Lieferzeiten bei Passiven Bauelementen Der perfekte Sturm

Nach Aussage verschiedener Hersteller und Distributoren passiver Bauelemente wird sich die Verfügbarkeit speziell zahlreicher MLCCs und Widerstand-Chips in den nächsten Wochen und Monaten noch weiter verschlechtern.

Hinzu kommt, dass sich seit dem 4. Quartal 2017 auch die Preise für einige MLCCs fast verdoppelt haben.

Was sind die Hintergründe dieser Entwicklung? Es sieht so aus, als seien die Probleme in der Lieferkette auf den unglücklichen zeitlichen Zusammenfall verschiedener, für sich betrachtet solitärer Ereignisse zurückzuführen. So hat sich der Markt etwa vom 4. Quartal 2016 an schleichend von einem Einkäufer- zu einem Beschaffungsmarkt entwickelt. Parallel dazu begannen einige Hersteller unabhängig von dieser Entwicklung für sich Strategien umzusetzen, die sie zuvor angekündigt hatten. So entschied sich beispielsweise ein Hersteller von Widerstand-Chips nach einem Brand in einem seiner Werke, dort in Zukunft Halbleiter und keine Widerstände mehr zu produzieren. Ein anderer Hersteller passiver Bauelemente verabschiedete sich aus dem Commercial-MLCC-Markt und begann, sich nur noch auf Automotive zu konzentrieren. Fast gleichzeitig begann der weltweit größte MLCC-Hersteller, Murata, wie angekündigt, seine Fertigungsanlagen auf die Produktion vor allem kleinerer MLCCs der Baugröße 0402 und darunter umzurüsten.

Parallel zu dem seit knapp eineinhalb Jahren kontinuierlichen, weltweiten Bedarfsanstieg ergab sich aus diesen einzelnen Ereignissen das Szenario für so etwas wie den perfekten Sturm im Bereich der passiven Bauelemente. So hat sich die Zahl der in Smart­phones verbauten MLCCs in den letzten zwei, drei Jahren fast verdoppelt. IoT-Anwendungen ziehen zunehmend HF-fähige MLCCs; ein deutlicher Bedarfsanstieg ist nach Angaben der Bauelementehersteller auch im Bereich Wearables zu beobachten. Und dann hat sich der Bedarf der Automotive-OEMs in den letzten Jahren nach Einschätzung von Branchenkennern wie Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales Central & East Europe bei TTI, verfünffacht.

Verständlich, dass vor diesem Hintergrund einige Hersteller begannen, sich vor allem auf Automotive-Applikationen zu konzentrieren. Zu beachten ist dabei aber auch der Umstand, dass große Automotive-OEMs wie Continental oder Bosch jeweils nur sehr wenige Hersteller etwa von Widerständen oder MLCCs für ihre jeweiligen Produktionen freigegeben haben. Bekommt einer der Bauelementehersteller technische Schwierigkeiten oder ist nicht mehr bereit, dem von den Automotive-OEMs ausgehenden Preisdruck nachzugeben, hat das sehr schnell Auswirkungen auf andere Kunden und Zulieferer. Am Ende stehen nach Einschätzung von Reinecke bei einigen passiven Komponenten für mindestens weitere 6 bis 12 Monate weltweit nicht genügend Produktionskapazitäten zur Verfügung, um den Bedarf der bereits bekannten und anlaufenden Projekte zu decken. »Da bei Standardkomponenten langsam alle Lager leer gefegt sind«, so sein Statement, »kann es in den nächsten Wochen und Monaten durchaus zu den verschiedensten Produktionsstörungen kommen«.

Wie die aktuelle Situation aus Sicht eines der größten Hersteller aussieht, beschreibt Josef Vissing, Deputy Head of Sales bei TDK Europe: »Auch bei TDK gibt es inzwischen bei bestimmten Produktgruppen Lieferengpässe. Dazu gehören etwa MLCCs und Induktivitäten in kleinen Bauformen für Automotive-Sicherheitsanwendungen sowie Leistungskondensatoren für Industrie-Anwendungen. Wir haben inzwischen bei allen Produkten mit kritischen Lieferzeiten zusätzliche Fertigungskapazitäten aufgebaut. Wir erwarten aber dennoch nicht, dass sich die Lieferzeiten in nächster Zeit deutlich spürbar verkürzen werden.

Ganz ähnlich die Einschätzung eines anderen großen Herstellers passiver Bauelemente – Vishay: »Mit den jetzigen, bereits sehr hohen Auftragsbeständen wird sich bei stabilen oder in Zukunft gar weiter steigenden Bedarfen sicherlich in den nächsten Monaten nichts an der Liefersituation ändern, da sämtliche Kapazitätserhöhungen mehr als aufgebraucht werden«, versichert Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Vishay Passives, »selbst eine Beruhigung der Auftragseingänge würde für einige Produktionslinien aufgrund der hohen Auftragsbestände erst mittelfristig zu einer Entspannung führen«.