Medizintechnikbranche krisenresistent

»Wir waren in gewisser Weise vorbereitet«

23. April 2020, 11:05 Uhr | Engelbert Hopf
ChristianKlimmer
© GS Elektromedizinische Geräte

Produktionssteigerungen bis 40 Prozent lassen sich nach Einschätzung von Dr. Christian Klimmer, einem der drei Geschäftsführer der GS Elektromedizinische Geräte, nur über einen beschränkten Zeitraum aufrechterhalten. Dies ginge sonst zu Lasten der Qualität und würde die Supply Chain beeinträchtigen.

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Exit in den Uplift

Wie hoch war Ihr Umsatz im letzten Jahr und mit welchem Umsatzvolumen rechnen Sie für dieses Jahr?

Unsere Umsatzentwicklung ist zu einem gewissen Prozentsatz projektabhängig. Wir haben 2018 einen Umsatz von 60 Millionen Euro erzielt und konnten diesen im letzten Jahr auf 75 Millionen Euro steigern. Im Schnitt sind wir über die letzten Jahre zweistellig gewachsen. Das war auch für 2020 unser Ziel. Das Coranavirus stellt nun allerdings alle Unternehmen vor eine riesige Herausforderung. Glücklicherweise ist die Medizintechnikbranche sehr krisenresistent. Diese Erfahrung haben wir bereits in der Finanzkrise 2008 nach Lehman gemacht und sind in dieser Phase sogar gewachsen. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte für uns ja.

Ihr Unternehmen ist durch seine systemrelevanten Produkte in den letzten Wochen über seinen normalen Wahrnehmungskreis hinaus öffentlich bekannter geworden. Wird das zusätzliches Interesse von Investoren auf Sie ziehen?

Wir erhalten auch zu normalen Zeiten regelmäßig Anfragen von medizintechnischen Unternehmen, Familiy Businesses oder Investoren. Wir sind jedoch wirtschaftlich nicht gezwungen, auf solche Angebote einzugehen. Wir sind vollständig eigenfinanziert und müssen für die Weiterentwicklung des Unternehmens auch keine Kredite aufnehmen. Wir wachsen aus eigener Kraft.

Eine der kreativsten Ideen der letzten Wochen bestand darin, dass branchenfremde Unternehmen auf einmal medizintechnische Geräte fertigen sollten. Für wie realistisch halten Sie solche Gedankenspiele?

Wenn man alle bisher geltenden Bestimmungen und Regulatorien außer Acht lassen würde, wäre es sicher möglich, dass auch branchenfremde Unternehmen beispielsweise einfache Beatmungsgeräte entwickeln und herstellen könnten. Die Betonung liegt auf einfach. Das hat dann nichts mit den Geräten zu tun, die in der Notfall- und Intensivmedizin zum Einsatz kommen und beispielsweise verschiedene Beatmungs-Modi bieten oder eben ein umfangreiches Patienten-Monitoring beinhalten. Automobilunternehmen als Lieferanten von Beatmungsgeräten werden nicht funktionieren. Was aber helfen kann, ist die Bereitstellung etwa von den dort eingesetzten 3D-Druckern, um dringend benötigte Kunststoffteile herstellen zu können. Oder auch die Lieferung von Frästeilen an die Medizintechnikspezialisten. Alles andere halte ich für nicht realistisch.

Einer der wenigen positiven Nebeneffekte der Corona-Krise ist die sinkende CO2-Belastung. GS feiert 2022 sein 40-jähriges Jubiläum. Zählt eine CO2-neutrale GS zu Ihren Zielen?

Wir verfolgen seit Jahren unsere corpuls-green-Initiative. So sind wir beispielsweise dank unserer installierten Photovoltaik-Anlage fast netzautark in der Produktion. Dienstflüge unserer Mitarbeiter haben wir auch schon in den letzten Jahren CO2-kompensiert. Wir werden das Ziel einer CO2-Neutralität, soweit es für uns realisierbar ist, weiterverfolgen. Ich befürchte aber, dass die Corona-Krise in puncto Klimaschutz viele ursprünglich geplante Projekte in der Industrie verhindern oder auf Eis legen wird, weil es jetzt erst einmal darum geht, die durch die Krise aufgetretenen weltweiten wirtschaftlichen Verwerfungen zu beseitigen.

Thema Krisenbewältigung und Exit aus der Corona-Krise: Wie stehen Sie zu den Hilfsprogrammen der Bundesregierung für die Wirtschaft und speziell für den Mittelstand?

Für gesunde Unternehmen, die unverschuldet durch die Krise in Schieflage geraten sind, sicherlich der absolut richtige Ansatz. Leider gibt es allerdings schon zahlreiche Betrugsfälle, wie der Presse zu entnehmen ist.

Auf die Shutdowns wird der Exit in den Uplift folgen. Was erwarten Sie als global agierendes Unternehmen für die nächsten Monate?

Ich gehe davon aus, dass die Rückkehr zur Normalität weltweit phasenverschoben erfolgen wird. Das wird von Land zu Land unterschiedlich sein. Der Reiseverkehr dürfte im Gegensatz zum Güterverkehr noch länger stark eingeschränkt bleiben. So ist durchaus möglich, dass Einreiseverbote für Europäer und Amerikaner nach Asien länger andauern. Mit einer wirklichen Rückkehr zur Normalität ist wohl erst dann zu rechnen, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Gibt es eigentlich Maßnahmen, die Sie in Ihrem Unternehmen während der Krise eingeführt haben, die sich so gut bewährt haben, dass Sie sie auch zukünftig beibehalten werden?

Stichwort Meeting-Kultur: Ich finde, Online Meetings sind einfacher, schneller und effizienter! Ich denke, darauf werden wir auch in Zukunft verstärkt zurückgreifen. Ganz allgemein: Die Krise ist ein Turbo für die Digitalisierung unserer Wirtschaft.

Wie stehen Sie als Branchenkenner eigentlich zur MDR, deren Geltungsbeginn ja nun um ein Jahr auf Mai 2021 verschoben wurde?

Aus meiner Sicht ist die Medical Device Regulation ein Innovationskiller! Jeder wird sich in unserer Branche fragen: Lohnt es sich unter diesem bürokratischen und regulatorischen Aufwand noch, neue, kundenspezifische Eigenschaften oder Lösungen zu entwickeln? Wer seine Entwicklung nicht diszipliniert und strukturiert durchgezogen hat, wurde dafür auch bisher nur selten mit wirtschaftlichem Erfolg belohnt. Auch in unserer Branche ist der Mittelstand das kreative Herz. Wie viele Entwicklungsneuheiten kommen in der Medizintechnik, beispielsweise in unserer Branche, denn heute noch von großen amerikanischen Konzernen? Die Einführung der Medical Device Regulation hat ihren Ursprung im Brustimplantat-Skandal in Frankreich. Nur wäre dieser auch mit Medical Device Regulation ganz eindeutig nicht zu verhindern gewesen. Wenn kriminelle Energie im Spiel ist, hilft auch keine – egal wie scharfe – Regulierung.


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