Jobsicherheit und Arbeitgeberwahl  »Entfachlichung« ist schlecht, Spezialisierung auch 

Thomas Sattelberger: »Meine Botschaft: Raus aus den Legehennen-Fabriken, oder zumindest nicht rein! Schaut, dass ihr Organisationen findet, wo man eure Talente nicht zuschneidet auf ein kleines Segment, sondern wo man euch breit nutzt.«
Thomas Sattelberger: »Meine Botschaft: Raus aus den Legehennen-Fabriken, oder zumindest nicht rein! Schaut, dass ihr Organisationen findet, wo man eure Talente nicht zuschneidet auf ein kleines Segment, sondern wo man euch breit einsetzt.«

Die Digitalisierung krempelt die Industrie um - und definiert Zukunftsfähigkeit neu. Wo soll man als Ingenieur heute anfangen? Thomas Sattelberger nahm dazu auf dem Markt&Technik-Forum »Wie kommt Innovation ins Unternehmen?« Stellung. 

Vorne weg: dass die Zukunftschancen von Elektroingenieuren an sich brilliant, weil zukunftsfähig sind, darin war sich nicht nur die Runde aus Personalleitern und Start-ups auf dem Markt&Technik-Forum »Wie kommt Innovation ins Unternehmen« einig. 

Studierende glauben das auch, das hat der VDE gerade in der Studie »Young Professionals der Elektro- und Informationstechnik 2017« unter Absolventen herausgefunden: Maximal fünf Bewerbungsschreiben und zwei Vorstellungsgespräche, mehr braucht ein Ingenieur der Elektro- und Informationstechnik nicht.

Jeder fünfte Absolvent geht ohne ein Bewerbungsschreiben und jeder vierte sogar ohne ein Vorstellungsgespräch an den Karrierestart.. Die Zeiten seien damit für Ingenieure noch nie so gut gewesen wie jetzt und dank der Digitalisierung sei kein Ende der Vollbeschäftigung in Sicht, schwärmt Ansgar Hinz, CEO des Technologieverbandes VDE und selbst Elektroingenieur. 

Aber: eine falsche Arbeitgeber-Wahl kann die Karriere auch von Elektronik-Spezialisten negativ beeinflussen. Denn nicht jeder potenzielle Arbeitgeber, der nach Elektroingenieuren sucht, ist vor Turbulenzen gefeit, das gilt aktuell in besonderem Maße für die stark von Zulieferern geprägte Automobilindustrie. 

Da sind zum einen Automobilzulieferer aus der dritten, vierten oder gar sechsten Reihe der Supply Chain genannt. Thomas Sattelberger, Konzern-Personalleiter a.D. und seit letzten Sonntag Bundestagsmitglied in der FDP-Fraktion: »Sie müssen Ihren Lesern eine ganz bittere Wahrheit vermitteln: Wenn diese nicht verdammt schnell ihre Hacken zusammen nehmen und sich von Altem trennen, dann werden sie weggefegt!« 

Ein 5-prozentiger Marktanteil von Tesla, eine Erhöhung der E-Auto-Quote in China - »Schon haben Zulieferer Lungenentzündung!«

Die Wahrheit müsse auf den Tisch, so Sattelberger. Nämlich dass ein Großteil der klein- und mittelständischen Betriebe die Digitalisierung verschlafe. »Ganz nüchtern: Selbst das ZEW in Mannheim sieht einen Jobverlust bis zu 15 Prozent durch Digitalisierung drohen. Und der Forschungsbereich der Agentur für Arbeit in Bayern kann ihnen heute schon sagen, dass das Gebiet um Kempten und Landkreise am ehemaligen Zonen-Randgebiet hochgradig von Jobverlust durch Digitalisierung betroffen sind.« 

Und ja, das könne dann auch Ingenieure treffen, und zwar in der gesamten Supply Chain. »Ein Ingenieur, der nur Maschine und nicht digital denkt und keine Flexibilität zur Anpassung zeigt, hat sicherlich ein Problem!«

Also statt in den Mittelstand zum großen OEM?

Auch nicht sicher. Denn »die großen Legehennen-Fabriken«  der Industrie, so Sattelberger, förderten zum einen einseitige Spezialisierung (lange Jahre Abteilung »Bremse« bei BMW) und zum anderen auch »Entfachlichung«, nämlich als Manager von größtenteils eingekaufter Ingenieurdienstleistung. 

Sattelberger: »Das erste ist ein Problem, denn ich bin nicht mehr versatil, nicht mehr in unterschiedlichen Feldern. Das zweite: Ich entferne mich vom Experimentieren, vom Machen, vom Tun« - also von den Kernqualitäten eines guten Ingenieurs.  

Die Lösung? Zumindest wenn die Automobilindustrie der Karrierestart sein soll, empfiehlt Thomas Sattelberger, das kleinere Risiko zu wählen und zu einem Dienstleister zu gehen, der auf breiten Beinen steht und möglichst für mehrere Industrien arbeitet. 

Dort beschäftige man Ingenieure, die noch dicht am Basteln sind, dicht am Experimentieren, dicht am Problem lösen. Sattelberger: »Meine Botschaft: Raus aus den Legehennen-Fabriken, oder zumindest nicht rein! Schaut, dass ihr Organisationen findet, wo man eure Talente nicht zuschneidet auf ein kleines Segment, sondern wo man euch breit nutzt.«

Also Augen auf bei der Arbeitgeberwahl. Manche haben das Problem schon erkannt und stellen sich neu auf: etwa der Dieselmotoren-Hersteller Deutz (3700 MA, 1,3 Mrd. Euro Umsatz, gegründet 1864). Er ergänzt sein Geschäft gerade um alternative Antriebe und investiert 100 Mio. Euro in den nächsten drei Jahren. Als erstes wurde dazu der bayerischen Elektro-Bootsmotoren-Hersteller Torquee (130 MA, 25 Mio Euro Umsatz.) aus Gilching übernommen.  

Die komplette Zusammenfassung des Forums lesen Sie in der Markt&Technik!