Geopolitische Spannungen, steigende regulatorische Anforderungen und ein zunehmend digitaler Beschaffungsprozess verändern die Elektronik-Lieferketten nachhaltig. Wie reagiert DigiKey auf diese Transformation?
Antworten von Tim Carroll, Vice President Digital Business bei DigiKey, im Gespräch auf der Embedded World in Nürnberg.
Markt&Technik: Europa hat in den vergangenen Jahren wiederholt Lieferkettenstörungen erlebt – von geopolitischen Spannungen bis zu logistischen Engpässen. Welche strukturellen Lehren hat DigiKey daraus gezogen?
Tim Carroll: Die wichtigste Konsequenz ist, dass wir bewusst größere Lagerbestände vorhalten. Unser Geschäftsmodell basiert darauf, für viele Schlüsselkomponenten sechs bis neun Monate Sicherheitsbestand auf Lager zu haben. Das unterscheidet uns von vielen Unternehmen, die direkt beim Hersteller einkaufen und bei Störungen schnell »blindlaufen«, wenn keine Ware mehr verfügbar ist.
Wir beobachten die Lieferzeiten sehr genau. Sobald sie sich verlängern, schlägt unser Prognosemodell Alarm. Auf Basis von KI-gestützten Forecasts bestellen wir dann automatisch häufiger nach oder ziehen Liefertermine vor. So stellen wir sicher, dass wir auch bei steigender Nachfrage ausreichend Bestand haben. Tatsächlich hatten wir noch nie so viele Komponenten auf Lager wie heute. Selbst wenn es also zu Störungen kommt, dauert es in der Regel sechs bis neun Monate, bis wir davon wirklich betroffen wären.
Sehen Sie bereits Auswirkungen neuer geopolitischer Konflikte auf die Lieferketten?
Im Moment noch nicht. Viele der Waren, die wir aktuell im Lager haben, sind bereits auf dem Weg gewesen, bevor sich die Situation verschärft hat. Sollten Transportwege tatsächlich beeinträchtigt werden, könnte sich das vielleicht in zwei bis vier Wochen bemerkbar machen. Bisher haben wir aber durch die jüngsten Konflikte keine spürbaren Auswirkungen auf unsere Bestände gesehen.
DigiKey betreibt ein großes zentrales Logistikzentrum in den USA. Funktioniert dieses Modell auch für europäische Kunden gut?
Ja, absolut. Tatsächlich erreichen wir Kunden in Europa oft schneller als manche Regionen in den USA. Im Durchschnitt dauert es weniger als drei Tage, bis eine Lieferung von unserem Standort in Thief River Falls in Europa ankommt.
Einige europäische Hersteller haben uns sogar erzählt, dass sie Musterteile lieber bei DigiKey in den USA bestellen als bei ihrem eigenen Werk in Europa – weil wir schneller liefern können.
Der Vorteil eines zentralen Lagers ist zudem, dass wir unser gesamtes Inventar an einem Ort bündeln. Wenn wir mehrere Lager hätten, bestünde immer das Risiko, dass ein Standort einen bestimmten Artikel nicht vorrätig hat. Mit einem zentralen Bestand können wir die Wahrscheinlichkeit von Stock-outs deutlich reduzieren und komplette Bestellungen in einer Lieferung versenden.
Europa gilt als besonders streng bei Regulierung und Compliance. Wie gehen Sie mit diesen Anforderungen um?
Regulierung unterscheidet sich stark von Region zu Region. Europa legt zum Beispiel großen Wert auf Datenschutz und Verbraucherschutz. Dafür haben wir entsprechende Systeme implementiert, die sicherstellen, dass wir überall compliant sind.
In Regionen mit weniger strengen Vorgaben können wir beispielsweise stärker personalisierte Angebote machen. Für Ingenieure ist das sehr hilfreich: Ein Entwickler im Aerospace-Bereich interessiert sich nur für einen Bruchteil unserer inzwischen mehr als 17 Millionen Produkte. Wenn wir personalisieren dürfen, können wir ihm gezielt die relevanten Komponenten anzeigen.
Darüber hinaus gibt es Exportkontrollen und produktspezifische Vorschriften. Wir beschäftigen rund 45 Mitarbeitende allein im Compliance-Team. Jede Bestellung wird geprüft – sowohl der Kunde als auch die Komponente. In manchen Fällen verzögert sich deshalb eine Lieferung, etwa wenn zusätzliche Exportprüfungen notwendig sind. Aber das ist wichtig, damit unsere Produkte nicht in falsche Hände geraten.
Dennoch lässt sich die spätere Verwendung eines Bauteils oft nur schwer nachverfolgen ...
Das stimmt. Eine hundertprozentige Garantie gibt es nicht. In der Regel entstehen Probleme dort, wo Teile mehrfach weiterverkauft werden – also von Unternehmen A an B, dann an C und so weiter. Sobald diese Traceability verloren geht, wird es schwierig. Unser Ziel ist es daher, hier so sorgfältig wie möglich zu arbeiten.
Wie arbeiten Sie mit Herstellern zusammen, um Nachfrage und Lagerbestände besser zu prognostizieren?
Ein wichtiger Baustein ist der sogenannte »Fast-Runner-Report«. Darin teilen uns die Hersteller mit, welche Komponenten sich in einer Region besonders gut verkaufen. Damit stellen wir sicher, dass wir genau diese Produkte zuerst und ausreichend bevorraten.
Darüber hinaus analysieren wir verschiedene Datenquellen: etwa Suchanfragen über Google, Aktivitäten auf unserer Website oder heruntergeladene Datenblätter. Auch unsere Design-Tools liefern wertvolle Hinweise darauf, welche Anwendungen Entwickler planen und welche Komponenten sie dafür benötigen.
All diese Daten fließen in ein Forecast-Modell ein, das uns empfiehlt, welche Bauteile wir in welcher Menge bestellen sollten.
Welche Rolle spielt Ihre Website heute im Geschäftsmodell?
Eine noch größere als vor fünf Jahren. Über 70 Prozent unseres Umsatzes entstehen direkt über die Website.
Interessant ist auch der Traffic: Rund 80 Prozent der Besucher kommen direkt zu uns – sie geben also unsere Adresse ein oder haben uns als Bookmark gespeichert. Nur etwa 20 Prozent gelangen über Werbung zu uns.
Außerdem nutzen viele Ingenieure die Seite als Rechercheplattform. Rund 60 Prozent der Nutzer haben noch keine konkrete Teilenummer im Kopf, wenn sie zu uns kommen. Sie vergleichen Bauteile, filtern Parameter und laden Datenblätter herunter. In diesem Sinne ist unsere Website fast mehr ein Entwicklungs- und Recherchetool als ein reiner Shop.
Welche Bestellwege nutzen Kunden neben der Website?
Die Website ist der wichtigste Kanal. Größere Kunden bestellen aber häufig direkt aus ihrem ERP-System über API- oder EDI-Schnittstellen.
In Deutschland bekommen wir vergleichsweise viele Bestellungen per E-Mail – meist als PDF aus dem ERP-System. Diese Dokumente lesen wir dann automatisiert aus und wandeln sie in digitale Bestellungen um. Früher erhielten wir sogar noch Faxbestellungen. Die sind allerdings erst vor Kurzem endgültig verschwunden.
Langfristig möchten wir Kunden stärker zu vollständig digitalen Bestellprozessen bewegen. Wer besonders effizient mit uns zusammenarbeitet, wird künftig auch bessere Preise erhalten. Intern nennen wir das »Cost to Serve« – also eine Preisgestaltung, die den Aufwand widerspiegelt.
Wie wichtig ist der persönliche Support für Kunden?
Sehr wichtig. Wir betreiben weltweit mehrere Callcenter mit lokalem Support und lokalen Sprachen. In Europa sitzen unsere Teams unter anderem in München, den Niederlanden und Bulgarien.
Unser Ziel ist es, dass Kunden ihre gesamte Customer Journey bei DigiKey abwickeln – von der Recherche bis zur Bestellung. Früher kam es vor, dass Entwickler bei uns recherchierten, ihren Warenkorb ausdruckten und anschließend bei einem lokalen Distributor bestellten. Heute haben wir unsere Prozesse so angepasst, dass der Einkauf auch direkt bei uns genauso einfach ist.
Wir unterhalten uns hier gerade auf der Embedded World. Warum ist diese Messe für DigiKey so wichtig?
Die Embedded World ist für uns eine der wichtigsten Veranstaltungen überhaupt, weil wir hier direkt mit Entwicklungsingenieuren sprechen. Auf größeren Messen trifft man oft eher Einkaufs- oder Managementteams – hier dagegen die Menschen, die tatsächlich Produkte entwickeln.
Das Feedback, das wir hier bekommen, ist extrem wertvoll. Viele Verbesserungen unserer Website und unserer Tools gehen auf Gespräche mit Kunden auf dieser Messe zurück. Deshalb nehmen wir dieses Feedback sehr ernst und lassen es direkt in unsere Entwicklungs-Roadmap einfließen.