Kommentar

Supraleitung – eine Chance für Europa

27. April 2026, 08:13 Uhr | Heinz Arnold
Heinz Arnold, stv. Chefredakteur, HArnold@componeers.net
Heinz Arnold, Stv. Chefredakteur Markt&Technik, HArnold@componeers.net
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Die Hochtemperatursupraleitung verlässt das Stadium der Zukunftsvision und wird zur industriellen Realität, wie gleich mehrere aktuelle Projekte in Deutschland zeigen, in denen die Supraleitung ihre Wirtschaftlichkeit beweisen kann.

Zwei Neuigkeiten aus der Hochtemperatursupraleitung haben in der vergangenen Woche aufhorchen lassen: Erstens ist das in München zwischen zwei Umspannwerken geplante »Supralink«-Kabel auf Basis von Hochtemperatursupraleitern (HTS-Kabel) mit 12 bis 15 km Länge – das weltweit bei weitem längste seiner Art – auf gutem Weg: Die Stadtwerke München und Kabelhersteller NKT haben einen Letter of Intend für die weitere Zusammenarbeit unterschrieben, ein entscheidender Schritt hin zum praktischen Einsatz von HTS-Kabeln im innerstädtischen Raum – ein sehr gutes Zeichen für die Supraleitungs-Community in Deutschland, was letzte Woche auch für Feierlaune auf der ZIEHL-Konferenz in Berlin gesorgt hatte, zu der sich die Supraleitungs-Gemeinde alle zwei Jahre trifft.

Zweitens hat gerade die dänische Subra die in Ismaning bei München ansässige Theva, Hersteller von HTS-Drähten, übernommen, um einen europäischen Supraleiter-Champion zu etablieren. Theva liefert die HTS-Drähte, die NTK zu dem Kabel verarbeitet, das die Umspannstationen in München quer durch die Stadt verbinden wird.

In dieses Bild passt, dass sich auch Vision Electric Super Conductors (VESC) über einen großen Auftrag freuen darf: Im Auftrag von Aluminium-Hersteller Trimet installiert VESC gerade eine 600 m lange HTS-Stromschiene im Rahmen des »SUPRAL«-Projektes. 200 kA kann die Stromschiene übertragen – das ist Weltrekord. Vor allem ist es kein Pilotprojekt mehr, sondern wird aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt: 1 bis 2 Mio. Euro pro Jahr können eingespart werden, die Betriebskosten reduzieren sich um 85 Prozent.

Das zeigt: Die Vorteile der Hochtemperatursupraleitung fallen heute so deutlich ins Gewicht, dass die als »ewige Zukunftstechnik« bespöttelte HTS in reale Anwendungsfälle Einzug hält.

Für zusätzlich gute Laune sorgen Rechenzentren: Mit einer Anschlussleistung von 1 GW und Racks, die bald schon 1 MW benötigen, gibt es zur Supraleitung kaum Alternativen. Und schließlich benötigen Fusionsreaktoren, in die derzeit viel Geld fließt, riesige Mengen an Hochtemperatursupraleitern, sowohl HTS als auch Tieftemperatursupraleiter, wie etwa Bruker sie in Hanau fertigt.

Alle Zeichen stehen also auf eine Kommerzialisierung der Supraleitung – und einige der weltweit größten Projekte laufen in Deutschland an. Deutschland und Europa sind in dieser Technologie ganz vorne dabei, wie auch die ZIEHL-Konferenz letzte Woche zeigte. Diesen Schwung gilt es jetzt zu nutzen und alles zu tun, damit Europa weiter ganz vorne dabei bleibt.

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