ZVEI zu chinesischen Übernahmen »Wir müssen für fairen Wettbewerb sorgen!«

Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: »Übernahmen stellen damit nicht per se eine Gefahr dar, sondern nur dann, wenn sie mit Wettbewerbsverzerrungen einhergehen.«
Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: »Übernahmen stellen damit nicht per se eine Gefahr dar, sondern nur dann, wenn sie mit Wettbewerbsverzerrungen einhergehen.«

Chinesische Firmen kaufen aggressiv ausländische Halbeiterunternehmen auf, um sich Know-how für den Aufbau der heimischen Industrie zu verschaffen. ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann plädiert für fairen Wettbewerb.

Markt &Technik: Die chinesische Regierung hat angekündigt, über 150 Mrd. Dollar in den Ausbau der heimischen Elektronik- und Halbleiterindustrie stecken zu wollen. Sehen Sie Übernahmen als Gefahr an, weil so Wissen abfließen kann, oder sind sie in der globalisierten Wirtschaft normal?

Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: Wir leben in einer Welt mit internationaler Arbeitsteilung bzw. Wertschöpfungsnetzwerken und globalen Märkten, auf denen heimische Unternehmen mit ausländischen konkurrieren müssen, mitunter auch hart. Insoweit sind der Austausch von Gütern und Dienstleistungen, Wissen und Kapital die Regel. Wichtig ist, dass der Wettbewerb fair und in geordneten Bahnen abläuft. Übernahmen stellen damit nicht per se eine Gefahr dar, sondern nur dann, wenn sie mit Wettbewerbsverzerrungen einhergehen.  

Wie stark ist die deutsche Elektroindustrie mit der chinesischen Industrie verflochten?

Ziemlich stark. 2015 betrug das gesamte Ausfuhrvolumen der deutschen Elektroindustrie 174,5 Milliarden Euro. Knapp neun Prozent davon bzw. 15,1 Milliarden Euro gingen allein nach China. Damit war das Land im vergangenen Jahr unser zweitgrößter ausländischer Abnehmer nach den USA.
Die Elektroeinfuhren nach Deutschland beliefen sich 2015 auf insgesamt 160,8 Milliarden Euro. Mehr als ein Viertel der Importe von 42,5 Milliarden Euro stammt dabei aus China. Die Volksrepublik ist mit Abstand größter ausländischer Lieferant für den deutschen Elektromarkt.
Der Bestand an Direktinvestitionen der deutschen Elektroindustrie im Ausland betrug zuletzt 45,8 Milliarden Euro. China ist mit 8,1 Milliarden Euro unser größter Investitionsstandort jenseits heimischer Grenzen. Gleichzeitig ist Deutschland ein bevorzugter Standort für Direktinvestitionen aus China.
Kurzum: Die Elektroindustrie ist eine der am stärksten international vernetzten Branchen. Entsprechend setzt sich der ZVEI grundsätzlich für freien Handel und wechselseitig faire Investitionsbedingungen ein.

Im Fall von KUKA wurde nichts gegen die Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen unternommen. Im Fall von Aixtron sehen zumindest die USA nationale Interessen gefährdet. Im Fall von Lattice haben sich Kongressabgeordnete jetzt gegen die Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen ausgesprochen. Ist es naiv, die deutsche Wirtschaft nicht vor dem Ausverkauf schützen zu wollen?

Übersehen Sie in diesem Kontext nicht, dass der Ex- und Import von Gütern und Dienstleistungen einerseits und der grenzüberschreitende Kapitalverkehr andererseits zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind. Die Kapitalbilanz ist das Spiegelbild der Leistungsbilanz. Man kann das eine nicht ohne das andere haben.
Zu konkreten Einzelfällen beziehen wir als Verband üblicherweise nicht Stellung.

Sollte der ZVEI mit dafür sorgen, dass die Investitionsbedingungen für deutsche Unternehmen in China genauso liberal sein sollten wie für chinesische Unternehmen in Deutschland?

Wie gesagt, der ZVEI tritt für fairen und geordneten internationalen Wettbewerb ein. Dazu gehören auch wechselseitig gleiche Investitionsbedingungen. Unter dem Namen „EuropElectro“ betreibt der ZVEI zusammen mit anderen europäischen Elektroverbänden ein Büro in Peking. Es wird sich künftig auch verstärkt mit wirtschaftspolitischen Fragestellungen beschäftigen.

Derzeit gelten aber in China für deutsche Unternehmen andere Investitionsbedingungen als für chinesische Unternehmen in Deutschland. Kann man da von einem fairen Wettbewerb sprechen und was kann gegen unfaire Konkurrenz unternommen werden?

China hat sich zwar seit dem Beitritt zur WTO weiter geöffnet. Dennoch bleibt es Aufgabe der europäischen Politik, auf bessere Zugangsbedingungen für ausländische Investoren in China zu drängen. Insbesondere bei den Schlüsselindustrien gibt es noch signifikante Einschränkungen. Dazu gehören etwa der fehlende Zugang von ausländischen Unternehmen zu öffentlichen Ausschreibungen und lokalen Förderprogrammen in China oder der Zwang zu Joint Ventures in bestimmten Wirtschaftszweigen. Noch einmal: Gleiche Bedingungen herzustellen, bleibt das Ziel.

Sehen Sie es als Aufgabe des ZVEI an, sich in die Politik einzubringen und Handlungsvorschläge zu geben?

Ja, und wir tun es doch auch! Zumal die Politik auch froh ist, wenn sie auf Informationen und Sachverstand aus den Unternehmen und Verbänden zurückgreifen kann und so auf Probleme und Fehlentwicklungen hingewiesen wird.