Markt&Technik hat Marie-Pierre Ducharme getroffen, VP of EMEA Supplier Marketing & Business Development bei Mouser Electronics: Wir sprachen mit ihr über die steigende Nachfrage, neue Designaktivitäten, spannende Zukunftsanwendungen und warum Prognosen momentan zur „Mission Impossible“ werden.
Marie-Pierre Ducharme: Das vergangene Jahr lief für uns besser als erwartet. Insgesamt sind wir um rund 14 Prozent gewachsen. EMEA war die letzte Region, die sich vom Abschwung erholt hat, ist aber letztlich schneller gewachsen als Amerika und Asien-Pazifik. Besonders stark war das vierte Quartal.
Wichtig war auch, dass sich das Halbleitergeschäft im Laufe des Jahres stabilisiert hat. In Europa begann es im vierten Quartal wieder zu wachsen. Ein wesentlicher Faktor war Deutschland: Der Markt war zuvor rückläufig, hat sich aber wieder erholt – und Deutschland macht rund 22 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus. Entsprechend hat das deutlich geholfen.
Wir sind mit der Erwartung in das Jahr gegangen, dass der Markt etwa 8 bis 12 Prozent wachsen könnte. Deshalb haben wir für Mouser in EMEA mit etwa 10 bis 11 Prozent Wachstum gerechnet.
Wenn ich mir allerdings die Zahlen aus Januar, Februar und den ersten Wochen im März anschaue, dann liegt das Wachstum aktuell sogar darüber. Der Jahresstart war sehr stark. Ob das so anhält, müssen wir natürlich abwarten.
Was wir aber sehen, sind steigende Preise und längere Lieferzeiten – und zwar über viele Produktkategorien hinweg: Halbleiter, passive Bauelemente und Steckverbinder. Das sind klassische Indikatoren dafür, dass sich ein neuer Marktzyklus aufbaut.
Ein wichtiger Punkt ist die Lagerentwicklung bei Kunden. In den Jahren 2023 und 2024 hatten viele EMS-Unternehmen und OEMs zu hohe Lagerbestände. Gegen Ende 2025 hat sich das wieder normalisiert.
Das spricht dafür, dass die Nachfrage jetzt tatsächlich aus realen Projekten kommt und nicht nur aus Lageraufbau. Wir sehen außerdem, dass wir an mehr unterschiedliche Kunden liefern und neue Einkäufer hinzukommen. Gleichzeitig steigt die Designaktivität deutlich. Besonders auffällig ist auch die Zahl neuer Start-ups.
Unsere Teams haben mehrere wichtige Anwendungsfelder identifiziert. Zu den wichtigsten zählen: Edge-KI, Cybersicherheit, unter anderem im Zusammenhang mit dem Cyber Resilience Act, Erneuerbare Energien, Robotik, insbesondere humanoide Robotik sowie Leistungselektronik für den steigenden Energiebedarf von KI-Infrastrukturen.
Gerade im Bereich Robotik beobachten wir eine enorme Dynamik, auch bei Start-ups. Einige Anwendungen sind sehr praktisch – darunter Roboter, die in Lagerhäusern schwere Lasten bewegen. Andere wirken eher futuristisch, wie humanoide Roboter mit menschenähnlichem Erscheinungsbild. Das zeigt aber, wie viel Innovation aktuell in diesem Bereich stattfindet. Bei KI sehen wir die stärkste Nachfrage derzeit vor allem in industriellen und medizinischen Anwendungen.
Im Moment ist es noch zu früh, um konkrete Auswirkungen zu sehen. Wir haben unsere Logistikteams gefragt, ob es bereits Veränderungen gibt – bislang nicht. Sollten sich Konflikte weiter ausweiten, könnten allerdings Transportwege betroffen sein, zum Beispiel durch Einschränkungen wichtiger Seewege wie der Straße von Hormus. Dann müssten möglicherweise mehr Transporte von See- auf Luftfracht verlagert werden. Das würde die Kosten erhöhen.
Zusätzlich könnten steigende Energiepreise weitere Auswirkungen haben. Insgesamt rechnen wir damit, dass die Kosten entlang der Lieferkette eher steigen werden. Aber momentan ist die Situation noch zu frisch, um klare Aussagen zu treffen.
Prognosen sind im Moment fast eine „Mission Impossible“. Man erstellt eine Planung – und kurz darauf verändert ein geopolitisches Ereignis oder eine neue Zollregelung die Rahmenbedingungen wieder. Letztes Jahr hatte ich beispielsweise ursprünglich ein flaches Wachstum prognostiziert, nachdem der Markt zuvor um 26 Prozent eingebrochen war. Am Ende sind wir dann doch um 14 Prozent gewachsen.
Für dieses Jahr rechnen wir mit etwa 10 bis 11 Prozent Wachstum. Aber wenn die Nachfrage weiterhin so stark bleibt und wir genügend Ware bekommen, könnte es auch mehr werden.
Die Hersteller haben in den vergangenen Jahren gelernt, wie wichtig Distribution ist. In früheren Engpassphasen haben manche Hersteller ihre Produkte vor allem an große OEMs geliefert, während Distributoren weniger berücksichtigt wurden. nzwischen hat sich gezeigt, dass das nicht nachhaltig ist. Ohne verfügbare Produkte im Vertrieb lassen sich neue Designs nur schwer gewinnen – gerade im E-Commerce-Umfeld und im Kataloggeschäft.
Deshalb achten viele Hersteller heute stärker darauf, dass auch Distributoren ausreichend Bestände haben. Das hilft letztlich allen Beteiligten im Markt.