Ingenieur-Arbeitsmarkt Auf Kante

Am Mikrozensus wird es deutlich: Der Ingenieurnachwuchs Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik in Deutschland reicht im Mittel gerade noch aus, um die demografische Lücke zu schließen. In einzelnen Schwerpunkten ist die Lage deutlich schwieriger, insbesondere im Bereich der Elektronik.

Die Situation gibt Anlass für rasche Gegenmaßnahmen seitens Hochschulen, Unternehmen und der Bildungspolitik.

Wir haben etwa so viele Ingenieurstudierende in der Pipeline, wie wir in den nächsten Jahren Ruheständler bekommen werden. Das ergaben die Untersuchungen des Kölner Wirtschaftsinstituts IW im Auftrag des VDE. Ein Wachstum der beteiligten Branchen erscheint so kaum möglich. Es herrscht mit einer Arbeitslosenquote von unter 2,5 % praktisch Vollbeschäftigung, die Gehälter steigen. Wer als Unternehmen im Augenblick gar entsprechende Fachleute mit Berufserfahrung sucht, muss schon ein attraktives Lebens- und Arbeitsumfeld anbieten können und manchmal tief in die Tasche greifen. Dem sind aber mit Blick auf das Gehaltsgefüge deutliche Grenzen gesetzt.

Der mit viel Optimismus 2016 vermeldete Zuwachs an Studienanfängerinnen und -anfängern scheint bereits wieder ins Gegenteil zu kippen, und ob aus den Anfängern auch Ingenieure werden, bleibt abzuwarten. Der gesamte Ingenieuraufwuchs der letzten Jahre im Elektro-Bereich wurde jedenfalls aus Zuwanderung gedeckt. Die Reserven – früherer Berufseinstieg und späterer Berufsausstieg – sind bereits ausgeschöpft. Die Hochschulen beobachten außerdem eine Tendenz, die sich speziell im Elektronik-Studium als Nachteil auswirkt: abnehmende Vorkenntnisse in den Fächern Physik und Chemie.

Nun lebt Europa von der System-Realisierung, d.h. der Fähigkeit, Fahrzeuge, Geräte und Anlagen mit Intelligenz zu versorgen. Dazu gehört neben der allgegenwärtigen Elektronik ein Verständnis über die Physik der zu steuernden Systeme und die Kenntnis über Sensorik, Hochfrequenzeigenschaften und vieles mehr. Selbst wenn sich die Jugendlichen für ein Elektrotechnik-Studium entschieden haben, scheuen sie danach vielfach mangels Vorkenntnissen die Elektronik und wählen in einer zweiten Runde andere Studienschwerpunkte. Es droht also ein Doppel-Engpass, und zwar an einem kritischen Punkt unserer industriellen Kompetenz.

Wie stichhaltig sind alle diese Aussagen? Der VDE-Ausschuss für Studium, Beruf und Gesellschaft befasst sich schon seit Langem mit dem Thema Ingenieurnachwuchs. Die Diskussion um „Engpass oder nicht“ ist aus Sicht dieser Gruppe wissenschaftlich geklärt, alle Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Die demografische Entwicklung wird ein Übriges tun und der Anteil der Jugendlichen mit Begabung für unsere Fächer wird eher nicht zunehmen. Auch die Digitalisierung wird nach Analyse der Tätigkeitsmerkmale der Ingenieurinnen und Ingenieure den Engpass nicht vermindern, thematisch sogar eher verschärfen. Wir laufen also bereits mittelfristig in ein ernstes flächendeckendes Fachkräfteproblem, Einzelschicksale ausdrücklich ausgenommen.
Was also ist aus unternehmerischer wie gesellschaftlicher Sicht zu tun? Um es pointiert zu sagen: Schluss mit lustig!

Gestatten Sie uns deshalb ein paar deutliche Worte:

  • Wir dürfen die Berufsorientierung nicht länger Drehbuchschreibern und Massenmedien überlassen, und das gilt in letzter Konsequenz auch für die Wahl des Studienschwerpunkts. Wenn allein die coolste Bezeichnung über die Anzahl der Einschreibungen in einen Studiengang entscheidet, haben wir etwas falsch gemacht. Elektronik ist eine Schlüsseltechnologie. Machen wir sichtbar, was wir ohne sie wären.
  • Selbstverständlich sollen und müssen die Jugendlichen und jungen Studierenden ihre Wahl selber treffen, aber es sollte eine selbstbestimmte und reife Wahl sein, und dazu gehört das ganze Bild einschließlich aller Optionen einer wirklichen Allgemeinen Hochschulreife. Wenn wir also im Chor der Meinungsbildner nicht die Stimme erheben, sollten wir uns am Ende nicht wundern.
  • Es ist nicht akzeptabel, dass naturwissenschaftlich-technische Bildung immer noch und immer wieder als „nerdy“ oder als reine Aufsteigerdomäne gilt. Für eine Diskussion mit technischen Laien – seien es nun Politiker, Journalisten oder Controller – fehlt zunehmend jegliche Basis. Wir müssen die gesellschaftliche Einstellung zu Technik wieder zum Positiven drehen und das fängt nicht erst bei Kindern und Jugendlichen an, sondern bei den Meinungsbildnern und deren Bildung. Wer studieren darf, sollte zumindest den Unterschied zwischen Watt und Volt und Bit und Byte kennen.
  • Unseren Kindern wird, sobald sie in die weiterführenden Schulen kommen, zunehmend die Möglichkeit genommen, in ihrem Alltag und ihrer Freizeit eigene authentische Erfahrungen im Umgang mit Naturgesetzen, Handarbeit und technischem Gerät zu sammeln. Sie trauen sich deshalb auf diesem Gebiet auch zu wenig zu. Wir brauchen in den Schulen auch die Werktische. Das wäre zudem eine Maßnahme gegen den Mangel an Technik-Auszubildenden.
  • Hochschulen sollten sich davon lösen, die Studierendenzahlen in ihren Fächern im Sinne einer falsch verstandenen Wirtschaftlichkeit zum Maß aller Dinge zu machen. Wer das tut, lässt Achtzehnjährige mit den Füßen über die Bildungspolitik und die Zukunft der Wirtschaft abstimmen.
  • Unternehmer müssen immer wieder über ihren Schatten springen und sich in die allgemeine Bildungsdebatte einbringen. Mit guten Gehältern wird man das Problem nicht lösen, mit dualen Studienmodellen auch nicht. Unternehmer sollten weiter ihre Stimme erheben, wenn es um die Ausrichtung von Hochschulen geht, selbst wenn sie dabei gelegentlich auf wenig Gegenliebe stoßen.
  • Es gibt bereits an vielen Stellen vorbildliche Initiativen, die das Thema Ingenieurnachwuchs im Allgemeinen und Elektronik-Nachwuchs im Besonderen anpacken. Das muss deutlich mehr werden.
  • Elektroniker wachsen auch in Zukunft nicht auf Bäumen.

Prof. Dr.-Ing. habil. Michael Berger hat das Fachgebiet Schaltungstechnik und Mikroelektronik an der Fachhochschule Westküste und ist Vorsitzender des VDE-Bundesausschuss Studium, Beruf und Gesellschaft.