Neuausrichtung auf Embedded Cloud Kontrons Rückkehr zur Überholspur

Baut das neue Geschäftsfeld Smart Energy massiv aus: CEO Hannes Niederhauser.
Hannes Niederhauser, Kontron und S&T: »Embedded-Cloud-Server müssen Echtzeit können und rauen Umgebungsbedingungen widerstehen – wie ein Embedded Computer auch.«

Kontron ist in den letzten Jahren gegenüber dem Wettbewerb etwas ins Hintertreffen geraten. Wie man mit dem Einstieg von S&T nun der Konkurrenz den Auspuff zeigen will, erklärt Hannes Niederhauser, CEO von Kontron und S&T.

Markt&Technik: War Ihre Rückkehr zu Kontron lange geplant?

Hannes Niederhauser: Die Kontron-Geschichte ist etwas überraschend gekommen. Ich hab das Unternehmen zwar schon länger beobachtet, aber erst als der Kurs unter 3 Euro fiel, wollte ich ein Übernahmeangebot machen. Als ich dann erfuhr, dass die Foxconn-Tochter Ennoconn mit 49 Prozent bei „Kontron Kanada“ eingestiegen ist, hab ich mir gedacht, mit Foxconn brauchen wir uns nicht anzulegen. Ich habe dann ein langes Gespräch mit Foxconn geführt und sie überzeugt, für Industrie 4.0 und IoT keine Rückwärtsintegration zu machen.

Rückwärtsintegration?

Sieger bei Industrie 4.0 und IoT wird nicht derjenige sein, der für sein Board die Kondensatoren oder den Intel-Chip um 5 Cents billiger einkauft. Sieger wird sein, wer eine Vorwärtsintegration machen kann, also einen Embedded Computer bieten kann, der über die entsprechende Software verfügt, um sich nahtlos in eine Embedded Cloud oder ein Industrie-4.0-Netz einzufügen – also der eine ganze Lösung mit mehr Marge hat. Das hat Foxconn eingesehen und sich unsere Software sehr gründlich angesehen. Danach fragten sie uns nach der Partnerschaft.

Wie sieht die Partnerschaft aus?

Über eine 10-prozentige Kapitalerhöhung ist Ennoconn bei S&T eingestiegen, und wir haben dafür 44 Mio. Euro bekommen. 16 Mio. Euro haben wir aus unserem Cash-Flow genommen, um auf die 60 Mio. Euro für Kontron zu kommen. Damit haben wir dann Ende Dezember 2016 knapp 30% an Kontron erworben.

Wie geht es weiter?

Im nächsten Schritt will S&T mit Kontron verschmelzen. Ein Übernahmeangebot wollten wir nicht machen, es bleiben ja noch Kleinaktionäre übrig, und das ist keine angenehme Situation. Die 100% Synergieeffekte bekommt man nur, wenn es eine Firma ist, dann ziehen alle Leute an einem Strang. Wir haben eine Tochter gegründet, die S&T Deutschland Holding AG. Diese Tochter hält unsere knapp 30% und macht dann die Verschmelzung mit Kontron. Dazu brauchen wir 75% Quorum auf der Hauptversammlung. Die S&T-Deutschland-Anteile kann der Aktionär gegen S&T-Aktien tauschen - wird streben also an, dass Kontron-Aktionäre zu S&T-Aktionären werden. Die S&T Deutschland Holding ist dann verschmolzen und wird in Kontron umbenannt.

Welche Änderungen erfolgen dann in der Geschäftsstrategie?

Kontron hat bisher eine Plattform-Strategie wie die Automobilhersteller verfolgt, also mit mehr Gleichteilen die Kosten reduzieren. Wir suchen dagegen das Heil in einer größeren Rohertragsmarge, und das machen wir mit einer höheren Integration von Software und Dienstleistungen rund um das Thema Embedded Cloud.

Welche Märkte sollen damit adressiert werden?

Das Segment IoT und speziell Industrie 4.0 wird unsere Cash Cow werden. Wir bieten dazu Embedded Computer mit der entsprechenden Software an und sorgen mit der nötigen Connectivity und Software-as-a-Service für eine Embedded Cloud. Kontron macht bislang in diesem Bereich rund 220 Mio. Euro Umsatz mit einer Rohertragsmarge von 25%. S&T hingegen hat in diesem Geschäft eine Marge von 56% und einen Umsatz von 160 Mio. Euro. Dabei tragen wiederkehrende Servicegebühren, mit einem Anteil von über 30%, schon seit Jahren entscheidend zum Erfolg von S&T bei. Dieses Erfolgsrezept soll künftig auch bei Kontron zum Einsatz kommen.

Welche Software wird installiert?

Wir haben eine Reihe von Programmen entwickelt, um den Zugang zur Embedded Cloud oder einem Industrie-4.0-Netzwerk zu vereinfachen. Dazu zählt Security-, Wartungs- und Datenanalyse-Software, die zukünftig auf den Kontron-Produkten installiert werden. Wir werden diese Systeme mit Wartungsgebühren versehen – das ist ganz wichtig zur Steigerung der Marge und des Mehrwertes für unsere Kunden. Wir können auch Daten hosten. Die S&T wird zum 1.4. eines der modernsten Daten-Center – Tier 3 mit hohen Redundanzen – in Wien eröffnen, wo wir ausschließlich Embedded-Daten speichern wollen.

Ähnliche Cloud-Strategien haben auch andere Embedded-Hardware-Firmen.

Hier hat Kontron den Vorteil, mit S&T eine erfahrene und mit rund 340 Mio. Euro Umsatz erfolgreiche IT-Service-Abteilung als Partner zu bekommen. Für die meisten Unternehmen stellt sich die Herausforderung, die Daten aus sehr unterschiedlichen Systemen der CAD-/Produktdaten-, der ERP- und der Shopfloor-Welt zusammenzuführen und damit Anwendungen der betrieblichen IT und der OT (Operational Technology/Fertigungsumfeld) verschmelzen zu müssen – allerdings gibt es zwischen den IT- und OT-Verantwortlichen wechselseitige Verständnis- und Kompetenzbarrieren. An dieser Stelle will Kontron zusammen mit S&T helfen, weil uns diese Problematik bewusst ist und beide Blickwinkel und deren Erfordernisse von uns berücksichtigt werden können.

Nicht jeder will die Daten irgendwo in der Cloud haben.

Ja, viele Firmen haben kein Interesse, dass ihre Daten in der IBM- oder Microsoft-Cloud sind. Sie wollen die Daten und Kontrolle behalten mit einer Private Cloud. Die Embedded Clouds werden daher auf dem Werksgelände stehen und eine gewisse Vorverarbeitung machen. Ergebnisse können natürlich an Zentralen weitergereicht werden, doch die großen Datenmengen bleiben vor Ort. Es gibt natürlich auch Echtzeitanwendungen und solche Dinge, die zum Embedded-Cloud-Markt dazugehören.

Braucht es dazu spezielle Embedded-Cloud-Server?

Die Server müssen Echtzeit können und rauen Umgebungsbedingungen widerstehen – wie ein Embedded Computer auch. Und sie brauchen eine hohe Parallelität, denn Maschinen können viel mehr Daten generieren als ein Mensch. Unser Partner Ennoconn hat mich mit einem Server mit 3800 Cores beeindruckt – auf ARM-Basis, das ist genau das Richtige für die enormen Datenmengen. ARM hat für mich durchaus Chancen, in diesem Bereich Intel etwas abzugraben. Wir setzen aber auf beide Architekturen. Zur embedded world 2017 haben wir bereits erste Gerätestudien der neuen Rechnerklasse gezeigt, und wir erwarten schon zum Ende des Jahres erste Embedded-Server-Aufträge.

Ist damit die Wende geschafft?

Ich glaube, die schlimmsten Zeiten bei Kontron liegen schon hinter uns. Wir haben ein gutes Konzept, und wir werden wieder zeigen, was einen kundenorientierten Lieferanten ausmacht – etwas mehr Demut und Respekt für den Kunden, zusammen mit mehr Innovationen und Services – das wollen wir.