Schule und Pisa »Ich würde den Mathematik-Unterricht informatischer machen«

Prof. Dr. Marco Lübbecke leitet den Lehrstuhl für Operations Research an der RWTH Aachen.
Prof. Dr. Marco Lübbecke leitet den Lehrstuhl für Operations Research an der RWTH Aachen.

Im Land der Ingenieure bröckelt die Basis. Die Leistungen in Naturwissenschaften und Mathematik flachen laut Pisa-Studie wieder ab und klaffen zwischen Mädchen und Jungen stärker auseinander als OECD-weit. Warum geht da nicht mehr? Das fragten wir Mathe-Prof. Dr. Marco Lübbecke von der RWTH Aachen.

Herr Prof. Lübbecke, Mathematik ist Ihr Handwerkszeug. Kann man auch von Leidenschaft sprechen?

Unbedingt! Unsere Mathematik ist sehr angewandt, wir arbeiten viel mit Unternehmen zusammen. Wenn ich da eine Aufgabe sehe, von der ich denke, dass Mathematik zu einer Verbesserung beitragen kann, dann hält es mich kaum auf dem Stuhl.

Genau diese Leidenschaft und Motivation fehlt scheinbar vielen Schülern in Deutschland, wie man in der neuen Pisa-Studie gerade nachlesen kann. 17 Prozent scheitern schon an Grundkompetenzen, nur 13 Prozent sind besonders leistungsstark. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich glaube erstmal nicht, dass es jungen Menschen pauschal an Leidenschaft fehlt. Wenn Sie mit kleinen Kindern Mathe- oder Informatik-Spiele machen, ganz einfache Dinge, die man anfassen kann und wo es dann irgendwann »klick« macht, da sehen Sie Leuchten in den Augen. Wir sind doch von Natur aus neugierig. Die Frage ist vielleicht, warum uns diese Neugier irgendwann abhanden kommt.

In den MINT-Fächern, in Mathematik besonders, kommt ja immer irgendwann die Frage, was man später damit machen kann. Da müssen wir mal sagen, dass es ohne Mathematik keinen Bundesliga-Spielplan gäbe, dass es ohne Informatik kein Facebook und WhatsApp gäbe, dass wir nicht so lange auf einen Arzttermin warten müssten, wenn im Krankenhaus mehr Mathematik eingesetzt würde.

Wir sind umgeben von MINT, Mathematik und Informatik sind Teil unserer täglichen Lebenswirklichkeit, aber oft wissen wir es gar nicht. Dabei kann man das an so vielen Beispielen, an echten Anwendungen klar machen, ohne dabei das Anspruchsniveau zu senken.

Womit wir in der Schule sind. Müssen wir weg von der Arbeitsblatt-Lehre?

Wenn man als Schülerin oder Schüler den Sinn der Mathematik (wieder) entdeckt, dann macht es vielleicht auch mehr Spaß, sich damit zu beschäftigen. Dann könnten wir viel Wichtigeres schaffen, als in irgendeinem Ranking in einer Spitzengruppe zu landen, nämlich mehr jungen Menschen Lust darauf zu machen, sich ein Leben mit MINT vorstellen zu können.

Damit das in den Schulen auch weitergegeben werden kann, müssen wir es den Lehrenden natürlich auch beibringen, am besten noch sollten Lehrende diese Anwendungen erleben, selbst mal mit gestalten.

Um Mathematik oder Informatik dann im Alltag anwendbar zu machen, gehört noch eine ganze Menge mehr dazu, soziale Fähigkeiten, wirtschaftliche Überlegungen, natürlich Informatik, das kann man sehr gut fächerübergreifend oder auch in Projekten machen.

Haben Sie mit ihren eigenen Mathe-Lehrern besonders Glück gehabt? Ab wann war klar, dass Sie Mathematik zu Ihrem Beruf machen? Gab es einen Auslöser?

Klares Ja zum Glück mit den Mathe-Lehrern, die waren alle gut.

Zum Auslöser: Dass ich Mathematik studiert habe, war tatsächlich ein Unfall, da ich in meinem Wunschstudium keinen Platz bekommen habe. Ich war immer sehr gut in Mathe, aber wie faszinierend diese Welt ist, habe ich erst im Studium gesehen. Mein späterer Doktorvater hat uns die Anwendungen der Mathematik gezeigt und das hat mich bis heute gefangen.