Analyse zum Infineon Jahresergebnis »Konsolidieren statt konsolidiert zu werden!«

Dr. Reinhard Ploss, Infineon: »Infineon steigert den Umsatz, die Kunden erhalten dadurch enorme Vorteile – eine echte Win-Win-Situation.«
Dr. Reinhard Ploss, Infineon: »Infineon steigert den Umsatz, die Kunden erhalten dadurch enorme Vorteile – eine echte Win-Win-Situation.«

Infineon ist über das abgelaufene Geschäftsjahr, das eine Umsatzsteigerung von 12 Prozent auf 6,5 Mrd. Euro brachte, wertvoller geworden. Und attraktiver – allerdings nur für Investoren, nicht für eine Übernahme. Wie das geht, erläutert CEO Dr. Reinhard Ploss.

Infineon ein Übernahmekandidat? Das kann sich CEO Dr. Reinhard Ploss nun gar nicht vorstellen. Er geht das Problem rational an: Wer hätte denn was davon, wenn Infineon übernommen würde? Wer kann es sich leisten? Immerhin repräsentiert Infineon derzeit einen Wert von 18 Mrd. Euro an der Börse. Und in wessen Strategie würde Infineon denn passen?
 
Ja, die Strategie – die ist für Infineon jedenfalls aufgegangen, so ist Ploss überzeugt. Und er hat gute Argumente dafür. Immerhin ist der Umsatz des Konzerns im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016 um 12 Prozent auf 6,473 Mrd. Euro gewachsen. 12 Prozent Wachstum – das sind in einem stagnierenden Halbeitermarktmarkt viel. Deshalb finden ja die großen Übernahmen statt, die Ploss für durchaus begründet hält.  

Nicht so jedoch für Infineon. Denn da sieht die Welt anders aus. »Wir sind in den Einzelsegmenten sehr stark«, freut sich Ploss. Eben aus dieser Stärke heraus, wäre sein Unternehmen kein Schnäppchen. Jedenfalls rational gesehen. Ein Hersteller von Prozessoren werde das Auto wohl aus einem anderen Blickwinkel betrachten als Infineon das tut. Freescale von NXP geschluckt? Damals hatte Infineon gesagt, dass sie den neuen Wettbewerber durchaus ernst nehmen werden. Jetzt wird NXP selber von Qualcomm gekauft. Für 47 Mrd. Dollar. Da fällt auch Ploss nichts mehr ein – außer: »Aus Sicht von Qualcomm macht es wahrscheinlich Sinn.« Denn im stagnierenden Smartphone-Markt werde man kaum noch wachsen können, also wäre es verständlich, wenn Qualcomm sich nach einem Prozessorhersteller umsieht, der über IoT noch wachsen kann. Ja, auch im Automobilmarkt, der einer der Kernmärkte von Infineon ist: »Das autonome Fahren wird der Halbleiterindustrie einen kräftigen Schub nach vorne geben«, so Ploss. Aber für Infineon treffe das nur in bestimmten Bereichen zu. »In diesen Bereichen wollen wir die Nummer 1 sein«, sagt Ploss selbstbewusst.

Einer dieser neuen Bereiche sind die Verbundhalbleiter GaN und SiC. Deshalb die Übernahme von Wolfspeed kürzlich. Und die Übernahme von International Rectifier. Damit sichert sich Infineon die Position als führender Anbieter von Leistungshalbleitern und Hochfrequenz-Leistungshalbeitern. Das versteht Ploss unter »konsolidieren statt konsolidiert zu werden.« Dass selber an Verbundhalbleitern herumgebastelt wurde, sei´s drum. Jetzt sieht Ploss den Konzern hervorragend positioniert, um im Rennen um die höchsten Frequenzen mithalten zu können. Und um hohe Frequenzen geht es. »Bei über 80 GHz ist Silizium am Ende«, weiß Ploss, der als hervorragender Techniker gilt. »Und wir haben am Beispiel von International Rectifier gezeigt, insbesondere durch die schnelle Integration des IT-Bereichs, dass wir was von Übernahmen verstehen. Da gibt es in der Branche auch abschreckende andere Beispiele von nicht gelungenen Übernahmen«, so Ploss. Hier ist es wieder, das rationale Element in seinen Überlegungen.

Kurz zusammengefasst: Infineon ist kein Übernahmekandidat, weil es erstens nicht in die Supply-Chain eines Herstellers wie Qualcomm passt, der sich Infineon leisten könnte. Und zweitens – daraus folgend – müsse Infineon sich weiter wertvoller machen, in seinen angestammten Gebieten. Denn dann werde Infineon für die Investoren attraktiv – wie der steigende Börsenkurs ja zeige. Und immer weniger attraktiv als Übernahmekandidat. Und so kommt Ploss zu dem Ergebnis: »Wir konsolidieren und werden nicht konsolidiert, wie wir gezeigt haben.«

Alles klar? Ploss will die Stringenz seiner Argumentation auch von einer anderen Seite beleuchten: Ein starkes Unternehmen wie Infineon kann nämlich nachhaltig und überdurchschnittlich wachsen. Über die gefürchteten Halbleiterzyklen hinweg. Ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 8 Prozent haben sich die Münchner vorgenommen.

Wie das in schweren Zeiten geht, kann Infineon jetzt zeigen. Denn der Markt entwickelte sich im vergangenen Halbjahr eher rückläufig. Im Vergleich zum vierten Quartal des abgelaufenen Geschäftsjahres rechnet Ploss deshalb mit einem Rückgang von 4 Prozent plus/minus 2 Prozentpunkte. Das Segmentergebnis wird mit 14 Prozent im Mittelpunkt der Wachstumsspanne liegen.

Der Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr ist mit plus 6 Prozent (plus/minus 2 Prozentpunkte) und einer Segmentergebnismarge von 16 Prozent wieder etwas optimistischer. Weil es aus dem Einbruch im zweiten Halbjahr etwas aufzuholen gibt, steht das prognostizierte Wachstum von 6 Prozent für 2017 im Einklang mit dem großen Ziel, über die nächsten Jahre über die Zyklen hinweg mit 8 Prozent im Durchschnitt wachsen zu können. Und eine Segmentergebnismarge von 17 Prozent zu erreichen, läge nun im Bereich des Möglichen – bisher lag die Schwelle bei 15 Prozent. »Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem noch profitableren Unternehmen«, so Ploss.

Damit dies erreicht wird – Infineon kennt sich mit den Zyklen ja gut aus, sie hätten dem Unternehmen beinahe das Genick gebrochen und deshalb geben sich die Münchner auch vorsichtig in den Prognosen – sieht sich Ploss gut positioniert.  Technisch wie gesagt durch die Übernahmen, auch die von Innoluce, was die Stellung von Infineon im Sensor-Bereich für Automotive weiter verstärkt (siehe unten). Aber es gibt auch rational weniger leicht zu fassende Entwicklungen: Wie wird sich das US-Geschäft nach der Wahl Trumps wohl entwickeln? Ploss sieht hier wenig Grund zur Panik. Auch die USA werden künftig sicherlich auf gute Leistungshalbleiter nicht verzichten wollen – im Übrigen gilt: abwarten. Dafür sieht er in Europa weiterhin gute Chancen: »Hier wird definiert, was in den Bereichen Industrie 4.0, in der Elektromobilität, im autonomen Fahren und in den Erneuerbaren Energien geschieht. Deshalb ist es für uns so wichtig, hier vor Ort zu sein.« Darum seien auch die europäischen Förderprojekte so wichtig. Da gehe es gar nicht in erster Linie ums Geld, sondern darum, dass die effizienten Architekturen und Systeme hier definiert werden.

Und schon ist er wieder in der Technik: Infineon liefert genau die Technik, die gebraucht wird, um gegen den Klimawandel beizutragen, um die Energiewende zu ermöglichen und – nicht zuletzt – den Menschen ein bequemes Leben. 60 Prozent des Umsatzes erzielte Infineon mit energieeffizienten Halbleitern, als einziges europäisches Halbleiterunternehmen ist Infineon im europäischen Dow-Jones-Sustainability-Index gelistet und auf dem Welt-Index ist Infineon eines von nur vier Halbleiterunternehmen, die das geschafft haben. Alles in allem also rosige Ausblicke – rein rational betrachtet.