Helmut Müller, Bürklin, im Gespräch

»Wir helfen, Risiken abzufedern und Planungssicherheit zu schaffen«

29. April 2026, 10:30 Uhr | Karin Zühlke
Helmut Mueller Buerklin
Helmut Müller, Bürklin: »Resilienz ist deshalb keine kurzfristige Reaktion auf Krisen, sondern eine zentrale Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg.«
© Bürklin

Warum klassische Effizienzmodelle an ihre Grenzen stoßen und Resilienz zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, erklärt Helmut Müller, Chief Product Officer bei Bürklin, im Gespräch mit Markt&Technik.

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Herr Müller, Lieferketten gelten seit Jahren als Dauerkrisenthema. Hat sich die Lage inzwischen stabilisiert – oder ist Unsicherheit zum neuen Normal geworden?

Die Situation hat sich punktuell entspannt, aber strukturell ist sie fragiler geworden. Geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und regulatorische Eingriffe sorgen dafür, dass Planbarkeit insgesamt abnimmt. Unternehmen müssen heute jederzeit mit Störungen rechnen – sei es auf Beschaffungs-, Transport- oder Nachfrageseite. Insofern würde ich sagen: Volatilität ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Teil des Systems.

Viele Unternehmen haben lange auf Just-in-Time gesetzt. Warum stößt dieses Modell aktuell an seine Grenzen?

Just-in-Time funktioniert hervorragend in stabilen, gut prognostizierbaren Märkten. Genau diese Stabilität fehlt derzeit. Wenn Lieferzeiten schwanken oder plötzlich Engpässe auftreten, wird aus Effizienz sehr schnell ein Risiko.

Wir sehen deshalb ein Umdenken: Weg von der reinen Kostenoptimierung, hin zu einer Balance zwischen Effizienz und Versorgungssicherheit. Strategische Lagerhaltung ist dabei kein Rückschritt, sondern eine bewusste Risikosteuerung.

Das klingt nach steigenden Kosten. Wie lässt sich das wirtschaftlich rechtfertigen?

Diese Diskussion wird oft zu einseitig geführt. Natürlich verursacht Lagerhaltung Kosten. Aber man muss sie ins Verhältnis setzen: Was kostet ein Produktionsstillstand? Was bedeutet eine verzögerte Produkteinführung?

In vielen Fällen sind die Opportunitätskosten um ein Vielfaches höher als die Investition in zusätzliche Bestände. Resilienz ist deshalb kein Kostenblock, sondern eher eine Art Versicherung gegen schwer kalkulierbare Risiken.

Welche konkreten Instrumente helfen Ihren Kunden, diese Balance besser zu steuern?

Ein wichtiger Baustein sind Rahmen- und Abrufaufträge. Sie ermöglichen es Kunden, sich frühzeitig Mengen und Preise zu sichern, bleiben aber gleichzeitig flexibel in der Abnahme. Das schafft mehrere Vorteile: Preisstabilität, bessere Planbarkeit und vor allem eine deutlich höhere Versorgungssicherheit. Gerade in volatilen Märkten reduziert das die Risiken erheblich.

Ein zentraler Baustein Ihrer Strategie ist Ihr Logistikmodell. Welche Rolle spielt dabei der Standort in Oberhaching?

Unser europäischer Logistikstandort in Oberhaching bei München ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Von dort aus versorgen wir Kunden weltweit mit einem sehr breiten Sortiment.

Der Vorteil eines zentralen, hocheffizienten Lagers liegt in der Verlässlichkeit und Geschwindigkeit. Wir können Verfügbarkeiten bündeln, Prozesse optimieren und sehr schnell reagieren – insbesondere im Kleinmengengeschäft, das für viele unserer Kunden entscheidend ist.

Andere Distributoren setzen auf dezentrale Strukturen. Warum gehen Sie bewusst einen anderen Weg?

Dezentrale Hubs klingen zunächst nach mehr Nähe zum Kunden. In der Praxis bedeuten sie aber oft vor allem mehr Komplexität: höhere Bestandsstreuung, aufwendigere Steuerung und potenziell geringere Verfügbarkeit einzelner Artikel. Unser Ansatz ist es, Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig die Lieferfähigkeit zu maximieren. Ein zentral gesteuertes System bietet hier klare Vorteile.

Neben der Logistik betonen Sie die Bedeutung von Partnerschaften. Was unterscheidet Ihr Modell konkret?

Wir setzen sehr bewusst auf enge, langfristige Beziehungen – sowohl zu Herstellern als auch zu Kunden. Dazu gehört beispielsweise die gezielte Auswahl von Lieferanten mit europäischer Warenverfügbarkeit.

Gleichzeitig ist der kontinuierliche Austausch entscheidend: Als Distributor agieren wir als zentrales Sprachrohr entlang der gesamten Lieferkette. Wer frühzeitig Informationen teilt, kann besser planen und schneller reagieren. Resilienz entsteht nicht isoliert, sondern im Netzwerk.

Welche Rolle spielen dabei kleine und mittelständische Unternehmen?

Eine sehr große. Gerade KMU sind häufig stärker von Lieferengpässen betroffen, weil sie weniger Verhandlungsmacht und geringere Lagerkapazitäten haben. Hier sehen wir unsere Rolle nicht nur als Distributor, sondern als stabilisierendes Bindeglied. Wir sind der Hidden Champion in der Supply Chain und helfen, Risiken abzufedern und Planungssicherheit zu schaffen.

Ist Resilienz also ein temporärer Trend – oder ein dauerhafter Paradigmenwechsel?

Ganz klar Letzteres. Die Rahmenbedingungen werden auf absehbare Zeit volatil bleiben. Unternehmen, die ihre Lieferketten nicht resilient aufstellen, gehen ein strukturelles Risiko ein. Resilienz ist deshalb keine kurzfristige Reaktion auf Krisen, sondern eine zentrale Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg.


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