Neue Herausforderungen – neue Chancen Patentmanagement in Zeiten der Digitalisierung

Ein Mähdrescher von Claas erstellt heute durch modernste Sensorik, Computertechnik und Navigation beim Ernten eine detaillierte Bodenertragskarte für das neue Geschäftsmodell „Digital Farming“ und tangiert so zahlreiche neue Patentbereiche.

Der Patentmanagement-Software-Anbieter Anaqua will mittels Big Data das Patentmanagement intelligent machen, damit geschützte Geschäftsmodelle neue Wertschöpfung ermöglichen können.

Schöne neue Welt des Internet of Things (IoT): Von der Küchenmaschine bis zum Mähdrescher wird fleißig digitalisiert und vernetzt. Experten sind sich inzwischen sicher, dass dieser Trend erst der Beginn einer neuen industriellen Revolution ist, die Gesellschaften vor völlig neue Herausforderungen stellen wird. Im Patentschutz ist schon heute erkennbar, welche komplexen Auswirkungen die Vernetzung ganzer Wertschöpfungsketten für Unternehmen haben kann.

Professor Dr. Alexander Wurzer beobachtet, als Experte im Bereich des strategischen Intellectual Property Management, die Veränderungen schon seit einigen Jahren: »Beispiel Vorwerk - die Küchenmaschine aus Wuppertal holt sich die Rezeptdaten von Rezeptchips oder aus dem Internet und der multifunktionale Mixer selbst dient quasi als Abspielstation für den Content „Rezept“«. Mit ihrer Patentstrategie stehen die traditionellen Wuppertaler Elektrowerke dadurch plötzlich im globalen Wettbewerb mit Technologiegiganten aus dem Silicon Valley und Korea. »Während in den traditionellen Technologieklassen, die man bei Vorwerk nach Fremdpatenten überwacht, regelmäßig kaum mehr als einige hundert Neuanmeldungen pro Jahr recherchiert und überwacht werden mussten, sind es nach der Digitalisierung des Thermomix viele tausend Patente aus immer mehr Technologiebereichen«, erklärt der Münchner IP-Experte.

Damit stehen auch die Patentabteilungen in Unternehmen vor großen Herausforderungen. »Heute genügt es nicht mehr, Patentportfolios klassisch mit einer Softwarelösung zu verwalten, die beispielsweise Verlängerungsfristen oder entstehende Kosten im Blick behält. Die Beobachtung von aktuellen Entwicklungen in den relevanten Märkten und auch die Konkurrenzanalyse sind unverzichtbare Bestandteile modernen IP-Managements geworden«, erklärt Michal Klein, Vertriebschef Deutschland von Anaqua. Das Patentmanagement-Software-Unternehmen entwickelt und vertreibt seine Software schon seit mehr als 10 Jahren weltweit und hat im vergangenen Jahr mit dem Zukauf des Big Data-Anbieters Acclaim IP einen großen Schritt in die Zukunft gewagt. »Unsere intelligente Verknüpfung von internen Portfolio-Daten mit einer Vielzahl öffentlich zugänglicher, externer Informationsquellen erlaubt erstmals eine detaillierte Analyse, beispielsweise der Aktivitäten von Mitbewerbern in den für das eigene Unternehmen relevanten Technologiefeldern.« Bereits bei der Neuentwicklung von Produkten kann auf diese Weise viel Geld gespart werden, beispielsweise wenn sich herausstellt, dass eine bestimmte Komponente in der Wertschöpfungskette bereits massiv patentrechtlich geschützt ist. »Was wir dringend benötigen, ist eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Entwicklungsabteilung und IP-Abteilung, um die Weichen bei Produktinnovationen von Anfang an richtig stellen zu können«, resümiert Michael Klein.

Für Prof. Wurzer wird es zudem immer wichtiger, neben der reinen Betrachtung von Technologien das Augenmerk auch auf das gesamte Geschäftsmodell zu richten. Am Beispiel des Landmaschinenkonzerns Claas aus dem ostwestfälischen Harsewinkel wird dies für ihn besonders deutlich. »Ein Mähdrescher von Claas erstellt heute durch modernste Sensorik, Computertechnik und Navigation beim Ernten eine detaillierte Bodenertragskarte, die zusammen mit Klima- und Bewässerungsdaten dazu dient, die optimale Düngerzusammenstellung auf den Quadratmeter genau auf die Felder auszubringen. Damit entsteht das völlig neue Geschäftsmodell „Digital Farming“. Wer wie Claas alle benötigten Schnittstellen, die Datenverarbeitung, das Hosting und die Telematik im eigenen Patentportfolio hält, hat die damit möglichen Geschäftsmodelle auch für sich gesichert«, erklärt Wurzer.

Patentabteilungen in Unternehmen und Patentanwaltskanzleien stehen also in Zukunft vor der Aufgabe, ihre Dienstleistungen in verstärktem Maße auch in konkrete unternehmerische Zusammenhänge einzubringen. Zusammen mit den kurzfristig zu erwartenden Veränderungen durch die Einführung des europäischen Gemeinschaftspatents und eine einheitliche europäische Patentgerichtsbarkeit werden sie in vielen Unternehmen noch stärker zu unverzichtbaren Beratern bei der strategischen Unternehmensführung. Denn wer heute zum Beispiel bei einer digitalen System- oder Plattformtechnologie mit einer Patentverletzung konfrontiert wird, riskiert in vielen Fällen die Existenz des ganzen Unternehmens.