»America first« Spielt Trump mit dem Feuer?

Donald Trump, US-Präsident
Donald Trump, US-Präsident

Mit Einfuhrzöllen für Güter aus Mexiko will US-Präsident Trump die einheimische Produktion ankurbeln. Was heißt das für die deutsche Elektronik- und Maschinenbauindustrie?

“America first” – mit diesem Leitsatz führte sich Donald Trump am 20. Januar als US-Präsident ein. Kurz zuvor hatte er über Twitter und anderen Medien verlautbart, die Einfuhr von in Mexiko gefertigten Gütern mit hohen Einfuhrzöllen belegen zu wollen.

Mit 61,7 Mrd. Euro verfügt Mexiko nach Auskunft von ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann über den zweitgrößten Elektromarkt in Lateinamerika: 2015 wuchs das Marktvolumen um 15%. Die Exporte der deutschen Elektroindustrie nach Mexiko beliefen sich 2015 auf 1,8 Mrd. Euro. Damit lagen sie um 20% höher als 2014.« Von 2005 bis 2015 haben sich die heimischen Elektroausfuhren in das Land verdoppelt. »Zwischen Januar und Oktober 2016 gab es allerdings einen Rückgang der deutschen Elektroexporte nach Mexiko um 4% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Hier spielen aber auch Wechselkursveränderungen mit rein. Der Bestand an Direktinvestitionen der deutschen Elektroindustrie in Mexiko betrug zuletzt 295 Mio. Euro«, erklärt Gontermann.

Audis modernste Fabrik steht in Mexiko

Mexiko ist inzwischen das Eldorado der deutschen und internationalen Automobil-Industrie. Nicht nur die Konzerne haben Milliarden in den Standort investiert, sondern auch die Zulieferer. Kurze Wege und Just-in-Time/Just-in-Sequence Belieferung ist eine Voraussetzung, um für die Automobilindustrie fertigen zu dürfen.

Angelockt durch die Nähe zum Exportmarkt USA und niedrige Lohnkosten sind inzwischen fast alle deutschen Hersteller – VW, Audi, Daimler – nebst Zulieferindustrie in Mexiko vertreten. BMW will 2019 dort eine Fabrik eröffnen – so zumindest die Pläne vor der Ära Trump. VW ist bereits seit den 1960er-Jahren in Mexiko vertreten. In Puebla befindet sich das weltweit zweitgrößte Werk des Konzerns. Tochter Audi zog am 30. September 2016 nach: Im mexikanischen San José Chiapa wurde das 12. Werk im Audi-Produktionsverbund eingeweiht. Audi produziert auf 400 ha den Premium-SUV Audi Q5. Damit entsteht erstmals ein Modell für den Weltmarkt außerhalb des europäischen Kontinents. Die laut Audi modernste Fabrik der Audi-Welt ist mit 2400 Metern gleichzeitig der höchst gelegene Standort des Unternehmens: »Der zentrale Produktionsleitstand hat Benchmark-Charakter und symbolisiert die Audi Smart Factory«, kommentiert Audi-Produktionsvorstand Prof. Dr. Hubert Waltl.

Das jüngste Mitglied im Audi-Produktionsverbund setzt auch mit seinem Zuliefererpark Maßstäbe: Der neue JIS-Park (just in sequence) wurde ebenfalls im Herbst 2016 eröffnet und liegt direkt neben dem neuen Audi-Werk im mexikanischen San José Chiapa. Er soll kurze Wege zwischen Produktion und Lieferanten sicherstellen.

2016: Eröffnungswelle deutscher Zulieferer in Mexiko

2016 gab es eine wahre Eröffnungsflut deutscher Zulieferer in Mexiko: Mit einem neuen Demo- und Technologie-Center in Guadalajara erweitert z.B. der Kurtz Ersa-Konzern seine Präsenz in Mexiko. Die Eröffnung am 17. November stand im Zeichen des geplanten Wachstums in Mexiko. Kurtz Ersa Mexico, S.A. DE C.V. wurde 2013 als Niederlassung für den Vertrieb und Service von Lötsystemen, Schaumstoff- und Gießereimaschinen gegründet. Mit Schwerpunkten in Branchen wie Automotive und Elektronikfertigung setzt Kurzt Ersa in Mexiko von Anfang an auf exponentielles Wachstum. Rainer Kurtz, Vorsitzender der Geschäftsführung von Kurtz-Ersa, betrachtet die Diskussion um Trumps Äußerungen gelassen und sieht keine Gefahr: »Die deutsche Automobilindustrie ist in der Lage, in jedem Land der Erde zu produzieren, falls eine Automobilindustrie sich dort grundsätzlich rechnet. Ein Präsident Trump wäre nicht gut beraten, wenn er in USA einseitig Protektionismus betreiben würde. Die bisherige Tendenz, eher auf High-Tech, Software und Dienstleistung zu setzen, war wirtschaftspolitisch sicher nicht ganz klug. Wenn die USA das nun korrigieren wollen, ist das ihr gutes Recht.« Kurtz plädiert dafür, Trump erst mal die üblichen „100 Tage Zeit“ zu geben, seine Strategie so zu formulieren, dass die Weltwirtschaft die Veränderungen der amerikanischen Politik verlässlich einschätzen könne. »Ich denke schon, dass es hier Veränderungen geben wird, aber das ist ganz normal bei einem Wechsel der US-Administration.  Alle sind gut beraten, erst mal abzuwarten. In Bezug auf Mexiko sehe ich das ebenso. Die mexikanische Wirtschaft hat nach wie vor große Potentiale, und das Produktionsvolumen dort ist bereits enorm. Wir haben dort viele Kunden, die auch mit dem jetzigen Volumen unsere größte Aufmerksamkeit verdienen. Sollte in USA das Wachstum im Vergleich zu Mexiko stärker werden, sind wir dort ebenso gut aufgestellt.«

Auch zahlreiche Elektronik/Mechatronik-Fertigungsdienstleister sind in und um Mexiko angesiedelt, um die dort ansässigen Autobauer zu beliefern. So hat beispielweise Turck duotec erst kürzlich eine Produktion in Mexiko errichtet, um einen Kunden zu beliefern der für den US-Markt in Mexiko produzieren möchte. Auch Astelleflash, einer der größten EMS mit Stammsitz in Europa, fertigt für Industrie- und Automotive-Kunden in Mexiko. Produziert wird dort für den globalen Markt, aber auch zu großen Teilen für den amerikanischen. »Wir beobachten die gesamte Marktlage kontinuierlich und aufmerksam, sehen aber nach wie vor eine hohe Nachfrage nach Produktionskapazitäten in Mexiko und folgen konsequent unseren Kundenanforderungen«, unterstreicht Felix Timmermann, Geschäftsführer von Asteelflash. Sollte es Bedarf geben, in den USA direkt zu produzieren, sei Asteelflash mit Werken in Fremont (CA) und Raleigh (NC) auch hierfür  bestens aufgestellt, so Timmermann. »Durch den globalen Footprint von Asteelflash können wir jederzeit auf Kundenwünsche eingehen.« Dabei sei aber auch die Politik gefragt, so Timmermann. Sie müsse die Unternehmen generell dabei unterstützen, Marktzugänge frei von Marktbarrieren zu ermöglichen, um die Kundenbedarfe in aller Welt optimal befriedigen zu können. »Ich bin sicher, dass die freundschaftlichen Beziehungen mit den USA auch weiterhin eine Stütze der beiderseitigen Handelsinteressen sein werden.«

Erst mal abzuwarten, wie sich die deutsche Automobilindustrie generell verhält, das rät auch Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik AG: »Auch in der Wirtschaft wird selten etwas so heiß gegessen, wie es gekocht wird.« Zollner ist Europas größter Fertigungsdienstleister und hat u.a. auch in den USA ein Werk, in Milpitas im Silicon Valley. »Das ist ein eindeutiger Local-for-local-Vorteil, doch durch unsere weltweit vertretenen Kunden bedingt, haben wir natürlich auch andere Lieferorte, und so sind wir nicht in dem Maße abhängig von den USA, wie es andere vielleicht sind«, erklärt Weber. In Mittelamerika produziert Zollner nicht in Mexiko, sondern in Cartago in Costa Rica. Von dort wird unter anderem auch die Automotive-Industrie in Mexiko beliefert, aber auch andere Branchen in anderen Regionen. »Wenn der Bedarf steigt und sollte es erforderlich sein, könnten wir das Werk in den USA auch ausbauen. Es ist natürlich ein Vorteil, dass wir jetzt schon dort sind. Der Standort in den USA – wie auch unser Standort in Costa Rica – ist strategisch günstig gewählt. Unsere Chancen für den lokalen Markt dort werden durch die erwarteten Entwicklungen sogar steigen. Wir haben stets eine Local-for-local-Strategie verfolgt und werden auch weiterhin dort sein, wo der Kunde uns braucht.«