Kommentar electronica im Zeichen der Beschleunigung

Heinz Arnold, Chefredakteur
Heinz Arnold, Chefredakteur HArnold@weka-fachmedien.de

Beschleunigung – dieser Begriff fällt mir ein, wen ich mit einem Wort die Entwicklung in der Elektronikbranche seit der vergangenen electronica beschreiben müsste.

IoT war zwar schon vor zwei Jahren in aller Munde, doch das Thema hat enorm an Fahrt aufgenommen, in praktisch allen Teilbereichen. In Kombination mit Deep-Learning-Techniken, die über die vergangen Jahre ebenfalls entscheidende Durchbrüche erzielen konnten, tun sich vollkommen neue Möglichkeiten auf.

2016 hatte ich mir ehrlich gesagt noch nicht wirklich vorstellen können, dass autonom fahrende Autos in absehbarer Zeit Realität werden könnten. Nicht in erster Linie wegen der Technik, sondern vor allem wegen der rechtlichen Hürden und aus Sicherheitsbedenken. Nun sieht es so aus, als ob die technische Entwicklung all diese Bedenken überwinden kann. Hatte man bisher Sicherheitsaspekte vernachlässigt, so kann das nachgeholt werden, die Technik dazu ist vorhanden. Wie bei der Einführung neuer Techniken üblich, wird es Rückschläge geben, aber gerade in den USA, wo die Firmen das autonome Fahren mit ihrem pragmatischen Ansatz stark vorantreiben, lassen sie sich davon offenbar nicht entmutigen.

Und das im Land der Sammelklagen! Im Sektor Industrie 4.0 hat die Plattform Industrie 4.0 über die letzten zwei Jahre vieles vorangetrieben und Ergebnisse geliefert. Das Verhältnis der Plattform Industrie 4.0 zur amerikanischen Entsprechung IIC hat sich offenbar entspannt, beide Seiten sprechen von einer fruchtbaren Kooperation, auch wenn teilweise deutlich unterschiedliche Handschriften zu erkennen sind. Wenn man gegenseitig voneinander lernt – umso besser. Sehr zu begrüßen ist, dass es zusätzliche Initiativen gibt, die Industrie 4.0 den kleineren und mittelständischen Unternehmen schmackhaft machen wollen.

Im Consumer-Markt sind die Wearables ein großes Thema. Dass sich nun mit diesen Geräten auch Vitaldaten messen lassen, führt dazu, dass die Grenzen zwischen Medizintechnik und Consumer-Anwendungen fließend werden. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht?

Das alles lässt den Halbleitermarkt kräftig wachsen. Denn damit die IoT-Welten Wirklichkeit werden können, bedarf es ausgeklügelter Elektronik: Von den Sensoren über die Signalaufbereitung, der Vorverarbeitung der Daten im Sensorknoten und den Schnittstellen, über die sie den Gateways gelangen bis zu ihrer Weiterleitung in die Cloud. Um die dazu erforderliche Elektronik liefern zu können, bedarf es der modernsten Techniken. Da geht es schnell in die Tiefen der Halbleiter: Mit FinFETs und FD-SOI-Transistoren versuchen die Hersteller, Moore´s Law weiter am Leben zu halten – eine wichtige Voraussetzung, um die ICs für das IoT-Umfeld zu vertretbaren Kosten anbieten zu können. Um die Halbleitertechnik weiter auszureizen arbeiten die Hersteller mit neuen Materialen wie GaN und SiC, die ebenfalls dazu beitragen, effiziente Hochfrequenzgeräte und energieeffiziente Stromversorgungen und Power-Management-Systeme in kleinen Bauformen zu realisieren.

Diese Entwicklungen beflügeln 5G genauso wie die Versorgung von Rechenzentren oder Elektroautos. Und noch etwas hat sich beschleunigt: Die Fusionswelle in der Halbleiterindustrie. Sie hat gerade erst mit der Übernahme von NXP durch Qualcomm einen neuen Höhepunkt erreicht. Für die Merger gibt es viele Gründe, einer ist aber durchaus auch, sich für IoT fit zu machen – und möglichst viele Techniken aus einer Hand zu bieten, um es den Systemherstellern einfacher zu machen, ihrerseits schnell Produkte auf den Markt bringen zu können.

Interessant dürfte es sein, zu beobachten, welche Auswirkungen IoT und Industrie 4.0 auf die Halbleiterhersteller selber nehmen, die diese Entwicklung ja erst ermöglichen. Es gibt also viele Themen, die den electronica-Besuch in diesem Jahr außerordentlich spannend werden lassen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Spaß, vor allem aber viele neue Erkenntnisse.