Bildung Mathematiker: Scheinlösung Tablet

Papier oder Tablet: Mathematiker sehen die Bildungs-Diskussion kritisch.
Papier oder Tablet: Mathematiker sehen die Bildungs-Diskussion kritisch.

Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung kritisiert die Bildung 4.0-Diskussion in Deutschland. Nicht das bloße Verwenden digitaler Medien, sondern das Verständnis ihrer Grundlagen schafft die Voraussetzung für einen souveränen digitalen Wandel.

Die Industrie und die Gesellschaft ist angewiesen auf gute Mathematiker, um Fabriken der Zukunft zu haben und die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten. Doch die Mathematiker machen sich Sorgen. 

Um die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, muss auf allen Ebenen der Bildung gehandelt werden, heißt es in einer Erklärung der Mathematiker aus der Markt&Technik zitiert. Wir begrüßen den Willen der deutschen Bildungspolitik, ihren Handlungsspielraum auf diesem Feld zu nutzen. Mit ihrer gegenwärtigen Schwerpunktsetzung schafft die Bildungsoffensive zur digitalen Wissensgesellschaft aus unserer Sicht allerdings eine Scheinlösung und könnte ihr Ziel verfehlen, schreiben die Wissenschaftsvertreter. 

Nur wer Theorie versteht, ist fit für die Zukunft

Deshalb plädieren wir dafür, den Schwerpunkt der Debatte und der Offensive zu verschieben. Ziel sollte sein, grundlegende Kompetenzen zu vermitteln, die Lernende zu einem mündigen Umgang mit digitalen Neuerungen befähigen. Wir fordern: Inhalte statt Geräte! Tablets und soziale Netzwerke verwenden zu können, heißt noch lange nicht, den digitalen Wandel zu meistern. Vollständig digital kompetent ist und bleibt auf lange Sicht nur, wer die theoretischen Grundlagen versteht. Diese Grundlagen entstehen nicht als Nebeneffekt beim Lernen mit digitalen Medien, sondern müssen separat und fokussiert im Unterricht vermittelt werden. Digitale Medien können und sollten hierzu nur ergänzend eingesetzt werden. Nach Erfahrung der überwältigenden Mehrheit der Mathematikerinnen und Mathematiker weltweit sind Tafel, Papier und das direkte Unterrichtsgespräch meist viel besser geeignet. Auch dürfen diese Grundlagen nicht allein Hochbegabten oder digital Affinen vorbehalten bleiben, sondern müssen Teil der Allgemeinbildung werden.

Scheinlösung Tablet

Ohne die vorherige Vermittlung dieser Grundlagen ist die Belieferung von Bildungseinrichtungen mit Soft- und Hardware hingegen eine Scheinlösung. Bleiben die richtigen Lerninhalte aus, hemmt sie sogar den Anstieg der Digitalisierungskompetenz in Deutschland. Stattdessen wird die Lernzeit der Lernenden überfrachtet, und oberflächlich sinnvolle Inhalte verdrängen den Erwerb von Grundlagen.
Wir halten es daher für fehlgeleitet, an erster Stelle in digitale Medien zu investieren. Reduziert man Digitalisierungskompetenz auf den Umgang mit digitalen Medien, so glaubt man irrig, Digitalisierungskompetenz entstehe erschöpfend im Lernen mithilfe digitaler Medien. Das Gegenteil ist aber richtig: Erst die auf Grundlagen sorgfältig aufbauende Digitalkompetenz kann das enorme Potenzial moderner Hard- und Software voll nutzen! Digitale Medien sollten nicht um ihrer selbst willen und auf Kosten der Zukunft Lernender gefördert werden.

Fächer nicht ausdünnen

Wir fordern über die föderalen Hemmnisse hinweg, die allgemeinen Rahmenbedingungen für die Bildung zu verbessern. Wir fordern den Unterricht in den Fächern Mathematik und Informatik zu stärken und nicht weiter auszudünnen, damit hier die grundlegende und langfristige Digitalisierungskompetenz vermittelt werden kann. Wir fordern, die Lehrerbildung in diesen Bereichen substanziell zu verbessern. Wir fordern, analytisches Denken gezielt zu lehren und diesem Anliegen Priorität zu geben.

Markt&Technik twitterte mit Prof. Dr. Marco Lübbecke, selber Mitglied der Mathematiker-Vereinigung, zu den Forderungen. Er ist kein Freund von Tablets nur der Tablets wegen und denke auf jeden Fall auch, dass Grundlagen wichtig(er) seien. Es sei ärgerlich, wenn ein Schüler auf der letzten Gurke programmieren lernen würden, aber lieber das als shiny Hardware und keine Informatik, so Lübbecke. Welche Rolle die Mathematik in der Industrie spielt, können Sie im Interview mit dem Hochschullehrer hier nachlesen.