NVision sammelt 55 Mio. Dollar ein

Neue Krebstherapien dank Quantentechnologien

18. Mai 2026, 10:18 Uhr | Heinz Arnold
Das Team von NVision
© NVision

NVision, bisher Hersteller von Quantensensorik, will sich strategisch neu aufstellen und in das Quantencomputing einsteigen, um einen integrierten quantenbasierten Ansatz für die Entwicklung und Validierung neuer Krebs-Therapien zu etablieren.

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Außerdem hat die 2015 als Spin-off der Universität Ulm gegründete NVision, ein Quantentechnologieunternehmen mit Fokus auf biomedizinischen Diagnoseverfahren, 55 Mio. Dollar von Investoren eingesammelt. Ankerinvestor der Serie-B-Finanzierungsrunde ist Abbott, ein führendes Unternehmen im Bereich Diagnostik und Medizintechnik. Abbott verspricht sich über den neuen Ansatz von NVision, der Quantensensorik mit Quantencomputing kombiniert, ein großes Potenzial für ganz neue diagnostische Ansätze.

Das meint Pat Gelsinger, ehemaliger Intel-CEO, zur Ankündigung von NVision:

»Über Quantencomputer wird seit langem vor allem im Zusammenhang mit Rechenleistung und Kryptografie diskutiert. Doch einige der wichtigsten Anwendungsbereiche könnten in der Medizintechnik liegen und der menschlichen Gesundheit dienen. Was mich an NVision begeistert, ist die Verschmelzung von Quantensensorik, Bildgebung und molekularen Quantensystemen zu einer umfassenderen Vision für »Quantum Health«. Die Möglichkeit, die biologischen Grundlagen von Krankheiten auf völlig neue Weise sichtbar zu machen, hat das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Krebs und andere Krankheiten diagnostizieren, verstehen und behandeln, grundlegend zu verändern.«

Ursprünglich hat NVision die auf Quantentechnologie basierende MRT-Plattform »POLARIS« entwickelt, um das MRT-Signal von zuckerbasierten Kontrastmitteln um mehrere Größenordnungen zu verstärken. Dadurch wird die Echtzeit-Messung von Stoffwechselprozessen auf bestehenden MRT-Geräten möglich, ohne dass dafür großer Umrüstungsaufwand erforderlich ist.

Das ist ein großer Fortschritt: Mit heutigen Verfahren, die auf konventionelle Bildgebung angewiesen sind, können strukturelle Veränderungen erst nach Monaten erkannt werden. Jetzt gelingt es den Forschern, innerhalb von Stunden bis Tagen zu sehen, ob der Patient auf Therapien anhand der Krankheitsbiologie anspricht.

Organische molekülbasierter Qubits

Ausgangspunkt für den Einstieg ins Quantencomputing ist eine Entdeckung, die NVision während der Entwicklung seiner MRT-Technologie gemacht hat: eine neue Klasse organischer molekularer Qubits. Auf dieser Basis will das Unternehmen künftig Quantencomputer entwickeln, die speziell auf biomedizinische Anwendungen und Wirkstoffentwicklung ausgerichtet sind.

 Der Ansatz kombiniert künftig zwei Technologien: Quantencomputing soll neue Wirkstoffkandidaten und bislang schwer zugängliche Zielstrukturen simulieren und entwerfen, während die Plattform »POLARIS« deren Wirkung direkt in biologischen Systemen validiert. NVision spricht dabei von einem integrierten »Compute-and-Validate«-Ansatz, der Quantencomputing für das Design mit Quantensensorik für die Validierung in der realen Biologie verbindet.

»POLARIS«-Systeme werden bereits an führenden Krebszentren weltweit installiert und sollen bis Ende des Jahres an rund 20 Standorten in den USA, Europa und Asien im Einsatz sein. Dazu zählen das Memorial Sloan Kettering Cancer Center, die University of Cambridge und die Technische Universität München. »POLARIS« funktioniert als praktisches Quantengerät in realen klinischen Umgebungen und erfordert keine spezialisierte Quantenexpertise. Damit zeigt die Plattform, dass Quantentechnologien bereits heute konkreten Nutzen schaffen können.

Eine völlig neue Klasse von Qubits

Technologisch setzt das Unternehmen auf spezielle Photonic Integrated Circuits (PICs), die auf den Namen »Photonic Integrated Quantum Circuits« (PIQC) – ausgesprochen »Pixie« - getauft wurden. Sie basieren auf einzelnen photonemittierende organische Moleküle, die eine völlig neue Klasse von Qubits bilden und sich grundlegend von etablierten Ansätzen unterscheiden. Auf den PIQCs werden einzelne photonemittierende organische Moleküle als Qubits in dünnen Schichten direkt auf photonische Chips integriert.

Skalierbare Architektur

Ein großer Vorteil der neuen Architektur ist die Skalierbarkeit.

Denn die molekulare Schicht lässt sich mit etablierter photonischer Hardware kombinieren und mit Hilfe derselben standardisierten Prozesse fertigen wie Halbleiterchips.

 »Ich sehe eine Zukunft, in der Quantencomputer einen explosionsartigen Anstieg neuer Wirkstoffhypothesen für Krankheiten erzeugen, die heute außergewöhnlich schwer zu behandeln sind«, sagt Dr. Sella Brosh, CEO und Mitgründer von NVision. »Mit der Erweiterung unserer Ambition in Richtung Quantencomputing, aufbauend auf unserer vollkommen neuen Klasse organischer molekülbasierter Qubits, rückt diese Zukunft näher. Doch ohne eine entsprechende Geschwindigkeit bei der Übertragung dieser Erkenntnisse in die Praxis, werden wir diese Fortschritte nicht vollständig realisieren können. Genau dafür wurde „POLARIS“ entwickelt: um schnelle In-vivo-Validierung zu ermöglichen und die Lücke zwischen Design und Realität zu schließen.«

Ganz neue Krebstherapien werden möglich

»NVision verändert grundlegend, wie wir Krebs entdecken, diagnostizieren und behandeln, indem es die Biologie von Krankheiten auf eine Weise sichtbar macht, die bisher nicht möglich war«, sagt Peter Barrett, General Partner bei Playground Global. »Dieselbe molekulare Quantenfähigkeit ermöglicht nun sowohl das Design als auch die Prüfung neuer Therapien und definiert damit eine neue Kategorie im Bereich Quantentechnologien für die Medizin.«

NVision hat bisher 120 Mio. Dollar eingesammelt

Zur Unterstützung dieser Erweiterung gab NVision zudem eine neue Finanzierung in Höhe von 55 Millionen Dollar bekannt. Die Serie-B-Finanzierung umfasst ein Venture-Darlehen in Höhe von 17 Millionen US-Dollar von der Europäischen Investitionsbank (EIB). Die Runde wird von Abbott, einem weltweit führenden Unternehmen im Bereich Diagnostik und Medizintechnik, als Ankerinvestor getragen. Weitere Beteiligungen kommen von Playground Global, Matterwave/b2venture und Entrée Capital. Mit der neuen Finanzierung steigt das insgesamt von NVision eingeworbene Kapital auf 120 Millionen Dollar.

Völlig neue Diagnosemöglichkeiten eröffnen sich

Abbott steigt als einziger strategischer Investor im Bereich Diagnostik ein, weil das Unternehmen die Anwendungsmöglichkeiten der Quantentechnologien von NVision im gesamten diagnostischen Bereich erkunden möchte. Die Investition verschafft Abbott frühzeitigen Zugang und strategische Nähe zu neuen Entwicklungen in der Quantensensorik und im Quantencomputing und unterstützt die Bewertung zukünftiger Anwendungen in den Bereichen Diagnose, Überwachung und klinische Entscheidungsfindung.

»Abbott erforscht kontinuierlich Technologien, die unser Verständnis und die Diagnose von Krankheiten neu definieren können. Was uns an NVision besonders beeindruckt, ist die Fähigkeit des Unternehmens, komplexe Quantenwissenschaft in skalierbare Systeme für den praktischen Einsatz umzusetzen«, sagt Peter Karabatsos, Divisional Vice President of New Technology von Abbott. »Wir interessieren uns besonders dafür, wie Quantentechnologien frühzeitigere Einblicke in die Biologie von Krankheiten ermöglichen und neue Wege zum Verständnis komplexer biologischer Systeme und Daten eröffnen können. Das Forschungsgebiet befindet sich noch im Anfangsstadium, und wir sehen dies als Chance, neue Erkenntnisse zu gewinnen, uns intensiv einzubringen und zu erforschen, wie diese Möglichkeiten die Zukunft des Gesundheitswesens prägen könnten.«

»Seit unserer ersten Investition im Jahr 2017 hat sich NVision zu einem Spitzenunternehmen im Bereich der molekularen Spin-Kontrolle entwickelt. NVision gehört zu einer kleinen Elite von Unternehmen, die bereits heute kommerziell nutzbare Quantensensorsysteme in großem Maßstab verkaufen«, sagt Christian Reitberger, Partner bei Matterwave Ventures. Die Kombination aus erweiterter metabolischer Bildgebung und vorgelagerten Simulationsfähigkeiten schaffe eine einzigartige Grundlage für den quantengestützten Einsatz in groß angelegten pharmazeutischen Forschungs- und Entwicklungsanwendungen.

Neue Messmethoden, tieferes Verständnis

 »NVision verändert bereits jetzt, wie wir Biologie messen und verstehen. Die skalierbare Sensorplattform auf Klinikniveau hat das Potenzial, MRT neu zu definieren und völlig neue biologische Signale zu entschlüsseln. Solche Unternehmen verändern ganze Branchen, und wir sind stolz darauf, sie seit dem ersten Tag und auf ihrem Wachstumskurs zu begleiten«, erklärt Ran Achituv, geschäftsführender Gesellschafter bei Entrée Capital.


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