Kommentar zu Mentor Graphics & Siemens Eine Firmenübernahme die Sinn macht?

Alfred Goldbacher, Ressortredakteur der Fachzeitschrift Elektronik
Alfred Goldbacher, Ressortredakteur der Fachzeitschrift Elektronik

Welchem Leidensdruck muss Siemens wohl ausgesetzt sein, dass sie für eine Summe von rund 4,5 Milliarden Dollar Mentor Graphics zu übernehmen gedenkt? Ergibt diese Übernahme überhaupt Sinn?

Die US-Firma Mentor Graphics mit Sitz in Wilsonville/Oregon zählt zu den drei Großen in der EDA-Branche, und der deutsche Elektrokonzern Siemens hat sicherlich mit seinen zahlreichen Geschäftszweigen bereits seit Jahrzehnten intensive Kontakte und Deals mit dem EDA-Softwarehaus gepflegt und abgeschlossen. Letzteres verfügt zweifellos über eine Fülle an intelligenten Programmwerkzeugen, mit denen sich neue Projekte zeitsparend realisieren lassen. Die Entwicklung neuer Tools und neuer Designstrategien kann man aber auch ungleich kostengünstiger mit dem Softwarehaus exklusiv vereinbaren und so nutzen, dass man damit neue Projekte bzw. Produkte schneller als der Wettbewerb auf den Markt bringen kann. Es ist eine sehr verbreitete Praxis, dass wichtige Kunden mehr oder minder die Entwicklung eines EDA-Softwarepakets vorfinanzieren und sich dafür die exklusiven Nutzungsrechte sichern. Nach x Monaten oder Jahren darf das EDA-Softwarehaus dann das Toolset einem breiteren Nutzerkreis zugänglich machen.

Wenn man mit der Firmenübernahme allerdings vorrangig das Ziel verfolgt, dass damit Know-how den Wettbewerbern vorenthalten bleibt, so hat dieses Vorgehen zweifellos seine Schwachstellen. Man kann sehr wohl den Source-Code der verschiedenen Softwareprogramme aufkaufen, aber die geistigen Schöpfer dieser Tools lassen sich nur sehr bedingt und dann zumeist auch nur für eine Übergangsfrist von wenigen Monaten oder Jahren an den neuen Arbeitgeber binden. Die Software-Entwickler sind in den USA nur bedingt ihrem Arbeitgeber langfristig loyal, und so könnte es durchaus sein, dass diese ohnehin sehr begehrten Software-Spezialisten ihre eigene Softwarefirma gründen. Ein Wechsel zum Wettbewerber X dürfte den meisten verwehrt sein oder bedingt durch eine Sperrfrist uninteressant erscheinen.

Des Weiteren ist es schwer vorstellbar, dass das gesamte Portfolio des Softwarehauses für Siemens interessant sein dürfte. Statt dessen wäre es denkbar, dass die weniger interessanten Software-Tools eines Tages in eine eigenständige Tochter ausgegründet werden. Von dort aus kann es durch Verkaufsspezialisten vermarktet werden, die den Verkauf und den Support von Software-Tools verstehen und beherrschen. Es drängt sich zudem der Vergleich mit BMW auf, die 1994 die damals britische Rover Group für rund 9 Mrd. Mark übernommen hatte und letztendlich wohl nur an der Firmenmarke Mini interessiert war. Der Rest wurde dann im Jahre 2000 wieder “ausgespuckt”.

Es bleibt zu hoffen, dass eine so traditionsreiche Firma wie Mentor Graphics, die Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gegründet wurde und rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt, als Ganzes erhalten bleibt. Das EDA-Geschäft an sich ist sehr speziell, und der immense Support, den EDA-Software-Tools benötigen, muss von speziell geschulten Spezialisten gewährleistet werden. Sollte Siemens dies mit eigenen Ressourcen bewerkstelligen wollen, dürfte dies binnen kürzester Zeit in einem Fiasko enden.