Innovation Mittelstand sucht Gründerszene

Prof. Dr.Ing. Klaus Diepold im Kreis von Studenten. Die Studienplätze am CDTM sind begehrt. Wer einen ergattert, kann sich über 'exzellente Berufsaussichten' freuen.
Prof. Dr. Ing. Klaus Diepold im Kreis von Studenten.

Mittelständische Unternehmer und Vertreter der Gründer- oder Startup-Szene haben nicht nur unterschiedliche Eigenschaften, sondern meist auch unterschiedliche Ziele – und deshalb bislang nur wenig Interaktionen miteinander. Was, wenn beide einen Weg der Zusammenarbeit fänden?

Dann könnte das für beide befruchtend wirken und Chancen für attraktive, lukrative Innovationen im Kontext der Digitalisierung bieten. Startups in der Gründerszene werden von jungen, aufstrebenden Unternehmern gegründet und voran gebracht.

Diese jungen Unternehmer sind talentiert, dynamisch, risikobereit, ideenreich und oft »Digital Natives«, wodurch sie mit digitaler Technik spielerisch umgehen und mit den verschiedensten Aspekten der Digitalisierung gut vertraut sind.

Einerseits ist ihre Reaktionsgeschwindigkeit und Handlungsfähigkeit enorm hoch, andererseits fehlt ihnen naturgemäß die Erfahrung, es fehlt ihnen oft die einschlägige Branchenkenntnis und sie sind nicht branchenspezifisch vernetzt.

Das Feedback aus der Branche kommt langsam, wodurch der Lernprozess für Startups verzögert wirkt. Junge Gründer haben meist kein oder nur wenig Kapital. Um Zugang zu Kapital zu bekommen, müssen die von Startups angestrebten Geschäftsideen international bzw. global sehr gut skalieren, damit sie eine Ertragsaussicht liefern können, die für Risikokapitalgeber attraktiv ist und die für eine erfolgversprechende Exit-Strategie taugt.

Die Unternehmer im Mittelstand kennen ihre jeweilige Branche sehr gut und sind dort gut vernetzt. Sie haben reale Kundenbeziehungen, verfügen über einschlägige Erfahrung, arbeiten nachhaltig und haben Zugriff auf Kapital, beispielsweise indem sie aus Sicht einer (regionalen) Bank kreditwürdig sind.

Mittelständische Unternehmer sind regional verankert und auch regional sichtbar, wodurch sie oft nachhaltige soziale Bindungen zu ihrer Umgebung pflegen, beispielsweise als Sponsor von lokalen Sportvereinen oder einfach als regional verantwortungsbewusste Arbeitgeber.

Trotz vieler guter Ideen, die es in mittelständischen Unternehmen zweifelsohne gibt, kann dort das korrespondierende Innovationspotenzial nicht immer effektiv genutzt werden, weil beispielsweise die talentierten und engagierten Mitarbeiter mit freien Kapazitäten fehlen, um entsprechende Innovationsprojekte auf den Weg zu bringen. Insbesondere im Wettbewerb beim Zugriff auf digital kompetente junge Leute tut sich der Mittelstand oft schwer.

Diese Unternehmen sind stark auf ihre Kernkompetenzen fokussiert, sodass sie neue Geschäftsmodelle im Kontext der Digitalisierung nicht erkennen oder nicht entsprechend rasch realisieren können.

Die durchaus rührige Gründerszene kaschiert mit ihren öffentlichkeitswirksamen Meldungen die seit Längerem rückläufigen Zahlen bei den neuen gewerblichen Gründungen in Deutschland.

Dieser Prozess ist für Deutschland als hoch entwickeltem Industriestandort insgesamt besorgniserregend. Um dem entgegenzusteuern, geht es um den Abbau von vielfältigen Innovationshemmnissen und die verbesserte Nutzung der vielfältigen Möglichkeiten und strukturellen Vorteile, die deutsche Mittelstandsunternehmen mit sich bringen.

Ausländische Investoren und Unternehmen übernehmen häufig lukrative digitale Geschäftsmodelle, die von jungen Startups in Deutschland entwickelt wurden. Es wäre vorteilhaft, die Nutzung von vorhandenen Netzen, Daten und Diensten für den Aufbau eines digitalen Ökosystems in Bayern und Deutschland und damit in Europa zu kultivieren.

Die Verlagerung von innovativen Unternehmen ins Ausland erfolgt oft auch im Zusammenhang mit einem Brain-Drain, weil entsprechend qualifizierte Innovatoren mit ins Ausland wechseln und dadurch bei der Digitalisierung in Deutschland fehlen. Wichtig ist, entsprechende Daten und Geschäfte nebst der kompetenten Menschen in Deutschland halten zu können und ihnen hier die Chance der geschäftlichen und weiteren beruflichen Entwicklung zu bieten.

Der MittelstandsCampus bietet eine Plattform für die Kollaboration von mittelständischen Unternehmen und jungen Vertretern der Münchener Startup-Szene.

Die Mittelständler unterstützen die Gründer aktiv mit ihrem Branchenwissen und ihren Netzen bestehend aus Partnern und Kunden, damit neue Produkte bzw. Dienstleistungen zu Innovationen werden und nicht am Markt vorbei entwickelt werden.

In diesem Sinne widmet sich der Bereich »1+1=3« innerhalb der ­Create-Säule der Idee, einen (1) Mittelständler mit einem (1) Technologie-Startup zusammenzuführen und durch die Zusammenarbeit etwas Neues, Drittes (3), eine Innovation zu entwickeln.

Das Ergebnis kann ein neues digitales Geschäftsmodell sein, basierend auf neuen, digitalen Technologien, das Vorteile sowohl für den Mittelständler als auch für das Startup zeitigt. Der MittelstandsCampus bietet somit eine industrienahe, lebendige Plattform für die Entwicklung smarter Wege in eine digitale Zukunft.

Als erläuterndes Beispiel dient ein aktuelles, gemeinsames Projekt von CDTM (Center for Digital Technology and Management) und MittelstandsCampus mit dem Titel »Smart Heating«. Hierbei werden Infrarot-Heizstrahler mit Ultraschall-Technik verheiratet, um den Käufern einen Mehrwert zu bieten, der über die reine Lieferung von Wärme weit hinausgeht.

Ultraschallsensoren können Bewegungen im Bereich der Heizstrahler wahrnehmen, wodurch diese Geräte zu Sammlern von anonymisierten Daten werden. Die Auswertung dieser Bewegungsdaten kann beispielsweise für Energieeinsparungen oder für die Steigerung des Umsatzes in der Gastronomie beitragen.

Der Mittelständler bringt die Geräte, die Kunden und die initiale Idee mit; die CDTM-Studierenden bauen daraus Prototypen und entwickeln Software sowie entsprechende Geschäftsmodelle. Bei der gemeinsamen Kreation von Innovationen in einer digital dominierten Geschäftswelt verschmelzen Digital Natives mit den erfahrenen Hasen zu Erfolgsteams, die gemeinsam den regionalen Wohlstand sichern können. Ein Blick auf die Mittelstands-Trophy bietet sich an.

Wichtig ist, Daten und Geschäfte nebst der kompetenten Menschen in Deutschland halten zu können und ihnen hier die Chance der geschäftlichen und weiteren beruflichen Entwicklung zu bieten.

Über die Autoren

Der Unternehmer Norman Weiss, verantwortlich für die Unternehmensgruppe ME Industries, arbeitet seit 2015 an seiner Vision, einen Brückenkopf für die Digitalisierung zu schaffen, den „MittelstandsCampus“, in dem mittelständische Unternehmen erfahren, wie sie eigene Wege in die Digitalisierung erleben und gestalten können. Dieser Brückenkopf ruht auf vier Säulen 1) Realize – die digitale gläserne Schaufensterfabrik, 2) Enable – digitale Bildung, 3) Create – Co-Creation von digitalen Geschäftsmodellen nach dem „1+1=3“-Prinzip und 4) Integrate – Integration digitaler Lösungen.

Norman Weiss begegnet bei der Realisierung seiner Vision Klaus Diepold, dem derzeitigen Scientific Director des CDTM. Das CDTM, das Center for Digital Technology and Management, ist ein Joint-Venture der beiden großen Universitäten in München (TUM und LMU) und bildet seit nunmehr fast 20 Jahren Studierende beider Universitäten und aller Fachrichtungen zu Innovatoren der Zukunft aus.

Viele inzwischen bekannte Startup-Unternehmen der Münchner und auch der Berliner Gründerszene (z.B. Stylight, Konux, Outfittery, Unu) wurden von Absolventen des CDTM ins Leben gerufen. Das CDTM hat sich in den zurückliegenden Jahren als zuverlässiger Nährboden für außerordentlich engagierte und talentierte Innovatoren herausgebildet. Diepold wünscht sich für die Studierenden im CDTM und damit für vielversprechende Gründer eine stärkere Bindung zu mittelständischen Unternehmen. Damit ist eine konzeptionelle Grundlage für die Begegnung von Mittelstand und Gründerszene geschaffen.