Markt Es geht ums Geld 

Tadeusz Koscinski, stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung in Polen, lobte die polnische Industrie, verschwieg aber auch große Umweltprobleme bei der Energieversorgung im Partnerland.
Tadeusz Koscinski, stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung in Polen, lobte die polnische Industrie, verschwieg aber auch große Umweltprobleme bei der Energieversorgung im Partnerland.

In zehn Wochen öffnet die Hannover Messe. Die Veranstalter rücken mit dem Leitgedanken »Creating Value« die Wertschöpfung in der Digitalisierung in den Mittelpunkt. Besucher sollen sich über neue Geschäftsmodelle informieren. Das klingt nach etwas weniger Leistungsschau und nach mehr Arbeitsmesse. 

»Die Technologien für eine erfolgreiche Digitalisierung der industriellen Produktion sind ausgreift«, erklärte Dr. Jochen Köckler, Mitglied des Vorstands der Deutschen Messe AG auf der offiziellen Messepreview in Hannover. »Jetzt kommt es darauf an, dass die Entscheider aus Industrie und Energiewirtschaft erkennen, welche direkten und langfristigen Vorteile sie aus der Digitalisierung für ihr Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle und ihre Mitarbeiter ziehen können. Ungewohnte Perspektiven zu eröffnen, das ganze Wertschöpfungspotenzial der Digitalisierung aufzuzeigen und neue Märkte zu erobern.«

Auch die Aussteller haben den Aufruf wohl verinnerlicht. Systemlösungen dominieren die zahlreichen Stände rund um den Saal der Pressekonferenz. Der Anspruch der Messemacher und Aussteller: Über 500 Anwendungsbeispiele zum Thema Industrie 4.0 zeigen die Unternehmen auf der Messe. Bleibt die Frage, wie sich verkürzte Innovationszyklen mit weitgehend gleichbleibenden Investitionszyklen der Industrie vertragen - trotz Niedrigzinsphase. Auf diese Frage müssen auch die Unternehmen eine Antwort liefern, wenn sie zukünftig in immer kürzeren Abständen bei ihren Kunden aufschlagen, um Produkte oder Systemlösungen zu verkaufen. Eine Antwort auf die Frage hatte an diesem Tag keiner in Hannover. 

Das diesjährige Partnerland Polen passt gut zu dem Motto der Messe, denn auch die Nachbarn östlich der Oder verstehen sich als Systemanbieter, als Systemintegrator, als Wertschöpfer für die Industrie und wollen Geld verdienen. In einer zwar etwas uninspirierten Rede lobte Tadeusz Koscinski, stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung, die Fortschritte in der polnischen Industrie, betonte die Bedeutung von IT und Digitalisierung und vergaß aber auf manche Besonderheit des Partnerlandes hinzuweisen. 

Elektromobilität aus Polen

Dem Land fehlte nach der Wende 1989/90 eine starke wirtschaftliche Basis und kann deshalb heute umso flexibler agieren. Viele junge Menschen wanderten ab, suchten ihr Glück im Ausland und kehren heute, auch nach dem Brexit, wieder heim. Mittelständische Unternehmen aus dem Maschinenbau waren damals rar. In den 90er Jahren standen deshalb vor allem Investitionen in die Infrastruktur und der Umbau der alten Industrien im Mittelpunkt. In den letzten zehn Jahren wuchsen mit einer neuen Generation von Mitarbeitern und Unternehmern viele kleine und mittelständische Unternehmen, die sich vor allem der Integration von Automatisierungstechniken widmen. Aber auch polnische Maschinenbauer sind auf dem Weltmarkt angekommen. Reformen im Bildungswesen halfen den Exodus der gut ausgebildeten Menschen zu stoppen und von dem dualen Ausbildungssystem profitieren die Firmen. Polnische IT- und Automatisierungsexperten arbeiten heute weltweit in Industrieprojekten mit und zahlreiche deutsche Elektronikunternehmen wie beispielsweise Siemens produzieren und wachsen in Polen. 

Aber es sind aber vor allem die kleineren Systemintegratoren, die in Polen von der Digitalisierung der Industrien profitieren werden, meinen Experten. Ihre Auftraggeber kommen meistens aus der Automobilindustrie oder aus dem Food & Beverage-Bereich, der in Polen sehr ausgeprägt ist, denn das Land war und ist in vielen Teilen noch ein Agrarstaat. Doch auch die Landwirtschaft kann von der Digitalisierung des Bauernhofs profitieren. 

Auf der Messe spielen natürlich immer auch die großen Unternehmen aus dem Partnerland ein wichtige Rolle. Vor allem die polnische Bus- und Straßenbahnindustrie will in Hannover Akzente setzen. Gemeinsam mit deutschen Unternehmen sollen Elektrobusse zunächst vorgestellt, dann produziert und später in deutschen Kommunen den Verkehr sauberer machen. »Während die deutschen Busbauer auf ihrer Euro 6-Norm beharren, um ihre hohen Investitionskosten wieder hereinzubekommen, bauen die Polen Elektrobusse mit großer Reichweite«, erklärt ein Zulieferer. 

Gasturbinen und Smogprobleme

Doch trotz Elektromobilität ist das Bekenntnis zum Klimaschutz in Polen nur schwach ausgeprägt. Auf der Messe-Pressekonferenz verschwiegen die polnischen Verantwortlichen die landesweiten Smogprobleme, die an manchen Orten noch schlimmer ausfallen als in China oder Indien. Rund 85 % des Stroms und 60 % der Heizenergie werden aus der Verfeuerung von Kohle gewonnen. In vielen Wohnungen heizen die Menschen noch mit alten Kohleöfen. Das Thema Energie wurde immer nur am Rande der Pressekonferenz angesprochen, doch würde es zum Partnerland Polen sehr gut passen, denn die Aussteller im Energy-Bereich können im östlichen Nachbarland gute Geschäfte machen. Die Industrie in Polen kauft bereits Gasturbinen und managt Energie mit moderner Software. 

Doch der Energiemarkt in Deutschland aber auch in Polen ist sehr abhängig von politischen Entscheidungen. Da tun sich die Automatisierer, Softwarehersteller oder Maschinenbauer leichter, auch wenn die Hannover Messe vor allem am ersten Tag immer auch ein Schaulaufen der Politik ist und Industrie 4.0 ein Gewinnerthema gerade im Wahljahr ist. Doch dieses Jahr geht es ums Geld verdienen.