Unlimited Vacation Unbegrenzter, bezahlter Urlaub - ein Trend?

Die Stellenanzeigen von Arbeitgebern, die keine Urlaubstage mehr zählen, haben sich hierzulande mehr als verdoppelt, meldet die Jobplattform Joblift. Und dabei handelt es sich nicht nur um Startups.

Im Falle einer Fünf-Tage-Woche stehen Arbeitnehmern in Deutschland gesetzlich 20 Tage Urlaub zu. Auf die allgemeine Flexibilisierung der Arbeitszeit könnte nun jedoch ein neuer Trend aus den USA in Unternehmen auch in Deutschland folgen: Unbegrenzter Urlaubsanspruch.

Ingo Kubatschka ist Geschäftsführer der K-iS Systemhaus GmbH. Er hat das Konzept ‘Unbegrenzter Urlaub’ ein Jahr auf Probe laufen lassen und nun für alle seine Mitarbeiter, die das möchten und aufgrund der guten Erfahrung, eingeführt. Neue Mitarbeiter dürfen wählen zwischen klassischer Urlaubsregelung und der neuen. 

Wie sieht das im Detail bei Ihnen aus, Herr Kubatschka?

»Die neue Regelung ist eigentlich ganz einfach. Dem Mitarbeiter stehen 20 Tage gesetzlichen Urlaub zu. Die freiwilligen Tage sind hingegen unbegrenzt, liegen überlicherweise bei 10, so dass man auf 30 Tage kommt. Urlaub muss ganz normal beantragt werden und wird dann auch in der Regel genehmigt.«

Ach so, und ab dem 30.Tag dann unbezahlt? Knirschen Sie mit den Zähnen, wenn Mitarbeiter deutlich mehr als 30 Tage nehmen?

»Natürlich bezahlt auch nach dem 30. Tag. Sonst wäre es ja keine Besonderheit! Ich kontrolliere die Urlaubstage bewusst nicht und darum kann ich nicht mit den Zähnen knirschen. Ansonsten bekommt man im Gespräch aber schon mit, dass der ein oder andere Kollege in diesem Jahr bis zu 40 Tage Urlaub geplant hat. Ich gönn es allen. Ich nutze es ja auch! So lange alle Ihre Arbeit machen und nichts liegen bleibt, soll jeder diese Freiheit haben. Es ist halt Eigenverantwortung. Im übrigen sind Azubis ausgeschlossen. Wir wollten es eigentlich auch für diese Gruppe machen, aber das lässt sich rechtlich nicht darstellen.«

Kubatschka sieht aber auch Nachteile, daher auch die Wahlfreiheit: »Der Mitarbeiter steht selbst in der Verantwortung, auch ausreichend Urlaub zu nehmen. Wir haben tatsächlich auch einen Mitarbeiter, der sich weiterhin für die 30-Tage-Regel entschieden hat, weil er diese Rahmen braucht. Der Vorteil liegt natürlich auf der Hand: die Mitarbeiter haben die Freiheit, dann Erholung zu bekommen, wenn Sie es brauchen und möchten. Vor allem die ‘wir haben Jahresende, kann ich schon mal 3 Tage Urlaub aus dem nächsten Jahr haben’-Fragen kommen nicht mehr. Und Werbung ist es natürlich auch bei Stellenausschreibungen.«

Regelungen wie von Ingo Kubatschka scheinen im Trend zu liegen: Die Jobplattform Joblift analysierte 14 Millionen Stellenanzeigen der letzten 24 Monate um herauszufinden, wie viele Arbeitgeber die Urlaubstage ihrer Angestellten nicht mehr kontrollieren.

Ergebnis: Bereits über 130 Arbeitgeber warben in Stellenangeboten mit diesem Bestandteil ihrer Unternehmenskultur, das sind fast zweieinhalbmal mehr Stellen mit unbegrenztem Urlaub als im Vorjahr.

Das Konzept kommt aus den USA, wo Unternehmen wie Netflix dafür bekannt sind, ihren Mitarbeitern auf Vertrauensbasis beliebig viele bezahlte Urlaubstage zu gewähren. Aber auch in Deutschland wurden in den letzten 24 Monaten 335 Stellen mit dieser Zusatzleistung ausgeschrieben.

Bemerkenswert stark fiel dabei das Wachstum in den letzten zwölf Monaten aus: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahm die Zahl der Inserate mit unbegrenztem Urlaub um 139 % zu und hat sich damit mehr als verdoppelt.

In den letzten 24 Monaten stammten nur 43 % der #Unlimitedvacation-Stellenanzeigen in Deutschland von Start-ups. Insgesamt warben 132 Unternehmen deutschlandweit mit unbegrenztem Urlaub um Bewerber, in den letzten zwölf Monaten stieg die Anzahl noch einmal um ein Viertel.

Der Arbeitgeber mit den meisten Inseraten dieser Art war dabei das Matratzen-Start-up Casper, gefolgt von der Berliner Kreativagentur eShot und dem Carsharing-Anbieter SnappCar.

Offene Stellen mit unbegrenztem Urlaub werden doppelt so schnell besetzt wie Positionen mit überdurchschnittlich vielen Urlaubstagen

Generell scheint es, so Joblift, dass Unternehmen in den letzten Jahren zunehmend mehr Wert auf eine großzügige Urlaubsregelung legen. Während deutschen Arbeitnehmern im Mittel 28 Tage Urlaub zugestanden werden, warben in den letzten 24 Monaten 374.915 Stellenanzeigen mit einem Urlaubsanspruch über diesem Durchschnitt.

Mit einem Wachstum von 114 % verdoppelte sich die Anzahl dieser Inserate in den letzten zwölf Monaten sogar. Vergleicht man allerdings die Vakanzzeit von offenen Stellen mit mehr als 28 Urlaubstagen und solchen mit unbegrenztem Urlaub, so zeichnet sich eine deutliche Tendenz ab:  Positionen mit überdurchschnittlichem Urlaubsanspruch wurden erst nach durchschnittlich 44 Tagen besetzt, während für Stellen ohne Urlaubslimit bereits nach der Hälfte der Zeit, also 22 Tagen, der passenden Bewerber gefunden wurde.

Sind wir auf dem Weg zu grenzenloser Vertrauensarbeitszeit? Noch gibt es in Deutschland gesetzliche und tarifvertragliche Schranken gegen zu freizügigen Umgang mit der Arbeitszeit. So gibt es eine Höchstarbeitszeitgrenze von 10 Stunden und vorgeschriebene Ruhezeit von 11 Stunden. Zum Schutz der Mitarbeiter, etwa vor Selbstausbeutung.

Die Verantwortung darf der Arbeitgeber nicht einfach an den Mitarbeiter abgeben, sagen Kritiker.  So schreibt  @FlorianHeigl1 auf Twitter zu #unlimitedvacation: »Üblicherweise verstärkt es Probleme, die Angestellten nehmen weniger Urlaub als mit normalen Regelungen und haben noch ein schlechtes Gewissen. Es wird der Eindruck gefördert, dass sie verantwortlich sind, ob Ziele trotz Urlaub erreicht werden. In vollster Absicht.«