Kommentar Qualcomm gewaltig unter Druck

Gerhard Stelzer Chefredakteur
Kommentar von Gerhard Stelzer, Chefredakteur Elektronik.

Für Qualcomm kommt es jetzt ganz dick: Als hätte der Patentstreit mit Apple nicht schon gereicht. Jetzt prüft auch noch Wettbewerber Broadcom die Übernahme des Unternehmens für über 100 Mrd. Dollar. Das wäre die größte Übernahme in der Halbleiter-Geschichte.

Als Ingenieur kann ich mich stets für den technischen Fortschritt in der Elektronik begeistern. Weniger interessant finde ich gewerblichen Rechtsschutz sowie Patent- und Wettbewerbsrecht.

Allerdings können rechtliche Aspekte enorm wichtig werden, wie uns derzeit der Streit zwischen Qualcomm und Apple lehrt. Und es geht dabei um richtig viel Geld. Ein Blick in die Zahlen des Q3 des GJ 2017 (Apr.-Jun.) von Qualcomm offenbart: Der Umsatz brach im Jahresvergleich um 11 % auf 5,4 Mrd. Dollar und der Gewinn um 40 % auf 900 Mio. ein.

Die finanziellen Risiken, die mit der juristischen Schlacht der beiden kalifornischen Unternehmen verbunden sind, drückten Qualcomms Aktienkurs allein dieses Jahr um 16 %, berichtet Bloomberg. Ist aus dem Vorzeige-Unternehmen Qualcomm damit ein Übernahmekandidat geworden? Rund 70 Dollar/Aktie möchte Wettbewerber Broadcom laut Bloomberg für Qualcomm bieten, was einem Übernahmepreis von 130 Mrd. Dollar (103 Mrd. bei Berücksichtigung der Schulden) entspricht. Erst 2016 schluckte Avago für 37 Mrd. Dollar Broadcom und führte das fusionierte Unternehmen unter dem Namen Broadcom fort. Da bin ich gespannt, wie Broadcom den neuen Deal finanzieren will. Die Finanzmärkte scheinen die Übernahme interessant zu finden, denn die Aktienkurse beider Unternehmen legten daraufhin deutlich zu, Qualcomm um 19 % und Broadcom um 5,5 %. Die Marktkapitalisierung von Qualcomm stieg damit auf 91 Mrd. Dollar und die von Broadcom auf 112 Mrd. Dollar. Qualcomm ist derzeit noch mit der Übernahme von NXP beschäftigt, mit 47 Mrd. Dollar ebenfalls kein Schnäppchen. Aus all diesen Unternehmen einen homogenen, schlagkräftigen Halbleiterhersteller zu formen, dürfte nicht trivial sein. Doch zurück zu Qualcomm.

Das in San Diego ansässige Unternehmen besteht im Wesentlichen aus zwei Geschäftsbereichen, das umsatzstärkere Chip-Geschäft QCT (Communications Technologies) und das margenträchtige Lizenz-Geschäft QTL (Technology Licencing). Während im Q3 QCT beim Umsatz von 3,85 auf 4,05 Mrd. Dollar zulegte, stürzte QTL von 2,04 auf 1,17 Mrd. Dollar ab. Beim Gewinn ist die Situation dramatischer: Anstelle von 1,75 Mrd. blieben bei QTL nur noch 854 Mio. Dollar hängen. Das Chip-Geschäft steigerte den Gewinn hingegen von 365 Mio. auf 575 Mio. Dollar. Zu wenig, um die Verluste von QTL zu kompensieren.

Wie gut vertragen sich Chip- und Lizenz-Geschäft miteinander? Der Lizenzkunde ist in aller Regel gleichzeitig auch Wettbewerber im Chip-Geschäft. Interessenkonflikte sind programmiert. Qualcomm ist wesentlicher Treiber neuer Mobilfunk-Generationen auf Systemebene, wie zahlreiche Technologieentwicklungen und Patente zu 4G/LTE und 5G belegen. Diese Entwicklungsarbeiten will das Unternehmen angemessen honoriert sehen. Zu Recht! Aber genau daran entzündet sich der mit harten Bandagen ausgetragene Streit gegen Apple. Was sind die Lizenzrechte tatsächlich wert?

Dazu sind zweierlei Patentarten zu unterscheiden: Welche, die zur Erfüllung eines Mobilfunkstandards unumgänglich sind (z.B. Modulationsverfahren) und solche für besondere Funktionen (z.B. Bildschirmsperre). Während Patente erster Kategorie nach dem FRAND-Prinzip (Fair, Reasonable And Non-Discriminatory) lizenziert werden müssen, hat man bei den anderen freie Hand. Diese Situation scheint Qualcomm ausgenutzt und ordentlich abkassiert zu haben. Typischerweise lizenziert Qualcomm seinen ganzen Baukasten an Lizenznehmer, erklärte QTL-Chef Alex Rogers vor der Presse im HQ in San Diego. Das dürfte aber Kunden sauer aufstoßen, die nur einen Teil davon bräuchten. Apple ist nicht einmal Lizenznehmer, sondern nur Chipkunde. Dafür mussten die Vertragsfertiger von iPhone und Co. mit Qualcomm Lizenzverträge abschließen. Apple erstattete ihnen früher die Lizenzgebühren, stellte diese aber dann in Frage und die Erstattung ein. Qualcomm wirft Apple nun vor, seine Produkte zu vermarkten ohne Lizenzgebühren zu zahlen, und strebt Importverbote in verschiedenen Ländern an. Gleichzeitig hat Qualcomm jüngst Probleme mit Kartellbehörden in verschiedenen Ländern, die ihnen saftige Strafen wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens aufgebrummt haben – wie jüngst Taiwan. Ob Apple dahinter steckt, wie Qualcomm-Justitiar Mark Snyder andeutete?

Die Lage ist sehr unübersichtlich, aber eins ist klar: Qualcomm ist mächtig unter Druck, auch bereits ohne Broadcoms Übernahme-Avancen.

Gerhard Stelzer
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