Manager im Portrait Achtsames Führen – hart, aber herzlich?

Rahman Jamal, Global Technology&Marketing Director bei National Instruments.
Rahman Jamal, Global Technology & Marketing Director bei National Instruments.

Rahman Jamal hat Achtsamkeit und regelmäßiges Meditieren bereits von seinen Eltern in die Wiege gelegt bekommen. Wie wirkt sich das auf seinen Alltag als Global Technology & Marketing Director bei National Instruments und auf seine Vorstellung von Führung aus?

Markt&Technik: Herr Jamal, brauchen wir angesichts von »Disruption« und agiler Arbeitswelt 4.0 einen neuen Begriff von Führung? Die sozialen Medien scheinen voll davon. Ist das Bewährte nichts mehr wert?  
Gute Führung, ganz unabhängig vom Zeitalter, hat für mich viel mit Vertrauen und Achtsamkeit zu tun. Und das trifft nicht nur auf die Führungsqualitäten zu – für mich ist es wichtig, von Augen-Blick zu Augen-Blick achtsam zu leben.

Viele, die mir auf den Social-Media-Kanälen folgen, wissen, dass meine Beobachtungen und Aussagen mit Attributen wie Achtsamkeit, Demut, Bescheidenheit oder ganz einfach dem Bewusst-Sein umwoben sind. So kann ich mich auf das Gegenüber wie z. B. den Mitarbeiter einlassen und ihm mit Empathie gegenübertreten. Vielleicht kennen Sie den Begriff »conscious business« oder »mindful leadership«. Das trifft meinen Führungsstil ziemlich gut. Wichtig sind mir hierbei Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, gepaart mit mitfühlendem Handeln. Das gilt übrigens für beide Seiten – auch bei einem Mitarbeiter sind mir diese Aspekte sehr wichtig.

Können Sie Beispiele nennen aus Ihrem Führungsalltag, wo das sichtbar wird?
Um Ihnen ein Gefühl dafür zu geben, wie mein Arbeitsalltag aussieht: Da meine Führungsverantwortung sich über drei Regionen und Kontinente (Americas, APAC, EMEIA), mit nahezu 50 Niederlassungen erstreckt, habe ich viel mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Menschen zu tun. In den Regionen habe ich jeweils einen Regionsverantwortlichen, den ich lenke, und dem ich uneingeschränkt vertraue. Ich bin kein »Micromanager«, sprich, ich bin niemand, der sich in jedes einzelne kleine Detail einmischt, sondern vertraue meinen Mitarbeitern und weiß schon, was sie leisten können.

Selbstverständlich gibt es auch bei mir die üblichen Maßnahmen wie Zielvereinbarungen (MBOs), Mitarbeitergespräche, Messungen der ROAs, KPIs, also das Handwerkzeug, das man als Führungskraft so einsetzt. Aber diese Werkzeuge und die entsprechenden Kontrollen dürfen nicht Überhand nehmen, man darf nicht kontrollieren um des Kontrollierens willen und sich nur gegenseitig beschäftigen.

Wenn ich da dann allerdings sehe, dass der Mitarbeiter nicht in die Gänge kommt oder schlampig arbeitet, kann ich aber schon auch fuchsig werden! Meine Hauptaufgabe ist es, sicherzustellen, dass das lokale Marketing die globale Strategie versteht und das globale Marketing begreift, dass es lokale Marketing-Realitäten gibt. Und dies ist ein Drahtseilakt par excellence. Sie sehen, auch hier spielt die Achtsamkeit eine wichtige Rolle, denn, wenn ich mich mit einem Seiltänzer vergleiche, birgt jeder Schritt die Gefahr, vom Seil herabzustürzen, dennoch darf ich es nicht aus den Augen verlieren, das übergeordnete Ziel zu erreichen.

Haben Sie jemals ein Führungskräftetraining durchlaufen?
Ja, natürlich. Gegen Standard-Trainings ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber entscheidend für die Umsetzung des Gelernten in die Praxis ist, dass zwischen dem Vorgesetzten und dem Mitarbeiter Vertrauen herrscht und ein Fundament besteht, das auf gleichen Wertvorstellungen fußt. Ist dies nicht der Fall, können diese Techniken sehr manipulativ eingesetzt werden, z. B. um eigene Ziele durchzusetzen.

Denn natürlich bekommt man gute Techniken mit konkreten Praxisbeispielen beigebracht. Aber man muss sich dessen bewusst sein, dass eine jede solche Technik ein zweischneidiges Schwert ist.

Wer achtsam ist, dem fällt es ohnehin leichter, sich auf eine natürliche Weise auf den Anderen einzulassen.

Wie meinen Sie das, manipulativ?
Ein Beispiel: Ich möchte einem Kollegen Feedback geben. Bei einem vertrauensvollen Verhältnis ist es egal, ob ich die Kritik diplomatisch äußere wie etwa durch den Satz »Ihr Verhalten empfand ich persönlich als unkollegial.« oder etwas härter formuliere, wie »Ihr Verhalten war eine bodenlose Frechheit!«. Es wird vom Gegenüber dennoch verstanden.

Herrscht aber Misstrauen vor, so setzen die Meisten bewusst die weiche Variante ein, um das Gegenüber an die Wand zu drängen. Denn wenn Sie darüber nachdenken, merken Sie, dass der- oder diejenige dem nichts entgegensetzen kann, sondern sich verteidigen muss, weil der Vorgesetzte von einem subjektiven Empfinden aus argumentiert. Diese Technik wird hier meines Erachtens also manipulativ eingesetzt.

Die zweite Voraussetzung für eine gelungene Umsetzung des Trainings in die Praxis ist, dass man authentisch bleibt und das Gelernte soweit verinnerlicht, dass es in die eigene Sprache und Handlung umgesetzt wird. Sprich, man muss es von innen heraus leben. Sonst ist es lediglich eine Maske, die schnell durchschaut ist und zu Vertrauensbruch führt.