespeichert oder ein externes Signal ausgelöst wird. So muss kein Techniker daneben stehen und auf einen Fehler warten. Auch hier zahlt sich ein Achtkanal-Gerät aus: Strom und Spannung aller drei Phasen gleichzeitig über einen längeren Zeitraum zu protokollieren, erlaubt eine wesentlich differenziertere Fehlersuche als die Messung einzelner Kanäle zu verschiedenen Zeitpunkten.

Warum die meisten Facility-Teams trotzdem keins benutzen

Wenn das Oszilloskop so nützlich ist, warum nutzen es dann so wenige Teams im Data Center? Ein Grund ist Gewohnheit. Ein anderer ist berechtigt: Viele konventionelle Oszilloskope bringen ein Risiko mit, das in Stromversorgungssystemen real ist.

Bei vielen herkömmlichen Oszilloskopen mit BNC-Eingängen, ob Benchtop oder tragbar, ist der Ground Clip niederohmig mit der Gehäusemasse verbunden. Bei einem netzbetriebenen Gerät führt dieser Pfad über das Netzkabel direkt auf Schutzerde. Berührt der Ground Clip einen Punkt, der nicht auf Erdpotential liegt, fließt ein Ausgleichsstrom. Das kann dazu führen, dass ein Netzteil in den Schutzabschaltmodus geht, ein Server die Redundanz verliert oder ein System unerwartet neu startet.

In einem voll bestückten Rack kommt erschwerend hinzu, dass kaum Platz ist, um einen Tastkopf kontrolliert zu führen. Der Ground Clip hängt an einem kurzen Kabel und kann beim Hantieren zwischen dicht gepackten Servern und Kabelbündeln unbeabsichtigt Gehäuseteile oder benachbarte Anschlüsse berühren. Kein hypothetisches Risiko, sondern Alltag.

Wie ein differentielles Oszilloskop das Problem löst

Statt Techniker mit Messvorschriften und Checklisten vor einem architekturbedingten Risiko zu schützen, kann man das Risiko auf der Geräteebene eliminieren. Ein Oszilloskop mit echten differentiellen Eingängen misst zwischen zwei hochohmigen Anschlüssen. Es gibt keinen Ground Clip, keinen niederohmigen Erdpfad, keine Möglichkeit, durch die Messung einen Kurzschluss zu verursachen.

Das PicoScope 4444 von Pico Technologarbeitet genau nach diesem Prinzip. Vier echte differentielle Kanäle messen unabhängig voneinander an beliebigen Punkten im System. Mit passiven Spannungstastspitzen bis 1000 V CAT III deckt man den gesamten Bereich von der einzelnen Batteriezelle bis zur AC-Einspeisung ab. Stromzangen werden direkt über die intelligente Probe-Schnittstelle versorgt, keine Batterien, keine externen Netzteile. Die Probe-Erkennung konfiguriert das Oszilloskop automatisch: Skalierung, Einheiten und Eingangsbereiche stehen, sobald der Tastkopf eingesteckt wird.

Als USB-Gerät nutzt das PicoScope den Laptop, den der Techniker ohnehin dabei hat. Kein separates Display, kein zusätzliches Netzteil am Rack. Screenshots wandern direkt in den Wartungsbericht. Die Software PicoScope 7 läuft auf Windows, macOS und Linux, sämtliche Funktionen sind im Lieferumfang enthalten. Keine Lizenzkosten, keine Abo-Modelle, lebenslang kostenlose Updates. Verglichen mit klassischen Benchtop-Oszilloskopen, die für differentielle Messungen teure Zusatztastspitzen benötigen, ist das ein deutlich günstigerer und kompakterer Ansatz.

Ausblick

Die Leistungsdichte pro Rack steigt. KI-Workloads treiben den Bedarf von einstelligen Kilowattzahlen auf 30 kW und mehr. Gleichzeitig drängen neue Versorgungsarchitekturen wie 48-V- oder 380-V-DC-Verteilung in den Markt, bei denen die gesamte Busspannung potentialfrei gegenüber Erde liegt. Massegebundene Messungen funktionieren hier nicht einmal mehr theoretisch. Wer heute in Messtechnik für seine Facility investiert, sollte diese Entwicklung auf dem Schirm haben.


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