Kommentar Künstliche Dummheit

Ingo Kuss, Chefredakteur, IKuss@weka-fachmedien.de

Bei autonomen Fahrzeugen oder smarten Robotern von künstlicher Intelligenz zu sprechen, ist plausibel und angemessen. Aus Marketinggründen nun aber auch schon simple Produkte wie Lichtschalter mit dem KI-Label zu versehen, führt zu einer unnötigen Begriffsverwirrung.

Von nichts kommt nichts, heißt es so schön. Menschliche Intelligenz etwa beruht auf einer der komplexesten Strukturen des Universums: Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Neuronen, von denen wiederum jeweils 1000 bis 10.000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen ausgehen. Entsprechend groß ist auch der technische Aufwand, mit dem KI-Forscher versuchen, das biologische Vorbild zu kopieren. Supercomputer, massiv parallele Datenverarbeitung und gewaltige Server-Farmen gehören zu den üblichen Werkzeugen für dieses Unterfangen.

Dass inzwischen sogar smarte Lautsprecher wie Echo & Co. ein ausgefeiltes Sprachverständnis besitzen, ist entsprechend nur mit einem Kniff möglich: Die Geräte selbst sind eigentlich lediglich Mikrofone mit Netzanschluss – die wirkliche KI-Leistung für die Entschlüsselung natürlicher Sprache wird in der Cloud mit ihren nahezu unbegrenzten Hardware-Ressourcen erbracht. Umso verblüffender ist da die Ankündigung des taiwanischen SoC-Spezialisten Mediatek, bald sogar einfache Lichtschalter mit KI-Funktionen ausstatten zu können – und zwar ohne Netzanbindung.

Die Idee dahinter ist an sich sogar ganz pfiffig, ihr das Attribut „künstliche Intelligenz“ zu verleihen allerdings schon dreist. Ausgangspunkt für die Entwicklung des neuen Bausteins war die Beobachtung, dass die am häufigsten genutzten Sprachkommandos bei Smart-Home-Lautsprechern „Licht an“ bzw. „Licht aus“ sind. Um diese kurzen Befehle zu entschlüsseln, ist tatsächlich kein besonders großer Aufwand nötig: Im Wesentlichen besteht die Mediatek-Lösung aus einem kleinem DSP sowie einem einfachen neuronalen Netz, welches das taiwanische Startup Intelligo – übrigens eine Mediatek-Ausgründung – beisteuert. Maximal 20 bis 30 Wörter soll das günstige und stromsparende SoC erlernen können.

Als preiswertes Sprachsteuerungsmodul, das ohne Cloud- oder Netzanbindung auskommt, lässt sich der neue Baustein sicherlich vielfältig nutzen. Diese Technik jedoch als „Enabler für KI im Edge-Bereich“ hochzustilisieren, wie es Mediateks CFO David Ku macht, verwässert den Begriff der künstlichen Intelligenz fast bis zur Unkenntlichkeit. Verglichen mit den anspruchsvollen Zielen aktueller KI-Projekte wie autonomes Fahren oder intelligente Roboter sollte man bei einem sprachgesteuerten Lichtschalter eher von „künstlicher Dummheit“ sprechen – oder ganz einfach auf hochtrabende KI-Bezüge verzichten.