Interview Dr. Martin Schulz, Infineon Power für Männerspielzeug

Leistungsmodule für Stadtbusse oder Muldenkipper müssen viel aushalten. Dr. Martin Schulz ist bei Infineon zuständig für diesen Applikationsbereich. Wir trafen ihn auf der PCIM Asia und fragten, was es Neues gibt und was China in Sachen Elektromobilität anders macht als Deutschland.

Herr Dr. Schulz, Sie beschäftigen sich mit der Leistungselektronik für den Antrieb in größeren Fahrzeugen. Was muss ich mir darunter vorstellen?

Dr. Martin Schulz: Bei Infineon benutzen wir dafür die Abkürzung CAV, das steht für »Commercial, Construction and Agricultural Vehicles«. In meinen Tätigkeitsbereich fällt somit alles vom städtischen Kleintransporter, beispielsweise Postfahrzeuge, bis hin zu Bussen – wohlgemerkt elektrifizierte Varianten davon für den innerstädtischen Verkehr. Aber das Thema umfasst auch im landwirtschaftlichen Bereich alles von Erntemaschinen, die von einem hydraulischen auf einen elektrischen Antrieb umgestellt werden sollen, bis hin zu Großfahrzeugen im Minenbereich. Muldenkipper beispielsweise werden, anders als man vermutet, nicht direkt von einem Verbrennungsmotor angetrieben, sondern ähneln eher einer Lokomotive mit einem diesel-elektrischen Antriebsstrang. Dadurch kann der Dieselmotor stets im für ihn optimalen Betriebspunkt arbeiten. Aber es gibt auch vollständig batteriebetriebene Fahrzeuge in diesem Bereich.

Von welchem Leistungsspektrum für Umrichter reden wir also?

Das geht von 100 kW bis hinab zu 50 kW für innerstädtische Lieferfahrzeuge über Busse, die schon mal Spitzenleistungen von 250 kW und Dauerleistungen von 150 kW pro Rad abrufen, bis hin zu schweren Minenfahrzeugen mit Werten von einigen hundert Kilowatt pro Rad.

Sie haben einmal gesagt, China würde zum Leitmarkt für Elektromobilität werden. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Anders als Europa hat China einen extrem großen Verbesserungsbedarf an der Umweltqualität. Wenn Sie sich heute in Peking eine Stunde lang an eine Hauptstraße stellen, dann haben Sie etwa so viel Feinstaub eingeatmet, wie wenn Sie eine Schachtel Zigaretten geraucht hätten. Die chinesische Regierung hat das sehr wohl erkannt und große Förderprogramme für Elektromobilität aufgelegt. Es gibt also einen Anreiz aus der Bevölkerung heraus nach höherer Lebensqualität und es gibt einen finanziellen Anreiz von Regierungsseite aus, der stärker ausgeprägt ist als in vielen anderen Ländern.

Hinzu kommt, China hat einen sehr hohen Bedarf an öffentlichem Personennahverkehr. Die Anzahl von Bussen ist enorm, und wenn Sie sich die Busse hier in Shanghai ansehen, dann erfüllen viele davon die deutschen Umweltanforderungen in keiner Weise. Im Gegensatz zu Südkorea, das auch emissionsarme Fahrzeuge finanziell fördert, beschränkt man in China die Förderung kürzlich ausschließlich auf emissionsfreie Fahrzeuge – sprich Elektrobusse. Die lokale chinesische Industrie, zum Beispiel BYD, hat starke Vertreter, welche die Produktion und Lieferkette fast vollständig in einer Hand haben.

BYD ist die Abkürzung für »Build Your Dream«; dieses Unternehmen ist vor einigen Jahren in die Autoherstellung eingestiegen und dann stark auf Elektrofahrzeuge umgestiegen. Heute stellt das Unternehmen die gesamte elektrisch betriebene Taxiflotte von Shenzhen und ist ein führender Hersteller von Elektrobussen. Zudem gibt es ein Joint-Venture mit Mercedes-Benz; das Modell »Danza« besteht aus der Karosserie der alten B-Klasse von Mercedes, ausgestattet mit einem elektrischen Antriebsstrang sowie Akkus aus dem Hause BYD. Es entstehen also ganz neue Player, finanziell unterstützt durch die chinesische Regierung, die westliches Know-how nutzen.

Überträgt man verschieden Prognosen zum Wirtschaftswachstum in China auf das Wachstum der in China betriebenen Fahrzeuge, dann wären im Jahr 2020 dort etwa 700 Millionen privat genutzte Pkws unterwegs! Zum Vergleich: In Deutschland sind es derzeit etwa 50 Millionen. Der Umweltaspekt ist nicht zu übersehen. Die chinesische Regierung hat dementsprechend reagiert und sehr viel Geld in die Hand genommen, um die Elektromobilität auszubauen.