Kabelindustrie unter Druck

Wie Lapp Lieferengpässe managt

17. Mai 2022, 5:23 Uhr | Corinna Puhlmann-Hespen
Boris Katic
Boris Katic, Lapp: »Die Versorgungslage ist unglaublich angespannt.«
© Lapp

Bei Kabeln kommt es aufgrund knapper Vormaterialien weltweit zu Lieferschwierigkeiten. Wie es dennoch gelingen kann, in einem extrem schwierigen Marktumfeld erfolgreich zu beschaffen, zeigt der Kabelhersteller Lapp auf.

»Noch nie in meiner Laufbahn war ich mit so vielen Force-Majeur-Ereignissen konfrontiert wie in letzter Zeit«, betont Boris Katic, COO LA EMEA von Lapp. »Parallel zu den zahllosen Störungen der internationalen Versorgungswege erlebt die Weltwirtschaft seit Sommer 2020 einen enormen Aufschwung. Das Resultat ist eine extreme Verknappung quasi aller Rohstoffe und Produkte. Die Einkaufspreise explodieren. Fast täglich senden uns Lieferanten angepasste Preislisten«, beschreibt der Lapp-Manager die aktuelle Situation am Kabelmarkt. 

Sorgen bereiten zum Beispiel die Kunststoffe, die das Unternehmen für die Ummantelung der Kabel und Leitungen braucht. Im Vergleich zum Oktober 2020 liegen die Preise bei den verschiedenen Kunststoff-Typen heute zwischen 30 bis 70 Prozent höher!

Der Grund dafür ist ein erheblicher Engpass bei den relevanten Vormaterialien. So war zum Beispiel für Lapp die Verfügbarkeit von Silikon kürzlich beinahe komplett abgerissen. Hintergrund: Aufgrund der CO2-Reduktionsbestrebungen in China wurden zeitweise große Produktionsstätten heruntergefahren. Hinzu kommt bei den Vormaterialien von Kabeln der große Wettbewerb aus anderen Industrien. Neben der Kabelindustrie greifen viele weitere, zum Teil gewichtige Branchen auf das Rohmaterial zu – von der Kosmetikindustrie bis hin zur Textilwirtschaft. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel für Polyurethan (PUR) weltweit nur sehr wenige Produzenten. Extreme Preissteigerungen sind die Folge.

Boris Katic: »Die Versorgungslage ist unglaublich angespannt. Aber das Supply Chain Management hat sich gut vorbereitet, um auch noch in einem schwierigen Marktumfeld erfolgreich zu beschaffen.« Gut gepflegte Lieferantenbeziehungen sowie extrem flexible, eigene Werke bei Lapp sind der Schlüssel.

Wie lassen sich Verfügbarkeitsprobleme managen?

Lapp hat für viele Materialien langfristige Rahmenverträge vereinbart – dadurch war die Verfügbarkeit besser als die vieler Wettbewerber. Bereits vor ein paar Jahren hat das Unternehmen das Risikomanagement sehr ernst genommen und Partnerlieferanten identifiziert, mit denen entsprechende vertragliche Vereinbarungen getroffen wurden. Dies habe geholfen. In der Anfangsphase der Krise 2020 hat sich Lapp kontinuierlich sehr eng mit seinen Lieferanten abgestimmt. Boris Katic: »Täglich gab es viele Calls – teils saßen unsere Gesprächspartner im gläsernen Vorstandsbüro, teils am gemeinsamen Küchentisch – und wir sind sämtliche Produktgruppen durchgegangen, um Lösungen zu finden.«

Auch die Partnerlieferanten profitierten davon – denn es sind Partnerschaften in guten und in schlechten Tagen! Im Abschwung Anfang 2020 habe Lapp sichergestellt, dass die Lieferanten so stark wie möglich ausgelastet werden und nicht stärker unter dem Geschäftseinbruch leiden als Lapp selbst. Dafür revanchieren sie sich heute, indem sie Lapp im Zweifel bevorzugt beliefern.

Persönlicher Einsatz und enge Zusammenarbeit

In Verhandlungen mit Lieferanten ist Lapp kompromissbereit: So werden auch Mehrmengen abgenommen, oder die Waren selbst abgeholt. Wenn nötig, geht der Kabelhersteller gemeinsam mit Partnerlieferanten auf Einkaufstour: »Natürlich haben wir trotzdem manchmal das Nachsehen gegen ganz große Player, wie beispielsweise große Sportartikelhersteller, aber insgesamt konnten wir unseren Lieferanten klar machen, dass wir ein spannender Wachstumskunde sind«, bilanziert Boris Katic. Unterstützt wird das Supply Chain Management vom »Sensors in the Market«-Team, wodurch Lapp schnell auf Veränderungen im Markt reagieren kann.

Diversifizierung für eine resiliente Supply Chain

Strategisch setzt der Kabel- und Steckverbinderhersteller auf Diversifizierung. Ziel des Unternehmens ist es, dass für jede Produktgruppe mindestens zwei Lieferanten zu akquirieren sind, so dass jeder Standort auf der ganzen Welt flexibel beliefert werden kann. Diese Bemühungen zeigen bereits Erfolge: Beispielsweise hat Lapp im Bereich Industrial Communication in den vergangenen zwölf Monaten vier neue Lieferanten qualifiziert.

Um die gestiegene Nachfrage nach Verbindungslösungen bewältigen zu können, war vor allem ein internationaler Chemiekonzern ein wichtiger Partner. Dieser ist der wichtigste globale Lieferant. Der Chemiekonzern ist auf jedem Kontinent vertreten und kann jedes Lapp-Werk von mindestens zwei Standorten mit PVC beliefern.

Software scannt Lieferanten

Bei der Suche nach neuen Lieferanten setzt Lapp zudem auf eine „Artificial Intelligence Lösung“: Diese Software kann in Hochgeschwindigkeit das Internet scannen, findet Lieferanten auf der ganzen Welt und bewertet sie. So identifiziert sie zum Beispiel innerhalb von Stunden 5.000 potenzielle Leitungslieferanten in China und generiert dann eine Liste mit den vielversprechendsten 30 möglichen Lieferanten. Diese kann das Einkaufsteam dann gezielt kontaktieren. Zuletzt verfügte Lapp in der Region Lateinamerika und EMEA über insgesamt rund 240 qualifizierte Lieferanten für alle 25 Produktgruppen. Mithilfe der Artificial Intelligence Lösung konnte das Unternehmen für eine einzige Produktgruppe und nur innerhalb von Europa mehr als 60 neue, potenzielle Lieferanten identifizieren! Ziel ist es, die Lieferantenbasis für alle Produktgruppen deutlich zu erhöhen.

Ausblick: Auch das Produkt-Design muss sich ändern

Lapp geht davon aus, dass der internationale Wettbewerb um Rohstoffe auch in Zukunft eine große Herausforderung sein wird. Ein Lösungsansatz wäre neben den Beschaffungsstrategien ein optimiertes Produktdesign zu schaffen: Ein Kabel hält heute in vielen Anwendungen oft länger als die Maschinen, in denen es eingesetzt wird. Für Verbindungslösungen stelle sich daher die Frage, ob die gleiche Funktionalität mit 20 Prozent weniger Material sichergestellt werden kann, trotz der bestehenden Normen.  »Wir müssen uns fragen, ob wir es uns in Zukunft noch leisten können, Produkte herzustellen, die so überdimensioniert sind«, appelliert Boris Katic.

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