Elektronik-Zeitreise Die Frau in der Elektronik

Claudia Bolik hat 1979 im Elektronik-Schaltungswettbewerb den 1. Platz erzielt.
Claudia Bolik hat 1979 im Elektronik-Schaltungswettbewerb den 1. Platz erzielt.

Der Frauenanteil in technischen Berufen und Führungspositionen lässt heute immer noch zu wünschen übrig. Im Jahr 1979 waren Frauen in der Elektronik jedoch eine Rarität und wurden wie Außerirdische beäugt. Hierzu ein Editorial des damaligen Elektronik-Chefredakteurs Hans J. Wilhelmy vom Juli 1979.

Der ehemalige Elektronik-Chefredakteur Wilhelmy hat zwar ein für die Verhältnisse der 1970er-Jahre ein vergleichsweise fortschrittliches Frauenbild. Doch nach heutigen Maßstäben ist es erstaunlich und erschreckend zugleich, welche Vorurteile man damals ungestraft in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlichen durfte (siehe letzter Absatz des Editorials). Doch lesen Sie selbst….:

Claudia Bolik, Physik-Studentin im 4. Semester hat den 1. Preis im Elektronik-Schaltungswettbewerb gewonnen. Das ist ein Paukenschlag insbesondere für den männlichen Teil der Gattung Homo Sapiens, der allzu fest davon überzeugt ist, daß Frauen höchstens im manuellen Teil der Elektronik-Produktion eine Rolle spielen können.

Schon dieses geringschätzige Wort »höchstens« bringt törichte Arroganz zum Ausdruck, wäre doch unsere gesamte Branche ohne Frauenhände undenkbar. Bereits in der »Steinzeit« der Elektronik – damals hieß sie Funk- oder Radiotechnik – waren es ausschließlich Frauen, die die feine Montage- und Schweißarbeit bei der Fertigung von Röhren bewältigen konnten, und ihre Kolleginnen am Geräte-Fließband waren ebenso geschickte und flinke Nieterinnen, Löterinnen und Prüferinnen, ohne die »Opa« nie zu seinem Radio gekommen wäre. Sie tragen auch heute noch die Elektronik-Produktion in der ganzen Welt, wenngleich die Röhren von Halbleitern und die Verdrahtungen von Druckplatinen abgelöst wurden. Die Handgriffe in der Produktion sind andere geworden, aber Frauenhände und Frauenfleiß – durchhaltend auch bei eintöniger 8-Stunden-Fließbandarbeit – sind unentbehrlich geblieben.

Intellektuell und schöpferisch

Doch auch im intellektuellen und schöpferischen Bereich tauchen mehr und mehr Frauen auf, die ihren »Mann« im Wettbewerb mit Männern stehen. So z.B. bei der Siemens AG eine Physikerin, die das glasfasergespeiste Telefon (ohne Stromversorgung) entwickelte und auf der letzten Hannover-Messe persönlich vorführte, bei MBB eine Mathematikerin, die das wissenschaftliche Rechenzentrum leitet, bei IBM eine Informatikerin, die Programme für die Maschinensteuerung entwickelte (in der Elektronik publiziert), und… und… und. Allerdings sollen in der Bundesrepublik diese Frauen auf Ingenieurniveau erst etwa 1 % aller Ingenieure ausmachen – in den USA spricht man schon von 10 %!

Zwischen der breiten Schicht der weiblichen Arbeiterschaft und der kleinen Spitzengruppe der ingenieurmäßig schöpferischen Frauen liegt aber noch der zahlenmäßig ziemlich breite und funktionsmäßig absolut unentbehrliche »Mittelstand« der technischen Assistentinnen, die in Labor und Fertigung Tests und Meßreihen durchführen und auswerten, Versuche vorbereiten, und so weiter. Das reicht bis hinauf zu der hochkomplizierten Fehlersuche bei den Maskenentwürfen der Halbleiterindustrie, aber auch in der Datentechnik schlagen sich Frauen erfolgreich in Systemanalyse und Software-Erstellung.

Freilich: Der Prozentsatz der Frauen, die Talent für solche Aktivitäten haben, ist zweifellos kleiner als bei den »Herren der Schöpfung«. Doch wo eine Begabung vorhanden ist, sollte sie unbedingt gefördert und genutzt werden, statt sie unter veralteten Vorurteilen zu begraben. Und mit welchem Recht sollte man begabte Frauen von technisch/schöpferischen Berufen ausschließen, anstatt sie gleichberechtigt einzusetzen und anzuerkennen?

Hans J. Wilhelmy

 

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Elektronik-ZeitreiseDie Elektronik wird 65 Jahre – der perfekte Moment, um eine kleine Elektronik-Zeitreise zu beginnen: Wir haben in unserem Archiv geschmökert und bahnbrechende Neuigkeiten der vergangenen 65 Jahre entdeckt. Erleben Sie in unserer Elektronik-Zeitreise revolutionäre Neuigkeiten der vergangenen Jahrzehnte – gerne mit einem Schmunzeln.